Suizid eines Flüchtlings in Schmölln Polizei sieht keine Anzeichen für auffordernde Rufe

Ein junger Flüchtling hat sich in Thüringen das Leben genommen - angeblich unter auffordernden Rufen von Schaulustigen. Von dieser Version geht die Polizei nach eigenen Angaben jedoch nicht aus.

Flüchtlingsunterkunft in Schmölln
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Flüchtlingsunterkunft in Schmölln


Drei Tage nach dem Suizid eines minderjährigen Flüchtlings im ostthüringischen Schmölln geht die Polizei nicht davon aus, dass ihn Anwohner zu der Tat aufforderten. "Nach jetzigem Kenntnisstand ist das nicht der Fall", sagte ein Sprecher der Landespolizeidirektion. Die vermeintlichen Äußerungen seien sehr schnell kolportiert worden.

Der Beamte berief sich dabei auf befragte Augenzeugen sowie auf Beamte, die an dem Einsatz beteiligt waren. "Diejenigen, die das am Anfang gesagt haben, konnten das in der Zeugenbefragung nicht mehr deutlich verifizieren", sagte er. Eine Mitarbeiterin der Einrichtung, die minderjährige Flüchtlinge betreut, will entsprechende Rufe gehört haben. Bei einer Befragung durch die Polizei bestätigten sich zumindest Worte wie "Spring doch" aber nicht.

Bislang sei unklar, ob es sich womöglich um ein Missverständnis oder eine Fehlinterpretation handle. Die Aussage, Schaulustige hätten den Jungen zum Suizid aufgerufen, habe sich offenkundig als "Selbstläufer" verbreitet.

Der Thüringer Flüchtlingsrat verlangte die lückenlose Aufklärung des Geschehens. Das tragische Ereignis werfe viele Fragen zum Krisenmanagement auf. Am Freitag war der aus Somalia stammende Jugendliche vom Fensterbrett seiner Wohnung im fünften Stock eines Plattenbaus gesprungen und an seinen Verletzungen gestorben.

Schmöllns Bürgermeister Sven Schrade
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Schmöllns Bürgermeister Sven Schrade

Am Wochenende hatte unter anderem David Hirsch, Geschäftsführer der Betreuungseinrichtung, bestätigt, dass eine Mitarbeiterin auffordernde Rufe gehört habe. Ähnlich äußerte sich der Bürgermeister von Schmölln, Sven Schrade (hier im Interview): "Uns liegen Informationen vor, dass einige Schaulustige dem Vorfall lange beigewohnt haben, und es sollen wohl auch Rufe wie 'Spring doch' gefallen sein", sagte der SPD-Politiker.

Zuvor hatte bereits Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow Berichte über angebliche Aufrufe zur Selbsttötung angezweifelt. Der Vorfall habe möglicherweise eine andere Entwicklung gehabt, sagte Ramelow im Deutschlandfunk. Ein Nachbar habe seine Rufe nach eigenen Angaben auf den Sprung in das von der Feuerwehr aufgespannte Sprungtuch bezogen.

Kommentare in sozialen Netzwerken, die den Suizid des Flüchtlings befürworteten, bezeichnete Ramelow als "inhuman" und "katastrophal". Die Polizei prüft nun nach eigenen Angaben, ob sie wegen Hasskommentaren im Internet Strafverfahren einleiten wird.

Ministerpräsident Bodo Ramelow
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Ministerpräsident Bodo Ramelow

Betreuer hatten am Freitag die Polizei alarmiert, weil der vermutlich minderjährige Somalier in seiner Wohngruppe randaliert haben soll. Als die Beamten eintrafen, saß der Jugendliche bereits auf der Fensterbank. Auch die Feuerwehr war vor Ort und versuchte laut Lokalmedien vergeblich, den Tod des Jugendlichen durch ein Sprungtuch zu verhindern.

Der Jugendliche soll sich seit April in der Obhut des örtlichen Jugendamts befunden haben und mehrfach in psychischer Behandlung gewesen sein. "Er war traumatisiert und hatte psychische Probleme", zitierte die "Leipziger Volkszeitung" Jugendamtschef Dirk Nowosatko. Deshalb sei er am Donnerstag in die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landesfachkrankenhauses nach Stadtroda gebracht worden. Am Freitag wurde er offenbar von dort abgeholt und nach Schmölln zurückgebracht, kurze Zeit später kam es zu dem Suizid.


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mxw/dpa/AFP



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