Schmuck-Coup in Cannes Millionenraub als Kinderspiel

In Cannes wird man den Schmuckraub im Carlton-Hotel nicht so schnell vergessen - und das liegt nicht allein an der rekordverdächtigen Schadenssumme: Der Dieb konnte offenbar mühelos vorgehen. Die Ermittler sind ratlos, im Hotel herrscht Entsetzen.

AP

Aus Cannes berichtet Annika Joeres


Zakaria Rami ist noch immer fassungslos. "Eine gnadenlose Stümperei", so fasst er zusammen, was den wohl größten Juwelenraub der Geschichte offenbar möglich machte. Rami ist Rezeptionist im Hotel Carlton, Cannes' Top-Absteige für Reiche und beliebter Veranstaltungsort von Geschäftsleuten, die Luxusware an den Millionär bringen wollen.

Am Sonntag hatte ein Dieb Schmuckstücke aus dem Carlton entwendet, die bei einer Ausstellung präsentiert wurden. Der Wert ist enorm: Auf umgerechnet rund 103 Millionen Euro bezifferte ihn die Staatsanwaltschaft. Rami, Vertreter der Gewerkschaft CGT, hat mittlerweile Angst um die Sicherheit der Angestellten: "Jeden Sommer werben die Hotels der Stadt für millionenschwere Ausstellungen und gefährden damit das Leben von Zimmermädchen, Barmännern und Portiers."

Tatsächlich scheint der Rekordraub ein Kinderspiel gewesen zu sein. Von filmreif kann keine Rede sein: Während in Streifen wie "Topkapi" oder "Oceans Eleven" Ganoven mit ihren ausgefuchsten Plänen zu Helden werden, musste der Täter von Cannes offenbar keine Codes von Alarmanlagen knacken oder Lichtschranken ausweichen.

Kaum jemand wusste vom Wert der Schmuckstücke

Der bislang flüchtige Täter konnte über eine Terrassentür die Ausstellung "Extraordinary Diamonds" betreten. Er soll sich mit einer Mütze und einem Schal vermummt haben, er trug wohl eine automatische Waffe. Er stopfte 72 Schmuckstücke von den Auslagen in seine Tasche und floh laut Polizei "ungehindert" über einen Seitenausgang. Fertig war der Rekordraub.

"Man kann nicht die Kronjuwelen von ein paar privaten Wachleuten sichern lassen", sagt Rami. Nicht einmal die örtliche Polizei sei über den Wert der Exponate von Lev Leviev, einem in London lebenden russisch-israelischen Milliardär, informiert gewesen. "Eine Unterfirma schickte maximal vier Sicherheitsleute in den Ausstellungsraum des Hotels, das war alles", erzählt Rami. Es habe weder kugelsicheres Glas noch Sicherheitsschranken am Eingang gegeben.

Der Polizei fehlt noch jede Spur, selbst die Videoaufnahmen bringen die Ermittler bislang nicht weiter - die Qualität ist zu schlecht. "Auch das organisierte Verbrechen wie etwa die 'Pink Panther'-Gruppe können wir nicht ausschließen", sagt Bernard Mascarelli von der übergeordneten Kriminalpolizei im benachbarten Nizza SPIEGEL ONLINE.

Es gebe aber bislang noch viele Fragen - beispielsweise, wie der Unbekannte trotz der sofortigen Sperrung des Viertels nach der Tat fliehen konnte. Und: "Außer den Besitzern war niemandem der ungeheure Wert der Exponate bekannt", so Mascarelli.

Nur Profis können den seltenen Schmuck ausreichend ändern lassen, um ihn dann weiterzuverkaufen. Und die "Pink Panther"-Gruppe ist bekannt für Diebstähle besonderer Stücke. Die Zahl der Mitglieder des Netzwerks wird auf 200 geschätzt, ihren Ursprung soll sie im ehemaligen Jugoslawien haben. Interpol listet auf seiner Website spektakuläre Überfälle auf: Mal verkleideten sie sich als Frauen, mal rasten sie mit zwei Fahrzeugen in ein Dubaier Einkaufszentrum oder betäubten Angestellte in einem Tokioter Schmuckladen.

Stecken die "Pink Panther" dahinter?

Die organisierten Diebe werden von Interpol bislang für Schmuckraub im Wert von 300 Millionen Euro verantwortlich gemacht. Und erst vergangenen Donnerstag floh ein Mitglied der Bande, der Bosnier Milan Poparic, wild um sich schießend aus einem Schweizer Gefängnis. Ein Zufall?

Immerhin wurden erst im Mai Diamantencolliers im Wert von mehr als einer Million Euro aus einem Safe im Novotel von Cannes geklaut - einen Tag bevor der Pariser Edeljuwelier Chopard die Klunker an die Stars des Filmfestivals verleihen wollte. Wenige Tage zuvor war ein anderes "Pink Panther"-Mitglied aus dem Gefängnis ausgebrochen.

Wer auch immer im Carlton zuschlug: Cannes lässt der Coup kalt. Die Stadt frönt ihrem Prunk. Die meist elegant behüteten Damen verlassen die Fünfsternehotels mit wertvollen Colliers um den Hals, die fünf Juweliere an der weltberühmten Croisette zeigen im Schaufenster ihre schönsten Ohrringe und diamantbesetzten Uhren. Daran hat der Diebstahl nichts geändert, die Stadt ist gerade im Hochsommer die Spielwiese der Superreichen geworden, da darf das Spielzeug nicht versteckt werden.

Vielleicht hat das alltägliche Überangebot an Luxus in der nur 80.000 Einwohner zählenden Stadt Aussteller und Juweliere blind gemacht. Laut Rezeptionist Rami findet zurzeit auch in privaten Suiten des nur wenige hundert Meter vom Carlton entfernten Majestics-Hotel eine wertvolle Schmuckausstellung statt. Kommentieren möchte keiner der Juweliere vor Ort das Ereignis, auch der französische Juwelierverband UBH möchte sich auf Anfrage nicht äußern. Vielleicht spielt auch Angst vor Nachahmungstätern eine Rolle, jetzt, da klar ist, wie einfach so ein Rekordraub sein kann.

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