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29. März 2012, 16:28 Uhr

Missbrauch im Bistum Trier

Aufklärung auf katholisch

Von Anna Loll und Peter Wensierski

Vertuschung statt Aufdeckung: Schont ausgerechnet der Missbrauchsbeauftragte und Trierer Bischof Stephan Ackermann Kinderschänder? In seinem Bistum scheinen die Aufklärer zum Schweigen verdammt zu sein.

Pater Klaus Gorges öffnet die Tür zu seiner kleinen Einliegerwohnung mit der beeindruckenden Sammlung orthodoxer Ikonen. Der 56-Jährige trägt Priesterrobe mit steifem Kalkkragen und war stets ein frommer und folgsamer Diener der katholischen Kirche. Doch inzwischen ist er tief erschüttert über seine kirchlichen Oberen. Weil er versucht hat, in der Pfarrei St. Martin in Köllerbach im Bistum Trier drei Missbrauchsfälle aufzuklären.

Er ist entsetzt über seinen langjährigen Vorgesetzten und Dechanten, entsetzt über den Trierer Bischof Stephan Ackermann und das ganze Ordinariat. Darum packte der konservative Pater seine ganze Enttäuschung dieser Tage in einen Brief an seine Kirchenoberen. Darin wirft er ihnen Vertuschung statt Aufklärung vor und fordert vom Bistum Trier, "endlich reinen Tisch zu machen".

Es ist in der katholischen Kirche eher unüblich, dass ein Geistlicher wie Pater Gorges seine obersten Dienstherren öffentlich kritisiert. Aber Gorges steht mit seiner Kritik nicht alleine. Bischof Ackermann sieht sich seit der SPIEGEL-Berichterstattung über die Weiterbeschäftigung pädophiler Priester nun neuen, massiven Vorwürfen ausgesetzt. Die katholische Kirche findet einfach nicht die erhoffte Ruhe, weil sie im Umgang mit Missbrauchsfällen offenbar weniger dazugelernt hat, als sie es so gern nach außen verkündet.

Schon gar nicht in Köllerbach. In einem offenen Brief empören sich diese Woche Angehörige eines anderen Pfarrers, dass Ackermann "bis zur Stunde" zu den Geschehnissen "keine öffentliche Erklärung an die Katholiken und Betroffenen" abgegeben habe. Gespräche würden verweigert, Mitarbeiter eingeschüchtert, Aufklärungsmaßnahmen verschleppt oder ganz verhindert. "Diese skandalöse, zutiefst unchristliche Vorgehensweise muss ein für alle Mal ein Ende finden", fordern die Katholiken.

Aufklärer wurden unter Druck gesetzt

Pater Gorges war seit Juli 2007 als Pater der konservativen Petrusbruderschaft vom Bischof mit der Seelsorge in der Gemeinde St. Martin beauftragt. Im März und April 2010 erfuhr er Konkretes über drei Missbrauchstäter. Ein Pater sollte demnach einen fünfjährigen Jungen missbraucht haben, ein anderer Geistlicher ein minderjähriges Mädchen. Dieser verging sich an ihr, hörte Gorges, als sie ihm in der Beichte offenbarte, dass ihr eigener Vater, der nach wie vor einen wichtigen Posten in der Gemeinde bekleidet, sie missbrauche.

Gorges informierte daraufhin im Frühjahr 2010 unverzüglich die Bistumsleitung in Trier sowie den frisch ernannten Missbrauchsbeauftragten Bischof Stephan Ackermann. Eine Aufklärung des Sachverhalts fand aber nicht statt, der aufrechte Pater wurde im Juli 2010 durch Ackermann von seinem Amt entpflichtet. Statt Nachfragen auf seine Entdeckungen gab es Schweigen. Ähnlich ist es einem zweiten Pfarrer vor Ort ergangen, Guido Ittmann. Nachdem dieser durch Gorges von den Missbräuchen gehört hatte, suchte er selbst nach Beweisen. Ein Sohn des Beschuldigten bestätigte Ittmann den Missbrauch an seiner Schwester und die Berichte von Gorges. Unmittelbar danach erstattete Pfarrer Ittmann Anfang Juni 2010 Strafanzeige. Die Bistumsleitung in Trier hatte dies selbst offenbar nicht für nötig befunden.

Auch das Mädchen selbst zeigte ihren Vater wegen Missbrauchs an und beschuldigte die beiden Priester. Ackermann sah jedoch die Anzeigen, wie auch die später lediglich wegen Verjährung eingestellten staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, offenbar nicht als Anlass, den schweren Vorwürfen in seinem Bistum nachzugehen und die Opfer zu schützen. Stattdessen wurden die Aufklärer immer mehr unter Druck gesetzt. Auch von anderen Katholiken. Ittmann bekam anonyme Drohbriefe, in denen ihm körperliche Gewalt angedroht wurde. Ein Sack voller Tierkadaver lag vor seiner Tür, tote Fledermäuse im Weihwasserkrug der Kirche. Gerüchte kamen in der Gemeinde auf, er habe sich selbst etwas zuschulden kommen lassen - nichts daran stimmte, die Urheber blieben anonym.

Aufklärung auf katholisch

Nach einem halben Jahr des Mobbings und vergeblicher Bitten um Unterstützung an die Bistumsleitung gab der Pfarrer auf und verließ Ostern 2011 Köllerbach. Der stellvertretende Generalvikar wies ihn schriftlich an, dass "alle Veröffentlichungen im Zuge des Abschieds" von ihm abgezeichnet werden müssten.

Bereits im März 2010, so berichtet Ittmann, hatte ihm der damalige Personalchef des Bistums Trier und Missbrauchsbeauftragte Rainer Scherschel am Telefon mitgeteilt: "Wir haben beschlossen, die Missbrauchsgeschichten in Köllerbach aus der Diözese raus zu halten". Er solle sich still verhalten und nichts weiter unternehmen. Pfarrer Ittmann erzählt, ihm sei fast der Hörer aus der Hand gefallen. "Ich konnte gar nicht fassen, dass dies die Reaktion des Bistums auf Missbrauchsverdacht sein konnte". Das "Wir" in Scherschels Satz habe sich ganz klar auf Bischof Ackermann bezogen.

Dieser selbst habe im persönlichen Gespräch mit Ittmann ebenfalls jede Zuständigkeit für die Aufklärung in Köllerbach abgestritten. Er habe alles richtig gemacht, soll Ackermann Ittmann im August 2011 gesagt haben. Dass er als Bischof eine Fürsorgepflicht auch für die Opfer hat, scheint Ackermann, der Beauftragte "für alle Fragen im Zusammenhang des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich", offenbar vergessen zu haben. Auf Nachfrage mochte das Bistum zu den Äußerungen Ackermanns und des Personalchefs nicht Stellung nehmen.

Mutmaßlicher Täter hält trotz Verbot Messen ab

Nachdem Aufklärer und Opfer massiv eingeschüchtert waren, redeten Vertreter der Bistumsleitung den Missbrauchsverdacht in Köllerbach weiter klein und bezeichneten ihn als bloßes Gerücht. Es gebe dazu keine konkreten Hinweise. Dabei hat offenbar einer der mutmaßlichen Täter in einer bis jetzt geheim gehaltenen kirchenrechtlichen Untersuchung gegenüber dem Weihbischof Robert Brahm bereits 2011 die Missbräuche eingeräumt. Doch eben dieser Geständige ist noch immer in der Gemeinde aktiv. Auch dies mochte das Bistum weder bestätigen noch dementieren.

In Trier erklärt man sich schlicht als nicht für die Aufklärung in Köllerbach zuständig. "Weder stehen die beschuldigten Personen heute, noch standen sie zum Zeitpunkt der ihnen vorgeworfenen Taten in einer Beziehung zum Bischof von Trier", erklärt die Bistumsleitung auf Nachfrage. Und die Opfer hätten sich ja schließlich auch nicht beim Missbrauchsbeauftragten von Trier gemeldet. Ergo: "Gespräche im Sinne der Leitlinien konnten damit nicht geführt und Hilfsangebote nicht gemacht werden."

Aufklärung auf katholisch: Ittmann und Gorges stehen unter Druck. Der mutmaßliche Täter bestimmt ganz maßgeblich das Leben der Gemeinde in Köllerbach. Der eine Pater ist 2000 in Freiburg und 2011 in der Schweiz wegen Kindesmissbrauchs zu jeweils mehreren Jahren Haft verurteilt worden. Der andere Pater hält trotz Verbot Messen im Bistum Trier ab. Am Telefon möchte er sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Seit seiner Entpflichtung 2007 "aus privaten Gründen", habe er keinen Kontakt mehr mit der Diözese gehabt. Zu den Vorwürfen gegen ihn und die Vorfälle in Köllerbach sei er nie befragt worden.

Schriftliches Verbot von oben

Die beiden Aufklärer erleben sich gegenüber Ackermann als ohnmächtig. Ittmann hat sich in sein Heimatbistum Paderborn zurückgezogen, als Aushilfspfarrer, er leidet unter dem Druck seiner Kirche. "Es kann doch nicht sein, dass der Missbrauchsbeauftragte selbst Missbrauchsfälle unter den Teppich kehrt", meint Ittmann. Auch Gorges versteht die Welt nicht mehr.

"Die Umstände des Missbrauchs sind ungeheuerlich und beschmutzen die Kirche", findet der konservative Pater. Ackermann sei laut klar definierter "ordentlicher Hirtengewalt" eines Bischofs zuständig. Denn die beiden Pater seien sogenannte Kleriker "vagantes", sie haben keinen zuständigen anderen Oberen. Damit fallen sie und ihre Taten unter die Verantwortung des zuständigen Diözesanbischofs, zumal sich einer der beiden weiterhin im Bistum Ackermanns aufhält, Seelsorge betreibt und Messen liest. Und auch für den dritten mutmaßlichen Täter ist Ackermann zuständig, da dieser ein Amt in einer Gemeinde des Bistums Trier, in Köllerbach, bekleidet.

Einen Tag nach seinem Brief ist Pater Gorges Ende vergangener Woche am Telefon plötzlich kurz angebunden. Er habe ein schriftliches Verbot von oben bekommen. Zu den Missbrauchsfällen in Köllerbach dürfe er sich ab sofort nicht mehr äußern.

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