Totes Ehepaar aus Bayern Wie aus einer Vermisstensuche ein Mordfall wurde

In Schnaittach bei Nürnberg sind die Leichen eines vermissten Ehepaars gefunden worden - einbetoniert in eine Mauer. Der Sohn hatte öffentlich nach ihnen gesucht. Jetzt sitzen der 25-Jährige und seine Partnerin in U-Haft. Der Vorwurf: Mord.

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"Die größte Freude, die man uns machen könnte wäre, dass die beiden einfach wieder zur Tür kommen", sagt Ingo P. Es ist erst ein paar Tage her, dass der 25-Jährige diese Worte in die Kamera eines fränkischen Lokalsenders gesprochen hat. Damals ging es noch um die Suche eines jungen Mannes nach seinen Eltern, die angeblich spurlos verschwunden waren. Ein trauriger Vermisstenfall.

Nun ist klar: Das Paar wurde umgebracht. Die Polizei fand die Leichen des Elternpaares einbetoniert in eine Mauer des Hauses der Familie in Schnaittach nördlich von Nürnberg.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 25-Jährigen und seiner 22 Jahre alten Frau vor, seine Eltern umgebracht zu haben. Demnach hatten die Beschuldigten zuvor wochenlang eine Vermisstensuche inszeniert, im Fernsehen, in der Lokalzeitung, bei Facebook.

Der 70 Jahre alte Mann und seine 66-jährige Ehefrau gelten seit Mitte Dezember als verschwunden. Laut der Sprecherin der Staatsanwaltschaft sah man die Frau zuletzt am 13. Dezember beim Arzt, wo sie einen Termin vereinbarte. Am 28. Dezember meldete der Sohn die beiden als vermisst.

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Dass Ingo P. so lange wartete, erklärte er der Staatsanwaltschaft zufolge so: Die Eltern seien verreist, sie wollten am 27. Dezember wiederkommen. Doch sie kamen nicht zurück.

Ingo P. und seine Frau Stephanie begannen, öffentlichkeitswirksam nach ihnen zu suchen. Der "Pegnitz-Zeitung" sagte Ingo P., die Ungewissheit über den Verbleib seiner Eltern treibe ihn in die Verzweiflung. Seine Eltern hätten die Koffer gepackt und seien losgefahren, ohne sich zu verabschieden.

Widersprüchliche Aussagen

Es folgen weitere Artikel und Fernseh-Interviews. Ingo P. gründete eine Gruppe bei Facebook, bat um Spenden für Vermisstenanzeigen in ausländischen Zeitungen. Parallel dazu verstrickte er sich in Widersprüche.

Wohin seine Eltern fuhren? Wie sie unterwegs waren? Dazu macht er laut Staatsanwaltschaft widersprüchliche Angaben. Zur "Pegnitz-Zeitung" sagte Ingo P., er habe angenommen, dass seine Eltern auf dem Weg zu Verwandten in Tschechien seien. Doch nachgefragt habe er nicht.

Die Polizisten fanden allerdings keinen Hinweis, dass die Eheleute das Haus überhaupt verlassen haben. Die Autos wurden nicht bewegt, Nachbarn sahen kein Taxi, das das Paar abholte. Auch Reisebuchungen fand man nicht. Die Beamten schöpften Verdacht.

Verstärkt wurde diese Vermutungen wohl auch durch das seltsame Verhalten von Ingo P. und seiner Frau. Am 29. Dezember heirateten sie in Abwesenheit der Eltern. Der 25-Jährige verkaufte laut Staatsanwaltschaft Anfang Januar das Wohnmobil seiner Eltern. Das sei so vorher so abgesprochen gewesen, sagte er laut "Pegnitz-Zeitung".

Montagmorgen griffen die Beamten schließlich zu. Man vereinbarte ein Treffen auf der Polizeiwache, auf dem Weg dorthin nahmen die Beamten Ingo P. und seine Frau fest. Parallel dazu rückten sie mit Bagger, Radlader und Bauzäunen an und durchsuchten das Haus der Familie. Dort wohnten das Elternpaar, ihr Sohn und die Schwiegertochter.

Spuren beseitigt?

Die Polizisten bemerkten laut Staatsanwaltschaft, dass kürzlich diverse Renovierungsarbeiten in dem Haus vorgenommen worden waren: Im Schlafzimmer war gestrichen worden, eine Grube in der Garage zubetoniert. Laut einer Sprecherin erweckte dies den Eindruck, "als ob hier Spuren beseitigt werden sollten".

In einer Grube in der Garage fand man einen Reisekoffer. Auch eine Wand im Anbau der Garage fiel den Beamten auf: "Der Beton sah neu aus", sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Dort legten die Polizisten die einbetonierten Leichen des Paares frei.

Die Obduktion ist noch nicht abgeschlossen. Doch es kann der Staatsanwaltschaft zufolge ausgeschlossen werden, dass das Paar auf natürliche Weise starb. Auch dass es ich bei der männlichen Leiche um den 70-Jährigen Vater von Ingo P. handle, ist den Ermittlern zufolge nun klar.

Die Staatsanwaltschaft wirft Ingo und Stephanie P. gemeinschaftlichen Mord vor. Der 25-Jährige schweigt. Seine Frau bestreitet, ihre Schwiegereltern umgebracht zu haben. Nach SPIEGEL-Informationen gab sie aber zu, ihrem Mann bei der Beseitigung der Spuren geholfen zu haben. Über das Motiv macht die Sprecherin der Staatsanwaltschaft keine Angaben.

Der mittelfränkische Polizeipräsident Johann Rast hatte zuvor angedeutet, dass die 66-Jährige getötete Frau mit der Beziehung ihres Sohnes zu der 22-Jährigen nicht einverstanden gewesen sein könnte.

Ingo P. jedenfalls war sich seiner Sache offensichtlich ziemlich sicher. Er habe bis zum Schluss nicht damit gerechnet, dass ihm die Polizei auf die Schliche kommt, sagte Rast. Der 25-Jährige habe sich vermutlich eine Art Parallelwelt aufgebaut.

Mit Material von dpa und AFP

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