Schmerzensgeld-Prozess nach Suizid Der Preis des Lebens

Er wollte sich vermutlich das Leben nehmen: Stefan S. wurde im Januar 2009 zwischen Nürnberg und Lauf von einem Zug erfasst. Der Lokführer, der den 20-Jährigen überfuhr, fordert nun Schmerzensgeld von den Eltern des Getöteten.

Von


Hamburg - Den Tod ihres Sohnes haben sie nicht überwunden. Vermutlich werden sie es nie schaffen. Klaus und Martha S. klammern sich an die Hoffnung, dass sich der 20-Jährige nicht freiwillig auf die Bahngleise gelegt hat, dass es in jener Nacht im Januar 2009 doch ein Unfall war.

Sie hatten Stefan beerdigt, versucht, ihr Leben irgendwie fortzuführen, da flatterte ein Brief ins Haus: Der Lokführer, der ihren Jungen überfahren hatte, will Schmerzensgeld. Von ihnen, die selbst ihr Kind auf so tragische Weise verloren haben.

Am Dienstag wurde das Verfahren vor der 8. Zivilkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth eröffnet. Der Lokführer hat seine Ansprüche an seine Ehefrau abgetreten. So tritt sie als Klägerin auf. Ein juristischer Schachzug, denn würde der 52-Jährige selbst klagen, gäbe es in diesem Zivilprozess keine Zeugen. So aber kann er im Zeugenstand Auskunft geben.

Die Ehefrau fordert 15.000 Euro Schmerzensgeld. Ihr Mann leide seit dem Unglück unter Alpträumen, habe Schlafstörungen und Kopfschmerzen. Zudem habe er zwei Wochen nach dem Vorfall nicht arbeiten können. Er könne das schlimme Erlebnis einfach nicht verarbeiten.

Die Frau fordert außerdem Schadensersatz von Stefans Eltern. Weil deren Haftpflichtversicherung das aber ablehnt, verklagte sie das Ehepaar, das nicht vor Gericht erschien.

Klaus und Martha S. seien noch immer mit ihrer Trauer beschäftigt, erklärte ihr Anwalt Ingo-Julian Rösch: "Sie können nichts dafür, sie sind betroffen und gestraft genug."

Ein Wildschwein? Ein Reh? Ein Mensch?

Es war nachts um ein Uhr, als Stefan kurz hinter dem Haltepunkt Rehdorf vom Zug überrollt wurde. Der Lokführer hatte, wie meist in solchen Fällen, keine Chance das Unglück zu verhindern. Laut Ermittlungsakte vernahm er einen Schlag, dachte, er habe ein Wildschwein gerammt und fuhr weiter. Am Endhaltepunkt stieg er aus, warf einen Blick auf die Lok, konnte aber nichts Auffälliges feststellen und fuhr dieselbe Strecke zurück.

Bei der Rückfahrt fuhr er langsam an jener Stelle vorbei, blickte aus dem Fenster und dachte, es sei ein Reh gewesen. Erst als er den Unfallort ein drittes Mal passierte, glaubte er, einen Mensch gesehen zu haben. Er alarmierte einen Kollegen, der schließlich Stefans Leiche entdeckte.

Seit Januar 2011 habe der Lokführer mit der Sache abgeschlossen, sagt Stephan Baumann, Anwalt der Eisenbahner-Ehefrau. Er habe das Trauma verarbeitet, indem er Normalität lebe anstatt zum Psychologen zu gehen. Doch zwei Jahre lang habe er "größte Probleme" gehabt, im Alltag Fuß zu fassen. Das Bild des toten Jungen habe ihn verfolgt, ihn in Alpträumen geplagt. "Er hat quasi nicht gelebt", sagt Baumann. Der mit solchen Fällen vertraute Amtsarzt hatte den Eisenbahner allerdings nur zwei Wochen krankgeschrieben.

Zivilrichterin Jana Lux ließ bereits am ersten Verhandlungstag durchblicken, dass sie die Schmerzensgeldforderung zu hoch finde. Denkbar sei vielmehr ein finanzieller Ausgleich von 3000, maximal 5000 Euro. Entsprechend verringerte die Ehefrau des Lokführers ihre Forderung auf 5000 Euro. Ihr Mann erklärte sich ebenfalls mit einem Vergleich einverstanden. "Ich habe keinen Bock, das Ganze noch mal durchzukauen", sagte der 52-Jährige.

"Ein Haufen Geld"

Nun haben Stefans Eltern und deren Versicherung zwei Wochen Zeit, um zu überlegen, ob sie den Vergleichsvorschlag annehmen oder einen monatelangen Prozess in Kauf nehmen wollen. Ihr Anwalt zögert noch, er findet 5000 Euro für zwei Wochen Kranksein "einen Haufen Geld". "Es wurden zu wenige Anhaltspunkte für ein Trauma dargelegt", so Rösch. "Für zwei Wochen Kranksein mit Schleudertrauma beispielsweise bekommt man sonst 600 Euro Schmerzensgeld."

Die Frage ist auch, inwieweit überhaupt ein Anspruch besteht: Gehört das Überfahren eines Menschen zum Berufsrisiko des Lokführers? Muss er das ertragen? Wenn alle betroffenen Fahrer die Angehörigen von Menschen, die Suizid begehen, verklagen, könnte eine Prozesslawine ins Rollen kommen. Im Jahr 2008 nahmen sich auf deutschen Bahnstrecken 714 Menschen das Leben, im Jahr 2009 waren es laut Bericht des Eisenbahn-Bundesamtes 875.

Rein statistisch erlebt laut der Gewerkschaft Transnet jeder der etwa 34.000 Lokführer dreimal in seinem Arbeitsleben einen Personenunfall. So auch ein Bahnangestellter, der im März 2005 einen Regionalzug lenkte, vor den sich im niedersächsischen Hohnhorst eine 67 Jahre alte Frau warf. Der 55-Jährige wurde psychisch krank, musste in Frührente. Er verklagte den Witwer und bekam 9000 Euro Schmerzensgeld.

"Wer denkt an all die Lokführer?", fragt Anwalt Baumann. In Suizidforen habe er Sätze gelesen wie "Die Bahn zum Ableben nutzen."

Sollte es im aktuellen Fall zu keinem Vergleich kommen, sondern zu einem Verfahren, das mit einem Urteil endet, könnte dies wegweisend sein für vergleichbare Fälle. Das moralische Urteil scheint längst gefallen: "Menschlich gesehen sind in diesem Fall alle Beteiligten Verlierer", sagt Anwalt Baumann.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.