Laien als Richter "Gut, dass es diesen Quatsch gibt"

Fünf Jahre lang muss Peter Maxwill als Laienrichter am Hamburger Landgericht urteilen - diese Zeit hat sein Kollege Marc Baumann in München bereits hinter sich gebracht. Hier reden die beiden über Sinn und Unsinn des Schöffensystems.

Schöffin neben Berufsrichter: Für fünf Jahre verpflichtet
DPA

Schöffin neben Berufsrichter: Für fünf Jahre verpflichtet


Zur Person
  • Peter Maxwill studierte gerade in Rom, als ihn das Landgericht Hamburg bis 2018 als Schöffen verpflichtete. Seit seiner Berufung sitzt er regelmäßig auf der Richterbank - zunächst als Student und freiberuflicher Journalist, später als Volontär und Redakteur bei SPIEGEL ONLINE. In einer Serie berichtet er von seinen Erlebnissen als Laienrichter im Namen des Volkes.

    E-Mail: Peter_Maxwill@spiegel.de

    Mehr Artikel von Peter Maxwill

Peter Maxwill: Marc, du hast vor anderthalb Jahren in einem Münchner Amtsgericht dein letztes Urteil als Schöffe gefällt. Hat dir zum Abschluss eigentlich jemand für deinen Einsatz gedankt?

Marc Baumann: Nein, es gab keine Urkunde, keine Blumen, nicht mal einen Händedruck. Und trotzdem habe ich an diesem Tag gemerkt, dass ich am Schöffenamt hänge.

Maxwill: Das unterscheidet uns. Was fandest du so toll daran?

Baumann: Die Erfahrung, Teil eines Gerichts zu sein. Das geht schon damit los, dass einen die Polizisten auf dem Gang grüßen. Dann die Besprechungen mit dem Richter, das verdammt schwierige Fällen eines Urteils, sogar die meist deprimierenden Lebensgeschichten der Angeklagten. Ich hatte einfach das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

Maxwill: Aber du wurdest doch zwangsverpflichtet, so wie ich. Mich hat es geärgert, plötzlich für ein halbes Jahrzehnt Staatsdiener zu sein. Dich nicht?

Baumann: Doch, natürlich. Das war ja auch ziemlich bizarr damals: Als ich meinen Pass verlängern wollte, haben die mich auf dem Amt gefragt, ob ich Lust hätte, Schöffe zu werden. Ich hab dann "vielleicht" gesagt und nicht gewusst, dass Schöffen in Millionenstädten wie München händeringend gesucht werden - und ein Vielleicht deshalb ein Ja ist.

Maxwill: In meinen Augen ist es skandalös, dass der Staat Zehntausende Menschen als Laienrichter zwangsverpflichtet und dabei kaum die Lebenssituation dieser Rekruten berücksichtigt.

Baumann: Ich hatte zumindest das Glück, Journalist zu sein. Wenn ich von der Redaktion zum Gericht fuhr, konnte ich den Kollegen sagen: "Ich recherchiere mal für 'ne Geschichte", weil ich später einen Artikel und dann ein Buch darüber geschrieben habe. Außerdem waren meine Prozesse am Amtsgericht fast immer schon nach einem halben Tag beendet.

Maxwill: Das ist am Landgericht Hamburg anders. Im vergangenen Jahr haben sich dort manche meiner Fälle über Monate hingezogen. Das war für mich als selbstständiger Journalist finanziell eine Belastung, weil die Entschädigungen eher mickrig ausfallen und ich für Prozesstage Aufträge ablehnen oder verschieben musste.

Baumann: Das Landgericht ist noch mal etwas ganz anderes, keine Ahnung, wie man so einen Marathonprozess mit seinem Beruf vereinbaren soll. Und fünf Jahre sind wirklich eine wahnsinnig lange Zeit. Hätte mir jemand gesagt: "Baumann, Sie sind jetzt ein Jahr lang Schöffe", hätte ich gesagt: "Okay, das schau ich mir mal an." Aber fünf Jahre hätte ich sicher nicht freiwillig auf mich genommen.

Maxwill: Ich wäre gerne später Schöffe geworden und befürworte dieses Amt auch grundsätzlich. Es sollte nur fairere Möglichkeiten geben, eine Verpflichtung anzufechten. Denn dass ich ausgerechnet in der Examensphase und meinen ersten Berufsjahren Zeugen befragen und Tatverdächtige verurteilen soll, finde ich unglücklich - deshalb habe ich auch versucht, mein Ehrenamt wieder loszuwerden.

Baumann: Ich habe damals auch sofort beim Gericht angerufen und gegen meine Berufung protestiert. Aber die haben mir gesagt, dass das nicht meine Entscheidung sei. Und schwänzen geht ja nicht, das wurde mir gleich gesagt: "Wenn Sie unentschuldigt nicht zum Prozess kommen, gibt es bis zu 1000 Euro Strafe."

Zur Person
  • SZ-Magazin
    Marc Baumann, geboren 1977, arbeitet beim "Süddeutsche Zeitung Magazin". Seine Erfahrungen als Schöffe hat er in einem Buch aufgeschrieben: "Richter Ahnungslos", Rowohlt Verlag, 9,99 Euro.
Maxwill: In meinen Augen ist das eine Zumutung. Der Staat kann "Ehrenamtliche" nicht nur verpflichten, sondern ihnen auch noch hohe Geldbußen auferlegen. Als ich nach einer Spätschicht mal verschlafen habe, hat mich sogar die Polizei von zu Hause abgeholt.

Baumann: Als ich einen Termin vergessen habe, musste ich zur Strafe 300 Euro zahlen.

Maxwill: Ich bewundere die Gelassenheit, mit der du das erzählst.

Baumann: Naja, als ich einmal wegen eines Prozesses nicht zur Computermesse Cebit fahren durfte, hat mich das schon sehr geärgert. Aber es gab eben auch Prozesse und Angeklagte, bei denen ich wirklich etwas gelernt habe über Kriminalität und die Motivation von Tätern. Vielleicht ist das eine Typfrage: Ich finde auch in langweiligen Dingen fast immer etwas, was mich interessiert - selbst wenn in einem Prozess stundenlang nur Dokumente verlesen werden.

Maxwill: Genau deshalb finde ich manche Sitzungstage einfach nur anstrengend.

Baumann: Dann sehe ich eben dem Justizbeamten zu, der gegen den Schlaf kämpft, bis ihm die Augen zufallen. Das kann auch sehr unterhaltend sein. Natürlich ist das alles ein bisschen absurd. Das Schöffenamt ergibt manchmal nicht so richtig viel Sinn, gerade, wenn Fälle verhandelt werden, denen man als Schöffe ohne Vorkenntnisse gar nicht folgen kann. Aber: Ich finde trotzdem gut, dass es das Schöffenamt gibt. So ist das Leben manchmal: Ist eigentlich Quatsch, aber gut, dass es diesen Quatsch gibt.

Maxwill: Allerdings kann man beim meisten Quatsch selbst entscheiden, ob man ihn wirklich will.

Baumann: Ja, aber wer Bürgerbeteiligung will, muss die Verpflichtung von Schöffen hinnehmen. Es kann ja jeden treffen, das ist auch ein Prinzip der Demokratie. Bei der Wehrpflicht und dem Zivildienst war das ähnlich: Ich hatte keine Lust darauf, aber am Ende waren mir die Senioren im Altenheim ans Herz gewachsen.

Maxwill: Den Zivildienst habe ich auch gerne absolviert. Der war planbar, betraf alle Männer meines Jahrgangs und dauerte keine fünf Jahre. Außerdem war ich nicht gleichzeitig damit zugange, mir eine berufliche Existenz aufzubauen.

Baumann: Die Berufung zum Schöffen fühlt sich ungerecht an, ja. Aber wenn nur Rentner mit viel Freizeit Schöffen wären, wäre das nicht gut. Der Schöffe soll die ganze Gesellschaft repräsentieren, eben auch 25-Jährige. Ich finde die Laienrichter sehr wichtig für unseren Rechtsstaat - obwohl das Schöffensystem an ganz vielen Stellen krankt.

Maxwill: Auf diese Erkenntnis können wir uns gerne einigen.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vnoock 27.05.2015
1. Pffff....
Die haben einfach ihre Macht genossen, über andere zu urteilen. 0 Respekt.
interdet 27.05.2015
2. Im Namen des Volkes
Man kann dieses Ehrenamt als Last oder Lust bezeichnen. Bedeutsam ist jedoch, dass an den Stammtischen immer schnell über Personen gerichtet wird und jeder weiß, welches gerechte Urteil dieser Person zuteil werden sollte. Und wenn dann ein Laienrichter persönlich ein Urteil mit festsetzen muss, bei dem beispielsweise eine Familie aufgrund einer Haftstrafe getrennt wird, dann wird man wieder etwas kleinlauter und wiegt die einzelen Argumente ab. Wenn von diesen Personen dann an die Stammtische getragen wird, dass man sich bei Gericht nicht nur die "nackten" Fakten, sondern auch die Person und die Lebensumstände anschaut und in die Beurteilung/ Verurteilung mit einbezieht, dann hat dieses Ehrenamt seine absolute Bedeutung.
kobmicha 27.05.2015
3. Selbstdarsteller.
Zwei Journalisten füllen hier die Zeilen mit Gesülze über sich ,ihre angeblichen Beweggründe und Abneigungen. Schlimmer gehts nimmer. SPON und seine Mitarbeiter in eigener Sache wäre da der richtige Titel!! Interessiert dann aber niemanden! Oder was ist über den Buchhalter. den Koch, den Sachbearbeiter zu Berichten die ebanfalls Schöffen sind? Sind halt keine so "wichtigen "Menschen wie die Herren Journalisten!
infonetz 27.05.2015
4.
Wer es macht ist es doch selber Schuld! Keiner muss das tuen wenn es ihn zu sehr belastet.
tailspin 27.05.2015
5. Richtige Einstellung
"Ja, aber wer Bürgerbeteiligung will, muss die Verpflichtung von Schöffen hinnehmen." Und nicht nur da. Da es fuer diesen Dienst keinen Haendedruck gab: Besten Dank von einem Buerger.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.