Stadtfest in Schorndorf Chronik einer Eskalation

Wie konnten die Ausschreitungen auf dem Schorndorfer Stadtfest so eine Aufregung auslösen? Aalens Polizeichef gibt Medien die Schuld, doch der Bürgermeister kritisiert auch die Sicherheitsbehörde.

Polizei in Schorndorf (Archiv)
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Polizei in Schorndorf (Archiv)


Selten hat ein kleines Stadtfest so viel Wirbel ausgelöst wie die "Schorndorfer Woche". Seit Tagen wird über die Ereignisse auf der "Schowo" berichtet, seit Tagen wird über ihre Deutung gestritten. Dabei ist dort längst nicht so viel geschehen, wie manche glauben wollen; erst recht handelt es sich nicht um eine zweite Kölner Silvesternacht, auch wenn die AfD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag diesen Vergleich auf die Tagesordnung setzte.

Dass es so weit kommen konnte, hat auch mit einem Missverständnis zu tun. Und mit der aufgeheizten Stimmung im Land, die dazu führt, dass die Diskussionen bei Themen mit den Zutaten "Sexualdelikt", "Migrant", "Angriff auf Polizisten" kaum noch in geordneten Bahnen verlaufen.

Was also war geschehen?

Am Sonntag um 16.24 Uhr veröffentlichte die Polizei Aalen eine Pressemitteilung zu mehreren Vorfällen an mehreren Tagen auf der "SchoWo". "Im Schlosspark versammelten sich in der Nacht zum Sonntag, zwischen 20 Uhr und drei Uhr ungefähr bis zu 1.000 Jugendliche und Junge Erwachsene. Bei einem großen Teil handelte es sich wohl um Personen mit Migrationshintergrund. Hierbei kam es zu zahlreichen Flaschenwürfen gegen andere Festteilnehmer, Einsatzkräfte und die Fassade vom Schorndorfer Schloss", hieß es in der Mitteilung.

Der Landesdienst Baden Württemberg der Deutschen Presseagentur griff die Meldung noch am Sonntag auf. Allerdings mit einem dramatischeren Kern: "In der Nacht zum Sonntag versammelten sich laut Polizei bis zu 1000 junge Leute im Schlosspark und randalierten", hieß es in der Agenturmeldung. Plötzlich war von tausend Randalierern die Rede.

So entstand ein Narrativ, das manchen tatsächlich an die Vorgänge in der Kölner Silvesternacht 2015 erinnern konnte und sich weit verbreitete. Die Deutsche Presseagentur hat die Meldung inzwischen korrigiert. Die Abläufe rund um die Berichterstattung würden intern aufgearbeitet.

"Medialer Hype"?

Aalens Polizeichef Roland Eisele sieht dieses Missverständnis als Kern eines "medialen Hypes", die Agentur habe den Kontext der ursprünglichen Meldung verändert. Auf einer Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag schickte er einen Appell an die anwesenden Medienvertreter hinterher: "Gründlichkeit vor Schnelligkeit".

Tatsächlich war auch die Kommunikation der Polizei unglücklich. Schon am Montagmorgen musste etwa ein Pressesprecher auf Anfrage die Meldung relativieren, dass ein großer Teil der Anwesenden im Schlosspark einen Migrationshintergrund gehabt habe. Doch ganz sicher feststellen konnte das ohnehin niemand.

Ob die Polizeimeldung missverständlich formuliert gewesen sei, fragte ein Journalist. Man habe nur vermeldet, was man zu diesem Zeitpunkt wusste, antwortet Eisele. In Zeiten von Twitter und Facebook sei es wichtig, zügig mit Fakten an die Öffentlichkeit zu treten. Dass die Schlagwörter "sexuelle Belästigung", "Migranten" und "1000 Personen" Assoziationen zu den Ereignissen in Köln hervorgerufen haben könnten, hält Eisele für übertrieben. "Schorndorf ist nicht Köln", sagt er. Den Fehler sieht der Polizeichef bei den Medien, die die Meldung der dpa aufgegriffen und nicht bei der Polizei nachgefragt hätten.

Dissens mit dem Bürgermeister

Schorndorfs Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD) sieht das anders. Er sprach von einem Dissens mit Eisele. Die Pressemitteilung sei missverständlich formuliert gewesen. Sein erster Gedanke, als er die Mitteilung der Polizei gelesen hatte, sei gewesen: "Tagesschau". Die Kommunikation nach der Veröffentlichung sei ebenfalls nicht optimal verlaufen.

Beim Amoklauf in München habe es alle fünf Minuten neue Informationen gegeben, sagte Klopfer. So etwas hätte er sich auch in diesem Fall gewünscht. "Man hätte sofort vermelden müssen, dass der erste Flaschenwerfer ein 16-jähriger Deutscher war", sagt der Bürgermeister. "Zahlen, Daten, Fakten, die Diskussion versachlichen." Klopfer forderte professionellere Öffentlichkeitsarbeit. Das wiederum wollte Polizeichef Eisele nicht so stehen lassen: "Da muss ich meine Mitarbeiter in Schutz nehmen. Wir machen professionelle Öffentlichkeitsarbeit."

Der Fall zeigt ebenfalls, dass den Sicherheitsbehörden in der Zeit der sozialen Netzwerke und der direkteren Kommunikation mit den Bürgern auch eine größere Verantwortung im Umgang mit der Öffentlichkeit zukommt - was Dienststellen verunsichern kann. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Der vorläufige Ermittlungsstand

Bleibt noch zu klären, was auf der Schorndorfer Woche eigentlich genau geschehen ist. Bereits in den vergangenen Tagen hatte die Polizei ihre ursprünglichen Angaben konkretisiert.

Der derzeitige Ermittlungsstand: In der Nacht zu Sonntag stand eine Gruppe von etwa hundert Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Polizei feindselig gegenüber. Zuvor waren zwei Gruppen aneinandergeraten. Ausgangspunkt war offenbar ein Flaschenwurf eines 16-jährigen Deutschen auf einen 19-jährige Syrer. Im Zuge der Festnahme eines 20-jährigen Deutschen hätten sich beide Gruppen gegen die Polizei solidarisiert und diese mit Flaschen beworfen. Insgesamt seien während des Stadtfestes 53 Straftaten zur Anzeige gebracht worden, 28 davon hätten sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag ereignet, teilte die Polizei mit.

Zudem seien neun Sexualdelikte angezeigt worden. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelten in zwei Fällen gegen bekannte Tatverdächtige, dabei handele es sich um Flüchtlinge; in vier Fällen werde gegen unbekannt ermittelt. In drei Fällen habe sich der Anfangsverdacht nicht erhärtet.

Mit Material von dpa



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