Millionenraub von Cannes Versicherung setzt Rekordkopfgeld aus

Nach dem Rekordraub von Juwelen im Wert von mehr als 100 Millionen Euro in Cannes fehlt der Polizei jede Spur vom Täter. Nun bietet die Versicherung Fahndungshilfe an: Sie will ein Kopfgeld von einer Million Euro ausloben.

AFP

Aus Cannes berichtet Annika Joeres


Schon der Raub war rekordverdächtig, nun bahnt sich eine außergewöhnliche Jagd an: Auf den Täter, der Juwelen im Wert von 103 Millionen Euro in Cannes geraubt hat, soll ein Kopfgeld ausgesetzt werden. Die Versicherung des ausgeraubten Diamanten-Ausstellers Lev Leviev will eine Million Euro für wichtige Hinweise auf den Täter bieten, heißt es in lokalen Medien.

"Der Staatsanwalt aus Grasse prüft gerade eine solche Prämie", so Bernard Mascarelli von der übergeordneten Kriminalpolizei im benachbarten Nizza zu SPIEGEL ONLINE. Dabei sei eine Belohnung von einem Prozent der Schadenssumme "üblich".

Die Polizei wird kaum etwas gegen die Prämie einzuwenden haben. Bislang fehlt der 15-köpfigen Ermittlergruppe jede Spur. Dem Mann gelang der Rekordraub im Luxushotel Carlton geradezu kinderleicht. Über eine Terrassentür konnte er die Ausstellung "Extraordinary Diamonds" betreten. Mit einer Mütze und einem Schal vermummt, in der Hand eine Waffe, stopfte er 72 Schmuckstücke von den Auslagen in seine Tasche und floh laut Polizei "ungehindert" über einen Seitenausgang.

Die Praxis der "inoffiziellen Prämien"

Der Täter ist seitdem verschwunden, es existiert nicht einmal ein Fahndungsfoto. Nach Berichten französischer Medien ließ Leviev seine Exponate bei Lloyd's of London absichern - einer Börse von Versicherern, deren Mitglieder in wechselnden Gruppen für millionenschwere Wertobjekte haften. Lloyd's gibt sich bedeckt: "Wir können dies weder bestätigen noch dementieren", sagt Sprecher Matt Beasley.

Auch zu dem Kopfgeld will der Brite schweigen, weist aber darauf hin, dass solche Prämien keine neue Erfindung sei. "Es hat in der Geschichte schon offizielle und inoffizielle Prämien nach Schmuckdiebstählen gegeben."

Viel Zeit zu verlieren haben die Versicherer nicht: Der französische Versicherungsverbund Gras Savoye erklärte in der Tageszeitung "Le Figaro", die Vertragspartner von Leviev könnten höchstens zwei Monate auf Fahndungserfolge der Polizei warten. Ist eine Ergreifung der Täter dann immer noch nicht in Sicht, sei die volle Summe fällig.

"Wie vom Erdboden verschluckt"

Auch deshalb verhandeln Versicherer wohl häufig in vertraulicherer Runde über die von Beasley angesprochenen "inoffiziellen Prämien" für wertvolle Hinweise auf die Diebesware. Ihnen geht es darum, die versicherten Gegenstände zurückzubekommen. Die Ergreifung des Täters ist für sie letztlich zweitrangig.

Die südfranzösische Polizei dagegen will einen Alleingang der Versicherungen verhindern. "Wir wollen nicht, dass die Konzerne plötzlich Boutiquen beispielsweise in Tel Aviv Geld anbieten, um auf diesem illegalen Wege die Stücke zurückzuerlangen", so der französische Fahnder Mascarelli.

Die Ermittler suchen selbst den Kontakt zu Juwelieren im Ausland. Sie haben Händler etwa in Paris, London und Berlin informiert und Bilder der Schmuckstücke weitergeleitet. Allerdings gilt auch dies in Ermittlerkreisen als nicht sehr vielversprechend: Profis lassen so einzigartige Exemplare wie die des russisch-israelischen Milliardärs Leviev umarbeiten und zerlegen auch große Diamanten im Zweifelsfall, um die Ware unkenntlich zu machen.

Doch die Ermittler sind zu diesen Recherchen gezwungen, nachdem für sie in Cannes nichts zu holen war: Die Hotelangestellten und Passanten konnten bisher keine interessante Aussagen machen. "Der Täter ist wie vom Erdboden verschluckt", sagt Fahnder Mascarelli.

Besonders teures Jahr für Juweliere

Dabei filmen in der Luxusstadt Cannes schon am Bahnhof Kameras jeden Winkel ab, rund um das Hotel Carlton an der Croisette sind verspiegelte Videoköpfe an nahezu jedem Laternenpfahl befestigt. Geholfen hat die Totalüberwachung nicht. "Wir prüfen nun auch die Filme von privaten Videokameras in Geschäften und in Wohnhäusern", so Mascarelli. Aber auch dies habe bislang keine heiße Spur eingebracht.

Cannes ist in diesem Jahr ein besonders heißes Pflaster: Wenige Tage nach dem Rekorddiebstahl wurde ein Juwelier nur wenige hundert Meter vom Carlton entfernt von zwei Männern ausgeraubt. Sie flüchteten mit Uhren im Wert von einer Million Euro. Der selbe Laden war schon im Februar Opfer eines Überfalls geworden.

Im Mai wurden Diamantencolliers im Wert von mehr als einer Million Euro aus einem Safe im Novotel von Cannes entwendet - einen Tag, bevor der Pariser Edeljuwelier Chopard den Schmuck an die Stars des Filmfestivals verleihen wollte. Inzwischen verdächtigt die Polizei einen 40-jährigen Mann, der auf Mallorca wegen eines ähnlichen Tresoreinbruchs - ebenfalls in einem Luxushotel - in Untersuchungshaft sitzt. Videoaufnahmen hatten die Polizei auf den Mann gebracht.

Einen Zusammenhang zwischen den Fällen in Cannes kann Fahnder Mascarelli aber nicht erkennen. Die Täter hätten nur eines gemeinsam: "Sie sind auf ihre Art besonders dreist und gerissen."



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