Schüler nach dem Amoklauf "Es geht doch um uns"

Was tun gegen Amokläufer - neue Frühwarnsysteme, spezielle Alarmsignale, Metalldetektoren gar? Der falsche Ansatz findet Marcel Kieslich. Der Bezirksschülersprecher von Mittelfranken fordert ein besseres Schüler-Lehrer-Verhältnis, kleinere Klassen und weniger Schulstress.

dapd

Von Arne Orgassa


Hamburg - Die Bluttat am Gymnasium Carolinum in der mittelfränkischen Kleinstadt Ansbach ruft Entsetzen und Empörung hervor - und wirft Fragen auf: Sind Kinder und Lehrer an Schulen gut genug geschützt? Wie wird aus einem unauffälligen Jungen ein Attentäter? Gibt es einen optimalen Schutz?

Wie immer nach solchen Vorfällen fordern Politiker, Polizeigewerkschafter und Lehrerverbände reflexartig die immer gleichen Maßnahmen: Von einem flächendeckenden Frühwarnsystem ist die Rede, von besseren Sicherheitsvorkehrungen an den Schulen und mehr Schulpsychologen.

Es sind die falschen Forderungen findet Marcel Kieslich, Bezirksschülersprecher von Mittelfranken. "Videoüberwachung, Sicherheitsschleusen oder schusssichere Türen, das schützt uns doch nicht vor neuen Amokläufen", sagt der 19-Jährige.

Kieslich besucht die Jahrgangstufe 13 des Theresien-Gymnasiums in Ansbach. Seine Schule ist nur wenige Kilometer vom Gymnasium Carolinum entfernt, das der 18-jährige Georg R. am Donnerstagmorgen bewaffnet mit Beil, Messern und Molotow-Cocktails stürmte.

"So sehr ausgeschlossen"

"Die Frage ist doch, wie kann es passieren, dass sich ein Mensch so sehr ausgeschlossen fühlt, dass er zu solch einer Tat fähig ist?" Kieslich will von den Verantwortlichen daher keine Vorschläge hören, welche Maßnahmen während eines Amoklaufs die Schüler besser schützen, sondern was im Vorfeld getan werden kann. Nur mehr Schulpsychologen zu fordern, sei zu wenig. "Das ganze Schulsystem muss überdacht werden", sagt der Schülervertreter.

Die meisten Schüler hätten keinen Bezug mehr zu ihrer Schule, so Kieslich. Viele gingen jeden Morgen dahin und seien froh, wenn sie das Schulgebäude nachmittags so schnell wie möglich wieder verlassen könnten. Ein Lebens- und Wohlfühlraum - wie ihn Andreas Hesky, Mitglied des Expertenkreis Amok, fordert - ist die Schule für den Schülersprecher nie gewesen. "Schule ist für viele junge Menschen einfach nur Stress", so Kieslich.

Probleme sind im Schulsystem nicht vorgesehen

Das größte Problem sei der Frontalunterricht. "Ein Lehrer, 30 Schüler und ein viel zu voll gestopfter Lehrplan - wie soll denn in diesem Umfeld ein vertrauensvolles Schüler-Lehrer-Verhältnis entstehen, das für eine angenehme Stimmung sorgt?", sagt Kieslich. Ein einzelner Schüler verschwinde mit seinen Problemen in der Masse, für intensive Gespräche fehle die Zeit. Viele Schüler wollten sich sowieso nicht ihrem Lehrer anvertrauen. "Wie kann ein Lehrer in diesem System auf potentielle Amokläufer überhaupt aufmerksam werden?"

Auch dass Schüler ihre Probleme innerhalb der Klassengemeinschaft selbst lösen, wie es der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, vorschlägt, hält der 19-Jährige für Wunschdenken. "In der Oberstufe funktioniert das vielleicht noch, aber doch nicht in den unteren Klassen, wenn die Schüler mitten in der Pubertät stecken." Der Stärkere mobbe den Schwächeren, und die anderen Mitschüler ergriffen nur selten Partei für den Unterlegenen.

Für den Gymnasiasten steht fest, dass nur kleinere Klassen helfen, in denen der Unterricht auf einem Miteinander zwischen Lehrer und Schüler basieren kann. Auch ein Klassenrat könne nützlich sein. Hier wird den Schülern einmal pro Woche eine Stunde eingeräumt, in dem sie sich über die Probleme austauschen oder gemeinsame Aktivitäten planen. Der Lehrer vermittelt dabei lediglich. "Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl der Klasse", sagt Kieslich.

Doch diese Unterrichtsform werde bisher nur an wenigen bayerischen Schulen angeboten - in den engen Stundenplänen sei dafür kein Platz, so Kieslich.

Auf uns Schüler hört keiner

Vor allem versteht der Gymnasiast nicht, dass kein Verantwortlicher auf die Idee kommt, die Schüler zum Thema Amoklauf zu befragen. Zu häufig habe er erlebt, dass Verbesserungsvorschläge von Seiten der Schülermitverantwortung nicht ernst genommen worden seien. "Dabei geht es doch um uns. Wir wissen doch am besten, wie der Schulalltag abläuft", sagt Kieslich.

Schwere Versäumnisse wirft er daher dem bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus vor. Für die Landesregierung sei die Schülermitverantwortung doch nur eine Alibi-Einrichtung, um die Jugendlichen glauben zu lassen, sie könnten etwas mitbestimmen. "Ich wünsche mir, dass der bayerische Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle endlich mit uns redet."

insgesamt 1017 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
capu65, 19.09.2009
1.
Zitat von sysopGewalt auf U-Bahnhöfen und anderen öffentlichen Plätzen erregt Bürger und Politiker. Lösungen und Prävention werden heftig diskutiert. Immer wieder ein Favorit ist die lückenlose Videoüberwachung von Gewalt-Brennpunkten. Kann sie entscheidend zur Lösung des Problems Jugendgewalt beitragen?
Die meisten jugendlichen Gewalttäter werden sich nicht von Videokameras aufhalten lassen. Diese denken nicht rational in solchen Momenten. Alkohol, Drogen und das wichtigste, Testosteron sind stärker als der Gedanke an Videokameras.
discipulus, 19.09.2009
2.
Zitat von sysopGewalt auf U-Bahnhöfen und anderen öffentlichen Plätzen erregt Bürger und Politiker. Lösungen und Prävention werden heftig diskutiert. Immer wieder ein Favorit ist die lückenlose Videoüberwachung von Gewalt-Brennpunkten. Kann sie entscheidend zur Lösung des Problems Jugendgewalt beitragen?
Video-"Überwachung" ist die Methode des repressiven Staates, der Diktaturen jeglicher Farbschattierung. Sinnvoller wäre, es Kamera-Attrappen aufzustellen vergleichbar mit den Notrufsäulen-Attrappen auf den Strecken der Bayerischen Oberlandbahn wie beim Mord in München-Solln dokumentiert.
caillebotte, 19.09.2009
3. Ganz kurze Antwort: NEIN! Man braucht "Bodentruppen"
Zitat von sysopGewalt auf U-Bahnhöfen und anderen öffentlichen Plätzen erregt Bürger und Politiker. Lösungen und Prävention werden heftig diskutiert. Immer wieder ein Favorit ist die lückenlose Videoüberwachung von Gewalt-Brennpunkten. Kann sie entscheidend zur Lösung des Problems Jugendgewalt beitragen?
auch wenn ich einen Beitrag aus einem anderen Thread sinngemäß wiederhole. Sehr lange, bevor der Mord an Herrn Brunner passiert war hatte ich das Problem, auf dem U-Bahnhof Münchener Freiheit zu stehen, als jugendliche anfingen, dort eine veritable Schlägerei unter Anwendung asiatischer Kampftechniken aufzuführen - und das war KEINE SHOW! Die von mir per Notruf auf dem perfekt videoüberwachten Bahnhof gerufene Polizei war auch nach ca. 15 Minuten noch nicht da. Ich habe mich dann "diskret zurückgezogen" weil ich keine Lust hatte totgeschlagen zu werden, wenn sich schon die Polizei nicht blicken lässt, die es ob ihrer Bewaffnung etwas einfacher hat da einzugreifen als jemand, der nicht mal einen weissen Gürtel in Karate hat :-) Von daher - ähnlich, wie es Herrn Oberst Klein in Afghnistan gerade ging - wenn man qualifiziert etwas verhindern will, braucht man nicht nur Aufklärung, sondern auch Bodentruppen in ausreichender Menge. Videokameras ohne Poliziei, die auch eingreift sind SINNLOS. Und wenn ich es den Diskussionen hier richtig entnommen habe: * Stellen bei der Polizei werden gestrichen * offensichtlich zu viel Verwaltung und zu wenig Beamte auf der Strasse * Video ist da nur ein billiges Placebo für die Bevölkerung - das leider noch üble Nebenwirkungen hat. Und zum Schluss noch einer: War neulich mal in England - habe abends BBC Nachrichten geschaut. Da hatten sie an einem Abend zwei perfekte Filme von Morden - schön auf Video - nur die Opfer waren leider - na was - TROTZDEM TOT! In GB haben sie jetzt sehr viele Mordvideos - aber leider auch nicht weniger Opfer.
romy88 19.09.2009
4. münchen
Ich würde gern eure Meinung wissen, auch wenn ihr keine Hintergründe wisst. Denkt ihr dass die Polizei zu spät reagiert hat und eher am Bahnsteig hätte eintreffen sollen ,immerhin sind es zw. Donnersb. Br. und Solln noch 4 stationen oder tragen die beamten keine mitschuld ,weil es nicht unmöglich ist so schnell von A nach B zu kommen,was meint ihr?
shakowsky 19.09.2009
5.
Man sollte da denke ich auch mal die Kirche im Dorf lassen. Dank einer (durch die Medien, auch den Spiegel) massiv begünstigten Befindlichkeit in Deutschland ist ANGST das vorherrschende Lebensgefühl des grössten Teils der Bevölkerung. Mit ANGST lässt sich nämlich blendend Auflage machen, Angst vor Moslems, Milben, Jugendlichen, Feinstaub, Kopfhörern, ungewaschenem Obst... Wenn sich Jugendliche prügeln, muss man weder einschreiten, noch die Polizei rufen. Das tun Jungs seit hunderttausenden von Jahren. Wenn Leute, die am Boden liegen, zusammengetreten werden, dann MUSS man einschreiten, und wenn die Täter von Solln jeweils 10 Jahre kriegen, würde ich jeden Zeugen ohne wenn und aber zur Hälfte davon verdonnern, etwas erbärmlicheres als 15 Leute, die zuschauen, wie ein einzelner von zwei Kindern totgeschlagen wird, lässt sich nur schwer vorstellen. Und nein, wenn ich dem Mann helfe, muss ich eben NICHT um mein eigenes Leben fürchten, denn allein das Schaffen einer zwei gegen zwei Situation (geschweige denn einer 15 gegen zwei Situation) hätte die ganze Sache in Null Komma Nix aufgelöst. Video Überwachung verhindert - siehe England - gar nichts. Weniger "Wegschauen aus Angst, involviert zu werden" - Mentalität, wie sie das Opfer gezeigt hat (leider als einziger und daher mit diesem tragischen Ausgang) ändert alles. DAS ist der wahre Skandal, die Gaffer. Übrigens...letztes Jahr hat hier in Mü-Neuperlach ne Mädchengang jemanden stationär ins Krankenhaus befördert, das ist kein reines (wenn auch zugegeben ein überwiegendes9 Testosteron Phänomen. Das hat eher was mit nicht vermittelten Werten zu tun. Und solange in München grossangelegte Razzien auf Fahrradfahrer, die auf der falschen Strassenseite fahren, veranstaltet werden, solange Strafverfahren für den Besitz winziger Cannabiskrümel eingeleitet werden, solange die Hauptbeschäftigung der Beamten das Verteilen von Strafzetteln ist und solange die lieben Fernsterbank Bürger lieber die Polizei anrufen, als selber mal Farbe zu bekennen in ihren Gartenzaunkonflikten, solange sehe ich auch keinen Bedarf an mehr Beamten. Die sollten halt mal aufhören, Greifertrupps am Bahnhof hinter Schulschwänzern herzuschicken, dann kommen sie auch mit der Arbeit hinterher.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.