Hakenkreuze an Unfallort "Was haben wir euch bloß getan?"

Ein syrisches Kind stirbt bei einem Unfall in Mecklenburg, wenig später tauchen am Unglücksort rechtsextreme Schmierereien auf. Ermittler sehen einen Zusammenhang, die Hinterbliebenen sind schockiert.


Der kleine Ort Schönberg in Nordwestmecklenburg ist offenbar Schauplatz einer rassistischen Hasskampagne gegen die Familie eines tödlich verunglückten Kindes. Nach dem Unfall sind mittlerweile zweimal handgemalte Hakenkreuze am Ort des Unglücks aufgetaucht.

Am Nachmittag des 20. Juni hatte im Ortskern der 4400-Einwohner-Stadt, am Anfang der Dassower Straße, ein Traktor den aus Syrien stammenden Jungen erfasst. Der Neunjährige war laut Polizei mit einem Fahrrad auf dem Gehweg ins Schlingern gekommen und auf die Straße geraten, wo er seitlich erfasst wurde. Das Kind starb wenige Tage später im Krankenhaus.

Zweieinhalb Wochen später, am 8. Juli, meldete ein Zeuge der Polizei ein Hakenkreuz auf dem Gehweg in der Dassower Straße: etwa einen Quadratmeter groß, aufgemalt mit weißer Farbe, exakt am Ort des Traktorunfalls. Das verfassungsfeindliche Symbol wurde entfernt, doch knapp drei Wochen später tauchte ein weiteres auf - in gleicher Größe, mit gleicher Farbe, am gleichen Ort.

Die Ermittler schalteten nach eigenen Angaben den Staatsschutz ein und riefen Zeugen auf, sich mit Hinweisen an die Polizei zu wenden. Der Verdacht: eine rassistische Kampagne gegen Zuwanderer.

"Wir glauben, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Tod des Jungen und den Schmierereien gibt", sagte Polizeisprecherin Sophie Pawelke der "Schweriner Volkszeitung". Dem Bericht zufolge hinterließen die Täter beim zweiten Mal eine unmissverständliche Botschaft neben dem aufgemalten Hakenkreuz: "1:0". Eine Drohung? "Auch wir haben zu den Umständen der Tat noch keine näheren Erkenntnisse", sagte Reinhard Müller, Chef des Landesverfassungsschutzes, der Zeitung.

"Das ist primitivster Hass auf Ausländer"

Die betroffene Familie zeigt sich nun entsetzt über die Vorgänge. "Wir sind 2015 aus Idlib in Syrien nach Deutschland gekommen", berichtete der Vater der "Bild"-Zeitung. Über seinen gestorbenen Sohn sagte er: "Er träumte davon, aufs Gymnasium zu gehen, zu studieren." Der Unfall vom 20. Juni habe seine Frau schwer getroffen. Die Mutter des Jungen sagte demzufolge: "Was haben wir euch bloß getan, dass ein Hakenkreuz gemalt wird?"

Die Region um Grevesmühlen in Nordwestmecklenburg galt noch vor einigen Jahren als Hochburg der rechtsextremen Szene, etwa 30 Kilometer entfernt von Schönberg liegt das als Neonazi-Dorf verschriene Jamel. Landesinnenminister Lorenz Caffier sagte der "Bild-Zeitung", dass es in Schönberg selbst keine unmittelbare rechte Szene gebe. "Allerdings prüfen wir derzeit, inwiefern Rechtsextremisten in der näheren Umgebung beheimatet sind."

"Ein Zusammenhang zwischen Hakenkreuz-Schmierereien und dem tragischen Unfall ist stark anzunehmen", sagte der CDU-Politiker. Er habe die Sicherheitsbehörden darauf verwiesen, dass alles zu tun sei, um eine zügige Aufklärung im Fall der Hakenkreuz-Schmierereien zu erreichen: "Sie sind eine erschütternde Verhöhnung des Opfers."

Entsetzt reagierte auch der Bürgermeister von Schönberg. "Das ist blinder, primitivster Hass auf Ausländer", sagte Lutz Götze der "Schweriner Volkszeitung". Er habe Mitgefühl mit den Hinterbliebenen und den Freunden des gestorbenen Jungen. "Ich weiß nicht, was in den vernebelten Köpfen solcher Täter vorgeht", so Götze: "Das darf man nicht hinnehmen."

Der Vater des gestorbenen Kindes sagte der "Bild"-Zeitung auch Tröstendes: "Menschen standen uns bei, weinten mit uns." Schließlich hätten deutsche Freunde seines Sohnes die Hakenkreuze übermalt - mit Blumen und Herzen.

mxw



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.