Schuldspruch gegen Psychiatrie-Ärztin Tödlicher Fehler

Ein psychisch Kranker spricht davon, seine Mutter umzubringen, wenige Stunden später kann er die Psychiatrie verlassen. Wegen dieser Entscheidung ist die Ärztin Luise L. vom Landgericht Lübeck nun wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. Die Verteidigung spricht von einem verheerenden Signal.

Johanniter-Krankenhaus in Geesthacht (Archiv): "Kein Warnsignal angegangen"
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Johanniter-Krankenhaus in Geesthacht (Archiv): "Kein Warnsignal angegangen"

Von , Lübeck


In der Nacht bevor Babak M. seine Mutter umbrachte, haben fast alle Beteiligten richtig gehandelt, so sieht es die Staatsanwaltschaft. Der junge Mann, der die Polizei rief, als M. im Linienbus von bösen Stimmen berichtete und vom Todesengel, der ihm die Tötung seiner Mutter befehle. Die Beamten, die den Verwirrten in die Psychiatrie nach Geesthacht brachten. Die Krankenschwester, die nach eigener Aussage die Informationen über die Tötungsabsichten pflichtgemäß weitergab. Sie alle hätten sich "rettend verhalten", so der Staatsanwalt. Nur die diensthabende Ärztin Luise L. nicht. Ausgerechnet bei ihr, "an exponierter Stelle", sei die Rettungskette gerissen.

Zwar wurde Babak M. in die Psychiatrie aufgenommen. Doch als er am nächsten Morgen zu seiner Mutter wollte, ließ L. den Patienten gehen - ohne ihn noch einmal zu untersuchen. M. fuhr zu seiner Mutter und brachte sie mit Dutzenden Messerstichen um.

Knapp ein Jahr nach dieser Tragödie hat das Landgericht Lübeck Luise L. nun wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Die 52-Jährige wurde zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 100 Euro verurteilt. Sie ist damit vorbestraft. M. war bereits im Sommer für schuldunfähig befunden und in die Psychiatrie eingewiesen worden.

Der Fall scheint einfach, aber er ist es nicht. Weil Luise L. sich vor Gericht zu den Abläufen in der Nacht auf den 2. Januar 2013 nicht äußerte, lässt sich der Ablauf nur durch die Aussagen der anwesenden Krankenschwestern rekonstruieren. Demnach wurde L. vor dem Aufnahmegespräch mit Babak M. mindestens zweimal auf die Stimmen hingewiesen, die ihm angeblich die Tötung seiner Mutter befahlen. Die Ärztin weist das jedoch zurück. Sie habe davon keine Kenntnis gehabt, hieß es im Plädoyer der Verteidigung.

"Kein Warnsignal angegangen"

Babak M. sei völlig übermüdet gewesen und habe gequält gewirkt, gegen 3.30 Uhr habe er Schlaf gefunden. Etwa um 7 Uhr suchte er wieder das Stationszimmer auf, die Frühschicht hatte inzwischen übernommen. M. wirkte wie verwandelt: Er sei unaufgeregt gewesen und habe gelächelt, berichtete die Morgenschwester. Es sei "kein Warnsignal angegangen".

Babak M. wollte zu seiner Mutter fahren, um Kleidung und Geld zu bekommen. Die Krankenschwester rief daraufhin Luise L. an. Die Ärztin fragte, ob ein Unterbringungsbeschluss vorliege. Es lag keiner vor, Babak M. war freiwillig in der Klinik. Er durfte gehen, die Schwester gab ihm sogar noch eine Wegbeschreibung zur Wohnung seiner Mutter mit auf den Weg.

Was wäre geschehen, wenn L. den Patienten am Morgen noch einmal untersucht hätte? Hätte sie dann zwingend zu dem Ergebnis kommen müssen, dass M. die Klinik nicht hätte verlassen dürfen? Hätte sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu dem Schluss kommen müssen, dass eine Zwangsunterbringung zu beantragen ist? Die Verteidigung sagt: Nein, hätte sie nicht.

Das Gericht sagt: Doch, hätte sie.

Gutachter Wilhelm Tophinke hatte in dem Prozess vorgetragen, dass Menschen mit einer paranoid halluzinatorischen Schizophrenie durchaus in der Lage sind, normale Dialoge zu führen. Aber wenn man sie auf ihre Probleme anspreche, im Fall von Babak M. auf seine Mutter und die bösen Stimmen im Kopf, dann würde die Krankheit zu Tage treten. Und im Fall von Babak M. dessen Gefährlichkeit.

Babak M. hat eine lange Krankengeschichte. Über einen Zeitraum von 17 Jahren war er immer wieder in psychiatrischer Behandlung, doch dauerhaft konnte ihm kein Arzt helfen. Er war ein erfahrender Patient, auch das wurde im Prozess deutlich. Aber selbst wenn er am Morgen dichtgemacht hätte - Luise L. hätte aufgrund der ihr vorliegenden Informationen von bestehender Gefährlichkeit ausgehen müssen, urteilte die Kammer. Sie folgte der Ansicht des Berliner Gutachters Hans-Ludwig Kröber, der Luise L. Fehlverhalten vorgeworfen hatte.

"Wie ich es mache, mache ich es falsch"

Die Verteidigung warf zudem die Frage auf, ob die Mutter von Babak M. sich nicht eigenverantwortlich selbst gefährdet habe. Schließlich sei ihr die Krankheit ihres Sohnes bekannt gewesen. Hätte sie nicht fliehen können, als sich M. nach einem ersten Angriff am Tattag schlafen legte und sie erst später mit einer Schere tötete? In diesem Fall sei Luise L. nicht schuldig. Die Nebenklage nannte diesen Gedanken zynisch. Man wisse nicht genau, was in der Wohnung geschehen sei. Auch das Gericht folgte diesem Ansatz nicht. Die Schuld liege bei Luise L: Sie hätte Babak M. in der Klinik entweder überzeugen müssen zu bleiben, oder sie hätte einen Antrag auf Zwangsunterbringung stellen müssen.

Der Fall ist eine Tragödie für alle Beteiligten. In ihrem letzten Wort wandte sich Luise L. an Nebenkläger Kaveh M. - den Sohn der Getöteten und den Bruder des Täters. Es sei ihr ein Herzensanliegen, psychisch Kranken und deren Angehörigen zu helfen, sagte L. "Ich wünschte, wir wären uns früher begegnet." Vielleicht hätte man gemeinsam Lösungen finden können, die das Geschehene verhindert hätten.

Ihre Arbeit habe sich in der Zwischenzeit entscheidend verändert. Aus Selbstschutz belaste sie Kollegen nun erheblich mehr, treffe weniger Entscheidungen allein. Sie grenze sich auch stärker ab, konzentriere sich nur noch auf Pflichtpatienten und weise andere ab, die dann wiederkämen, wenn Situationen eskaliert seien. Ein Dilemma, wie die Ärztin sagte. "Wie ich es mache, mache ich es falsch."

L. kämpfte in dem Verfahren mehrfach mit den Tränen. Das Urteil sende ein verheerendes Signal an die Ärzteschaft, sagt ihr Verteidiger Oliver Sahan.



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