Rätselhafter Fall in Westfalen Giftanschlag im Pausenraum

In der Nähe von Bielefeld soll ein Mann Pausenbrote von Kollegen mit einem selbstgemischten Pulver vergiftet haben. Die Ermittler untersuchen 21 Todesfälle. Was bisher über den Fall bekannt ist.

Betroffene Firma in Schloß Holte-Stukenbrock
DPA

Betroffene Firma in Schloß Holte-Stukenbrock

Von


In der westfälischen Kleinstadt Schloß Holte-Stukenbrock soll ein Angestellter eines Anlagenbauers mehrere Kollegen mit einem bleihaltigen Pulver vergiftet haben. Der Mann sitzt wegen versuchten Mordes bereits seit Mai in Untersuchungshaft, die Ermittler gehen nun einem schlimmen Verdacht nach: Möglicherweise ist der 56-Jährige für noch deutlich mehr Fälle verantwortlich. Der Überblick:

Worum geht es konkret?

Der Tatverdächtige soll versucht haben, mit einem Gift mindestens einen Kollegen umzubringen. Den Ermittlern zufolge streute er mehrfach ein selbstgemischtes Pulver auf die Pausenbrote des 26 Jahre alten Mannes. Offenbar hatte er sich diesen Kollegen gezielt als Opfer ausgesucht.

Einem Gutachten des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen zufolge soll der Verdächtige Bleiacetat auf die Brote gestreut haben. Die Menge sei dazu geeignet gewesen, schwere Organschäden hervorzurufen - und augenscheinlich hatte der Mann das Gift selbst produziert: "In seinem Wohnhaus ist eine Art Labor festgestellt worden", sagt Polizeisprecher Achim Ridder.

Bei einer Wohnungsdurchsuchung fanden Ermittler unter anderem Quecksilber, Blei und Cadmium. Wie genau er diese giftigen Stoffe beschafft hatte, ist den Ermittlern zufolge noch unklar. Einen Zusammenhang mit seinem Arbeitgeber gebe es wohl nicht, sagt Polizeisprecher Ridder: "Mit diesen Substanzen hatte die Firma nichts zu tun."

Wie flog der Täter auf?

Der 26-jährige Kollege bemerkte das Pulver auf seinem Pausenbrot zufällig bereits beim ersten mutmaßlichen Mordversuch, wie Polizeisprecher Ridder erläutert. Der Mitarbeiter habe daraufhin seine Vorgesetzten informiert, sagt Personalchef Tilo Blechinger: "Dann haben wir uns auch dank des guten Verhältnisses zum Betriebsrat schnell darauf geeinigt, das Ganze zu überprüfen."

Die Firma installierte daraufhin eine Videokamera in dem Raum, in dem sich der Pausenbereich für die Mitarbeiter befindet. Die Kamera zeichnete daraufhin an anderen Tagen auf, wie der 56-Jährige die Brotdose seines Kollegen öffnete und etwas auf die Stullen streute. Zuerst sei man von einem schlechten Scherz unter Kollegen ausgegangen, sagt Personalchef Blechinger, nicht von einem Mordversuch.

Die Firma schaltete die Polizei ein, die alle Videoaufnahmen auswertete und der Sache nachging. Eine Untersuchung ergab schließlich, dass es sich bei dem verdächtigen Pulver um Bleiacetat handelte - ein Gift, das den Organismus schwer schädigen und zum Tod führen kann.

Der Verdächtige sei seit 38 Jahren in dem Unternehmen, sagt Blechinger, er gelte als "auffällig unauffällig". Auch die Polizei steht vor einem Rätsel: "Der 56-Jährige hat sich bislang in keiner Weise geäußert", sagt Behördensprecher Ridder, daher gebe es auch keine Erkenntnisse über ein Tatmotiv. Der Mann sei zudem weder Chemiker, noch habe er eine entsprechende Vorbildung.

Was hat es mit dem Gift auf sich?

Sachverständige des Landeskriminalamtes stellten bei Untersuchungen der fraglichen Butterbrote fest, dass sie mit Schwermetallen belastet waren. Den Experten zufolge sei das eine eher ungewöhnliche Vorgehensweise, sagt Polizeisprecher Ridder: "Das kommt nicht so häufig vor."

Auch eine Sprecherin der Informationszentrale gegen Vergiftungen an der Universität Bonn spricht von einem "sehr ungewöhnlichen Fall". Bleivergiftungen seien äußert selten. Sie selbst habe in langjähriger Berufspraxis gerade einmal zwei Fälle erlebt, sagt die Toxikologin.

Bleivergiftungen blieben oft unerkannt, weil Symptome wie Lähmungen, Zittern, Schwindel oder Zahnfleischverfärbungen auch auf andere Krankheiten hindeuten könnten. Zudem sei Bleiacetat kaum zu schmecken.

Wie viele Opfer gibt es?

Im Fall des 26-Jährigen gehen die Ermittler davon aus, dass der Verhaftete der Täter ist - ob und in wie vielen anderen Fällen er Kollegen vergiftete, ist indes ungewiss. Die Ermittler gehen nun dem Verdacht nach, dass der Mann etliche weitere Kollegen mit chemischen Stoffen schwer verletzt oder getötet haben könnte.

Insgesamt würden 21 Todesfälle von Mitarbeitern der betroffenen Firma aus den vergangenen 18 Jahren untersucht, sagt Polizeisprecher Ridder. Es handele sich um vergleichsweise früh verstorbene Angestellte, von denen auffällig viele an Herzinfarkten und Krebserkrankungen gestorben seien. Ursache dafür könnte laut einem Gutachter des LKA eine Schwermetallvergiftung sein.

Hinzu kommen die rätselhaften Fälle zweier schwer erkrankter Kollegen des Tatverdächtigen aus den vergangenen drei Jahren. Ein Betroffener liegt Ridder zufolge bereits seit Längerem im Koma, ein weiterer leide unter einer Niereninsuffizienz und befinde sich in Dialyse-Behandlung. "Auch in diesen Fällen besteht der dringende Verdacht einer Schwermetallvergiftung."

Wie gehen die Ermittler vor?

Polizei und Staatsanwaltschaft in Bielefeld haben eine 15-köpfige Mordkommission gegründet, die nun alle 21 Todesfälle untersucht - auch dann, wenn jemand bei einem Verkehrsunfall oder durch Suizid gestorben sei. Möglicherweise habe es vor dem Tod auch bei diesen Menschen Erkrankungen gegeben, die auf eine Vergiftung hinweisen könnten.

Die Ermittler wollen zunächst Angehörige der Verstorbenen befragen sowie Ärzte, die die möglichen Opfer behandelt haben. Nach Sichtung der Krankenakten soll dann in Absprache mit Rechtsmedizinern geprüft werden, ob die Leichen nochmals untersucht werden.

Für eine Exhumierung der Toten in Verdachtsfällen spricht vor allem eines: Blei lässt sich auch nach längerer Zeit noch im Körper nachweisen.

Mit Material der dpa

Mehr zum Thema


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.