Anschlag auf Marinebasis Todesschütze litt offenbar unter psychischen Problemen

Wahnvorstellungen, Schlafstörungen, Stimmen im Kopf - Aaron Alexis hat offenbar vor seinen tödlichen Schüssen Hilfe wegen psychischer Probleme gesucht. Das Blutbad hat eine Diskussion über Sicherheitsstandards in Militäranlagen ausgelöst und befeuert die Waffendebatte.

Aaron Alexis: Familienmitglieder berichten von psychologischer Behandlung
REUTERS/Kristi Suthamtewakul

Aaron Alexis: Familienmitglieder berichten von psychologischer Behandlung


Washington - Aaron Alexis ist tot. Gestorben in einem Schusswechsel mit der Polizei, nachdem er auf einer Marinebasis in Washington zwölf Menschen erschossen und acht verwundet hatte. Ermittler versuchen, den Tathergang zu klären - noch ist etwa unklar, wie genau Alexis starb.

Und die Behörden müssen eine Frage beantworten: Wie konnte ein Mann wie Alexis, unstete Vergangenheit und mehrmals festgenommen wegen Schusswaffengebrauchs, einen Ausweis bekommen, um auf einer Marinebasis zu arbeiten?

Diese Frage ist umso drängender, weil Alexis offenbar psychische Probleme hatte. Er habe unter Wahnvorstellungen und Schlafstörungen gelitten, berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press unter Berufung auf Ermittler. Alexis soll demnach auch Stimmen in seinem Kopf gehört haben.

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Schütze von Washington: Spurensuche in Aaron Alexis' Vergangenheit
Seit August sei er wegen seiner mentalen Probleme behandelt worden, das hätten Familienmitglieder bestätigt. "Es ist schwer zu glauben, dass jemand mit einer so durchwachsenen Bilanz wie dieser Mann die Berechtigung bekommen konnte, auf die Basis zu gehen", sagte Washingtons Bürgermeister Vincent Gray.

Er deutete an, automatische Sparmaßnahmen im US-Haushalt hätten möglicherweise dazu geführt, dass die Sicherheitsüberprüfungen zurückgefahren worden seien. Der kaum verhehlte Vorwurf: Wäre hier nicht gespart worden, hätte es Alexis nie auf den stark gesicherten Stützpunkt geschafft.

"Offensichtlich mussten zwölf Menschen den höchsten Preis für das zahlen, was getan wurde, um diesen Mann auf der Basis zu haben", sagte Gray. Laut CNN hatte Alexis zwei Krankenhäuser der Behörde für Veteranen kontaktiert und um Hilfe bei seinen psychologischen Problemen gebeten.

Eigentlich ist es Militärangehörigen in den USA verboten, Waffen auf Militäranlagen zu bringen, aber wer entsprechende Befugnisse oder Sicherheitsfreigaben hat, wird bestenfalls sporadisch kontrolliert - so wie Alexis, der sich mit einem gültigen Ausweis Zutritt verschaffte.

Schütze hatte Waffen offenbar legal gekauft

Laut "Washington Post" musste Alexis seinen Ausweis zeigen und durch einen Scanner ziehen. Keine Metalldetektoren, keine Leibesvisitationen, keine Kontrolle von Taschen. Alexis habe den Stützpunkt offenbar schwerbewaffnet betreten, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so das Blatt. Das Gebäude 197, in dem die tödlichen Schüsse fielen, gilt als eines der sichersten auf dem Gelände.

Laut "Washington Post" geht aus einem noch unveröffentlichten Bericht hervor, dass in den vergangenen Jahren mindestens 52 verurteilte Straftäter Zugang zu militärischen Anlagen der Marine hatten. Nach dem Blutbad hat Marineminister Ray Mabus veranlasst, dass die Sicherheitsvorkehrungen in allen Einrichtungen der Marine überprüft werden.

Die Behörden haben sich bislang nicht dazu geäußert, wie Alexis ein halbautomatisches Sturmgewehr und eine Schrotflinte auf das Gelände bringen konnte. Alexis brauchte laut CNN nur zum Gebäude 197 zu gehen und das Feuer zu eröffnen.

Die Tat hat auch die Debatte über eine striktere Waffengesetzgebung und mehr Kontrollen, etwa bei Verkäufen und auf Waffenmessen, erneut angeheizt. Allerdings hatte Alexis seine Waffen offenbar legal erworben.

Waffenlobby blockiert striktere Kontrollen

Präsident Barack Obama hatte schon nach dem Amoklauf von Newtown mit 26 Toten im vergangenen Dezember entsprechende Gesetze auf den Weg bringen wollen - doch selbst sehr moderate Veränderungen scheiterten.

Es ist ein bitterer Zufall, dass gerade mehr als 90 Mitglieder der Newtown Action Alliance, eines Bündnisses für striktere Waffengesetze, nach Washington gekommen waren, um Kongressmitglieder davon zu überzeugen, genauere Überprüfungen für Waffenkäufer durchzusetzen. "Es kommt alles zurück", sagte Darren Wagner, Vater zweier Kinder, die das Massaker von Newtown überlebten. "Es macht mich als Vater, als Polizist und als Ersthelfer wütend."

Seit der Tat in Newtown gab es fünf Vorfälle, bei denen fünf oder mehr Personen erschossen wurden - die zwölf Toten in Washington sind die jüngsten Opfer.

Obamas Gegner und die Waffenlobby, insbesondere die mächtige National Rifle Association (NRA), haben bislang jeden Vorschlag blockiert, obwohl Meinungsumfragen eine breite Unterstützung für härtere Waffengesetze zeigen. So blieb Obama nichts anderes übrig, als "noch ein weiteres" Blutbad zu beklagen.

ulz/Reuters/AP



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