USA Rechte diffamieren erschossenen Trayvon Martin

Der Tod des 17-jährigen Schwarzen Trayvon Martin aus Florida wird immer hitziger debattiert. US-Konservative ziehen den Namen des Teenagers durch den Schmutz, um den Todesschützen zu entlasten. Dahinter verbirgt sich auch lange gärender Sozialfrust.

REUTERS

Von , New York


Polit-Aktivisten hätten sie nie sein sollen: Sybrina Fulton, eine Verwaltungssekretärin, und Tracy Martin, ein Lkw-Fahrer, führten ein einfaches Leben, fernab des Medienrummels. Seit 1999 geschieden, zogen sie ihren Sohn Trayvon dennoch gemeinsam auf, um ihm eine möglichst unbeschwerte Kindheit zu bieten.

Doch alles änderte sich, als Trayvon Martin von einem Nachbarn seines Vaters erschossen wurde, angeblich aus Notwehr. Das Opfer war 17 Jahre alt, schwarz, schmächtig und unbewaffnet. Der mutmaßliche Todesschütze George Zimmerman, 28, ist ein bulliger Latino und trug eine Neun-Millimeter-Pistole im Hosenbund.

Der Fall ist doppelt brisant, weil er sowohl Amerikas Rassenfrage als auch die zu laxen Waffengesetze berührt. Selbst Präsident Barack Obama nahm Stellung. Und so sitzen Trayvons Eltern am Dienstag aufrecht am Zeugentisch des Sitzungssaals 2237 im Rayburn-Gebäude des Kongresses, zwei neue, unfreiwillige Ikonen der US-Bürgerrechtsbewegung. Vor ihnen knien ein Dutzend Fotografen, die Objektive im Anschlag.

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Mordfall Trayvon Martin: Das Opfer als Aggressor
"Ich möchte mich nur bedanken", sagt Martin den Abgeordneten. Seine Augen sind müde. "Trayvon wird schmerzlich vermisst, und wir werden weiter für Gerechtigkeit kämpfen." Einen Monat ist es nun her, dass der Teenager verblutete, in einer stillen Wohnanlage in Florida, nicht weit von Walt Disney World. Doch bis heute ist George Zimmerman auf freiem Fuß, und die Wogen der Empörung kochen hier immer höher - auf beiden Seiten.

So auch am Dienstag im Kongress. Die Demokraten im Justizausschuss des US-Repräsentantenhauses haben Martins Eltern zu einem "Forum" eingeladen, es geht um die kontroversen Notwehrgesetze und stereotypes Rassen-Profiling von Schwarzen. Und die Republikaner? Sie verweigern die Teilnahme.

Allein das zeigt, wie sehr die Tragödie Amerika inzwischen gespalten hat. Auf der einen Seite: Martins "Anhänger" - meist Demokraten und Linke. Auf der anderen Seite: Zimmermans "Verteidiger" - meist Republikaner und Rechte. Als sei Gerechtigkeit eine Frage der politischen Einstellung, eine Frage von rechts oder links.

"Sie versuchen, seinen Ruf zu töten"

Bisher gab die "Trayvon-Fraktion" den Ton an, mit Massen-Demos, Online-Aktionen, Petitionen und solidarischem Kapuzendress, wie ihn Martin in jener Nacht trug. Aber jetzt schlagen die Konservativen zurück - und machen den Fall zur politisch-gesellschaftlichen Nagelprobe.

Während Martins Eltern im Kongress um das Andenken ihres Kindes kämpfen, rüsten sie zum Widerstand: Im Internet, im Kabel-TV und in der rechten US-Kampfpresse trommeln sie für George Zimmerman, porträtieren ihn als das eigentliche Opfer, als Helden des kleinen Mannes. Und scheuen sich dabei auch nicht, Martins Namen durch den Schmutz zu ziehen. "Sie haben meinen Sohn getötet", sagt Trayvons Mutter Fulton, "und jetzt versuchen sie, seinen Ruf zu zerstören."

Der Gegenangriff begann, als interessierte Kreise Zimmermans Version der Tat an die Lokalzeitung "Orlando Sentinel" weitergaben: Martin habe ihn angegriffen. "Martin habe den freiwilligen Nachbarschaftswächter mit einem einzigen Schlag niedergeschlagen", zitierte das Blatt den Polizeibericht, und "seinen Kopf mehrfach auf den Gehweg geknallt". Mehrere Augenzeugen hätten diesen Hergang bestätigt.

"ABC News" hingegen meldete, dass der Chefermittler Chris Serino dem Schützen diese Darstellung nicht abgenommen und noch in der Nacht Anklage wegen Totschlags habe erheben wollen. Der - seither ausgetauschte - Bezirksstaatsanwalt Norm Wolfinger habe sich jedoch darüber hinweggesetzt und Zimmerman laufenlassen.

Das irritierte die rechten Kommentatoren jedoch nicht. Sofort machte sie sich daran, den toten Martin zum Aggressor umzuschreiben. "Mehrere Verweise von der Schule: Marihuana, Graffiti, 'Besitz eines Einbruchswerkzeugs'", betitelte das konservative Blog "Drudge Report" einen Bericht über angebliche Schulprobleme des Jugendlichen.

Einige Medien publizierten Fotos von Martin, auf denen er älter und härter aussieht als auf dem Schnappschuss, den seine Eltern in Umlauf brachten. Die Website "Twitchy" der rechten Bloggerin Michelle Malkin publizierte sogar das Bild eines halbnackten "Trayvon Martin", mit ausgestreckten Stinkefingern - eine Fälschung, wie Malkin später zugab.

"Einfach nur etwas zu übereifrig"

Der rechte Blogger Dan Riehl rückte Martin in die Nähe von Drogendealern und verbreitete zum Beweis Ansichten von Martins Facebook-Profil, auf dem sein Spitzname "Slimm" und Worte wie "Plant" (Gras) und "Nigga" zu lesen sind. Zuvor hatte Reporter Geraldo Rivera vom Kabelsender Fox News Martins Kapuzenpulli mitverantwortlich gemacht - seiner Meinung nach der Look eines "Möchtegern-Gangsters".

Zugleich begannen andere, Zimmerman zum lupenreinen Helden zu verklären. Statt seines Polizeifotos tauchte auf einmal ein Bild auf, das ihn lächelnd in feinem Anzug mit Krawatte zeigt. "Er liebte die Polizeiarbeit", schwelgte der konservative Radiotalker Rush Limbaugh. "Er wollte sein Viertel beschützen, und er wurde einfach nur etwas zu übereifrig."

All dies ist eine bemerkenswerte Eskalation der Debatte. Wochenlang hatten die Rechten zu dem Fall geschwiegen. Nun scheint es, als habe die Diskussion um Martins Tod, die US-Waffengesetze und das Ungleichgewicht zwischen den Rassen eine lange gärenden Frust geweckt - eben auch bei vielen Weißen. Deren Tenor: Nicht die Schwarzen müssten sich in den USA fürchten, sondern die Weißen.

"Mehr Weiße werden von Schwarzen umgebracht als Schwarze von Weißen", schreibt der konservative Kolumnist Jonah Goldberg in der "Los Angeles Times". Dahinter steckt ein Mantra, das man in diesen Kreisen immer öfters hört: In Wahrheit seien die Weißen Amerikas bedrohte Rasse - bedroht vor allem vom demografischen Wandel durch Einwanderung und Geburtenknick. So sind Weiße in rund 50 US-Großstädten längst in der Minderheit - darunter New York, Washington, San Diego, Las Vegas und Memphis.

Auch am Dienstag gingen die landesweiten Proteste im Fall Martin weiter. In Washington forderten Hunderte die Anklage Zimmermans wegen eines "Hassverbrechens". Unterdessen ließ Martins Mutter Sybrina Fulton zwei Parolen der Demonstranten markenrechtlich schützen: "I am Trayvon" und "Justice for Trayvon".

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