Tödliche Schüsse auf flüchtenden Räuber Angeklagter bricht bei Prozess in Tränen aus

Ein Rentner aus Niedersachsen wird in seinem Haus überfallen und schießt auf die flüchtenden Täter. Ein 16-Jähriger stirbt. Nun muss sich der 80-Jährige wegen Totschlags vor dem Landgericht Stade verantworten. Zu Prozessbeginn brach er in Tränen aus.

Angeklagter vor dem Landgericht Stade: Notwehr oder Totschlag?
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Angeklagter vor dem Landgericht Stade: Notwehr oder Totschlag?


Sittensen - Fünf junge Männer wollten fette Beute machen. Im Dezember 2010 überfielen sie den wohlhabenden Rentner Ernst B. in seiner Villa im niedersächsischen Sittensen. Sie hatten einen Tipp bekommen, dass "Millionen" in dem Haus zu holen seien. Doch der Überfall ging schief und endete in einer Tragödie: Als die Alarmanlage ausgelöst wurde, flüchteten die Täter. Der Rentner schoss ihnen hinterher und traf den 16-Jährigen Labinot S. tödlich.

Die Komplizen von S. stellten sich wenig später der Polizei. Sie wurden im Juli 2011 wegen räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Nun, rund dreieinhalb Jahre nach dem tödlichen Schuss, muss sich der 80-jährige B. ebenfalls vor dem Landgericht Stade verantworten. Die 2. Große Strafkammer muss entscheiden: Handelt es sich um einen Fall von Totschlag? Oder schoss der Rentner aus Notwehr?

Gleich zu Beginn des Prozess beantragte die Verteidigung, das Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten bis auf weiteres auszusetzen. Als einer der Rechtsanwälte den Gesundheitszustand des 80-Jährigen ansprach, brach der Angeklagte in Tränen aus. Schon in den Tagen zuvor habe der Rentner unter Weinkrämpfen gelitten, sagte sein Verteidiger. Laut einem ärztlichen Attest drohe dem 80-Jährigen die Gefahr eines erneuten psychischen Zusammenbruchs, wenn er dem Stress einer öffentlichen Verhandlung ausgesetzt werde.

Das Landgericht unterbrach den Prozess. Ein Sachverständiger soll die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten überprüfen. Der Gutachter sagte nach einer ersten Untersuchung, er könne noch nicht abschließend beurteilen, ob der Angeklagte den Belastungen der Verhandlung gewachsen sei. Bis Montag, so hofft das Landgericht, soll ein entsprechendes Gutachten vorliegen.

Es ist ein komplizierter Fall. Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen den Rentner 2011 zunächst eingestellt, weil sie damals von Notwehr ausging. Dagegen hatte die Familie des Getöteten Beschwerde eingelegt. Alle Zeugen wurden nochmals vernommen, Spuren neu abgeglichen. Schließlich kamen die Ermittler zu dem Schluss, dass eine Notwehrsituation "objektiv und subjektiv fraglich" sei und erhob Anklage. Das Landgericht Stade lehnte allerdings die Eröffnung einer Hauptverhandlung ab. Die Angehörigen legten erneut Widerspruch ein, ehe das Oberlandesgericht Celle schließlich entschied: Es muss verhandelt werden.

Das Landgericht Verden hat zehn Verhandlungstage angesetzt. Ob und wie der Prozess fortgesetzt wird, entscheidet sich frühestens in der kommenden Woche.

hut/dpa

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