Festgenommener Schütze in Paris Rückkehr eines Phantoms

Die französische Polizei hat einen Mann gefasst, der Anschläge auf Pariser Medien verübt haben soll. Der Verdächtige war schon vor Jahren an einem linksautonomen Attentat beteiligt. Nun verriet ihn ein Kumpel an die Polizei.

Von , Paris


Die Erleichterung in Paris ist spürbar: Zwei Tage nach dem blutigen Überfall auf das Pariser Blatt "Libération" haben die Ermittler einen 48-jährigen Mann festgenommen. Er ist dringend verdächtig, für den Anschlag auf die linke Tageszeitung verantwortlich zu sein, bei dem ein junger Fotoassistent lebensgefährlich verletzt wurde. Es gilt als sicher, dass der mutmaßliche Täter am selben Tag im Bankenviertel La Défense auch Schüsse auf den Hauptsitz der Société Générale abgab und bereits am Freitag zuvor Angestellte des Pariser Privatsenders BFM-TV mit einer abgesägten Schrotflinte bedroht hatte.

Laut Innenminister Manuel Valls wurde der Verdächtige am Mittwochabend in einer Tiefgarage von Bois-Colombes, einem westlichen Vorort von Paris, gefunden. Er lag in einem Auto, nach der Einnahme von Medikamenten offenbar "im Koma oder halb bewusstlos". Ein Rettungswagen brachte ihn in die Notaufnahme der Klinik Hôtel-Dieu, die der Pariser Justiz untersteht.

Erfolgreicher DNA-Abgleich

Nach dem Abgleich seiner DNA mit Spuren auf Patronenhülsen, die an den Tatorten gefunden wurden, bestätigte der Innenminister, dass es sich bei dem Gefassten um einen einschlägig Vorbestraften handele: Abdelhakim Dekhar. Er war 1998 wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden.

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Mutmaßlicher Schütze gefasst: Aufatmen in Paris
"Alle Fakten deuten auf seine Verwicklung in die Taten hin", sagte Valls. Dekhar, der angeblich einen wirren Abschiedsbrief hinterließ, wollte sich offenbar selbst töten. "Es ist aber wichtig", so der Innenminister, "dass er zu seinen Taten befragt werden kann." Das Motiv des Schützen ist unklar.

"Ein Phantom der neunziger Jahre" sei festgenommen worden, so der Internet-Dienst "Rue 89": Dekhar gehörte damals zum Umfeld linksextremer Autonomer, die sich dem bewaffneten Kampf verschrieben hatten. Für ein befreundetes Paar besorgte er daher im Pariser Kaufhaus La Samaritaine eine Pumpgun, die das Duo bei einem misslungenen Überfall und der anschließenden Verfolgungsjagd benutzte. Während der Schießerei im Oktober 1994 kamen fünf Menschen ums Leben - drei Polizisten, ein Taxifahrer und der Kumpan der 19-jährigen Haupttäterin Florence Rey.

Das Paar sah sich offenbar als eine Art Bonnie und Clyde. Die ebenso spektakuläre wie skrupellose Tat der "jungen Wilden" aus der Anarcho-Szene beschäftigte seinerzeit Medien und Politik. Rey ging als "kaltblütige Polizistenmörderin" in die Kriminalgeschichte Frankreichs ein, ihre Biografie wurde gar zum legendenumwobenen Sujet von Film, Fernsehen, Theater und Literatur.

Entscheidender Hinweis von einem Bekannten

Dekhar, der "dritte Mann", hatte sich während des Prozesses als Offizier des algerischen Geheimdienstes ausgegeben, der auf Anweisung der Behörden die militanten Linken ausspionieren sollte - eine Verschwörungstheorie, die die Richter nicht überzeugte. Als "merkwürdigen Menschen" beschrieb ihn seine damalige Verteidigerin Emmanuelle Hauser-Phélizon. "Ich habe nie verstanden, wer er war. Er war sehr geheimnisvoll, er gab nichts von sich preis."

Nach der Verbüßung seiner Strafe verschwand er höchstwahrscheinlich ins Ausland, in Frankreich war er nicht im zentralen DNA-Register erfasst, weil diese Kartei 1998 noch nicht existierte.

Dekhars Festnahme vorausgegangen war ein aufwendiger Fahndungseinsatz im Großraum Paris, nachdem François Hollande die Attentatsserie auf Pariser Medien zur Chefsache gemacht hatte. "Ich habe angewiesen, dass alle Mittel eingesetzt werden, um den Attentäter zu fassen, bevor er weiteres Unheil anrichtet", sagte der Präsident noch während seines Staatsbesuchs in Israel. Er versetzte damit den gesamten Sicherheitsapparat der Republik in höchste Alarmbereitschaft.

Am Ende war es ein Kumpel, der den Schützen entlarvte. Der Mann, bei dem der mutmaßliche Täter zuletzt wohnte, benachrichtigte am Mittwoch das Kommissariat von Courbevoie. Nachdem er den Schützen auf einem Fahndungsfoto erkannt hatte, outete sich Dekhar offenbar ihm gegenüber als Täter: "Ich habe eine große Dummheit begangen."

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
thomas_gr 21.11.2013
1. optional
Schon wieder etwas was Chief Hollande bereinigen konnte. Wow! Sonst komplett fail, aber Hauptsache der ganze Sicherheitsapparat eines Landes wird medienwirksam für jeden dahergelaufenen Irren in Alarmbereitschaft versetzt. In einer Großstadt gibt es doch regelmäßig solche Geschehnisse (siehe Polizeiticker). Da braucht man das hier nicht so aufzubauschen, Petit Hollande.
breizh44 21.11.2013
2. @ matthias_b.
Gegen diesen wirrköpfigen Einzeltäter hätten alle Anti-Terror-Mittel nichts geholfen. Er war offenbar seit 15 Jahren vom Radarschirm der Polizei verschwunden und nicht mehr negativ in Erscheinung getreten. Daß "wir" (leben Sie in F?) in Frankreich mehr Mittel im Kampf gegen jegliche Art von Terror (religiös, links, rechts), aber auch gegen die alltägliche Kriminalität, vor Allem in den rechtsfreien Zonen bestimmter Banlieues brauchen, ist in der Tat richtig. Einstweilen treiben leider derzeit alle etablierten Parteien (PS / UMP) mit ihrem Handeln das simpel gestrickte Wählervolk in Scharen der populistischen extremen Rechten (die es sich pikanterweise inzwischen verbittet, so genannt zu werden) in die Arme.
maburayu 21.11.2013
3.
Zitat von thomas_grSchon wieder etwas was Chief Hollande bereinigen konnte. Wow! Sonst komplett fail, aber Hauptsache der ganze Sicherheitsapparat eines Landes wird medienwirksam für jeden dahergelaufenen Irren in Alarmbereitschaft versetzt. In einer Großstadt gibt es doch regelmäßig solche Geschehnisse (siehe Polizeiticker). Da braucht man das hier nicht so aufzubauschen, Petit Hollande.
Äh, ein Mord und vielleicht einige Mordversuche innerhalb weniger Tage von einer Einzelperson verübt, da müssen Sie aber schon in eine amerikanische Großstadt gehen, um sowas als normal zu bezeichnen. Wirklich seltsamer Kommentar von Ihnen.
Box Hill 21.11.2013
4.
Seltsam ist noch deutlich zu freundlich formuliert. Sich über alles und jeden aufzuregen, aber wenn es nicht in den Kram passt bagatellisieren - das ist hochgradig bedenklich.
kerlyn2108 21.11.2013
5. Bekannt
"Er war bereits im Jahre 1998 in einem anderen Kriminalfall zu vier Jahren Haft verurteilt worden" Da man auch in F unkontrolliert Kriminelle einbürgert wie in D, hatte man eine Abschiebung aufgrund der Staatsbürgerschaft nicht mehr vornehmen können. Dumm gelaufen!
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