Kirche in Niedersachsen Unbekannte entfernen Hakenkreuz von umstrittener Glocke

In etlichen Kirchtürmen hängen noch heute Glocken mit NS-Symbolen, so auch im niedersächsischen Schweringen. Nun ist das Hakenkreuz von der dortigen Glocke verschwunden - und ein Bekennerschreiben aufgetaucht.

Kirchenglocke ohne Hakenkreuz in Schweringen
epd/ Hannoversche Landeskirche

Kirchenglocke ohne Hakenkreuz in Schweringen


In etwa einem halben Dutzend Kirchengemeinden in Deutschland ist in den vergangenen Monaten Streit wegen der Turmglocken ausgebrochen: Die Klangkörper sind wahlweise mit Runen, Hakenkreuzen oder Lobgesängen auf Adolf Hitler verziert. Im niedersächsischen Schweringen haben Unbekannte die Debatte nun auf ihre Weise beendet: Das dortige Hakenkreuz ist von der Glocke verschwunden.

"Das ist so", sagte Pfarrer Jann-Axel Hellwege laut mehreren Medienberichten und bestätigte damit den Fall, über den zuerst die Lokalzeitung "Die Harke" berichtet hatte. Die Täter seien irgendwann in der vergangenen Woche vermutlich mit einem Schlüssel in die Kirche der Kapellengemeinde gelangt, sagte Hellwege dem "Domradio" zufolge. Einbruchsspuren gebe es nicht. Dem Bericht der "Harke" zufolge haben die Täter das NS-Symbol weggeflext.

Der Vorstand der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde, die Eigentümerin der Glocke ist, hatte Mitte März mehrheitlich beschlossen, die Glocke wieder läuten zu lassen. Die Entscheidung war beim Pastor, dem Kirchenkreis und der Landeskirche nicht auf Begeisterung gestoßen.

Die - noch unbeschädigte - Schweringer Glocke
epd/ Ev.-luth. Sprengel Hannover

Die - noch unbeschädigte - Schweringer Glocke

Hellwege beanstandete die Entscheidung offiziell und machte Verfahrensfehler geltend; die Sache ist noch nicht abgeschlossen. "Die Beanstandung hat zur Folge, dass der Beschluss, die Glocke wieder in Betrieb zu nehmen, vorerst nicht ausgeführt werden kann", schreibt die Landeskirche dazu.

Hellwege hatte am Abend des vergangenen Donnerstags den zuständigen Superintendenten des Kirchenkreises Nienburg über den Fall informiert, wie die Landeskirche Hannover in einer Stellungnahme mitteilt. Demzufolge entfernten die Täter nicht nur das Hakenkreuz, sondern auch den Schriftzug "dies Kreuz gab Gelingen half Zwietracht bezwingen".

Im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in Niedersachsen hatte es in den vergangenen Monaten Debatten über mehrere solcher Glocken aus der NS-Zeit gegeben - unter anderem im saarländischen Rilchingen-Hanweiler, in Essingen in der Südpfalz, in Homburg, in Mehlingen bei Kaiserslautern, im Pirmasenser Stadtteil Winzeln und in Faßberg in der Lüneburger Heide.

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Hakenkreuz im Kirchturm: Der Glockenstreit von Faßberg

Möglicherweise ist die jetzige Entfernung des 35 mal 35 Zentimeter großen Hakenkreuzes von der Schweringer Glocke eine Reaktion auf die jüngste Entscheidung der Kirchengemeinde, den umstrittenen Klangkörper nicht außer Dienst zu nehmen. An der Tür der Kapelle hinterließen die Täter ein Bekennerschreiben, aus dem "Die Harke" zitiert.

"Schweringen hat ein schmutziges, matschiges, nasses, kurz gesagt: ein extrem hässliches halbes Jahr hinter sich", heißt es in dem Schreiben. Es sei Zeit geworden für einen Frühjahrsputz. "Wir Schweringer werden uns jetzt wieder auf das Dorfleben konzentrieren und dafür sorgen, dass wir friedvoll eine Gemeinschaft aufbauen können." Die Bürger des Ortes seien anständig, intellektuell und weltoffen.

Ob die Angelegenheit ein juristisches Nachspiel haben wird, ist noch offen. "Es liegen derzeit keine Anzeigen seitens der Kirche vor", sagte Daniel Jahn, Sprecher der Nienburger Polizei, dem SPIEGEL. Ermittler würden prüfen, ob von Amts wegen ermittelt werde.

Im Fall von Sachbeschädigung oder Hausfriedensbruch sei das jedoch nicht ohne Weiteres möglich, da beide Straftaten sogenannte Antragsdelikte seien. Sollte die Polizei aber etwa zur Auffassung kommen, es bestehe ein Verdacht auf gemeinschädliche Sachbeschädigung, seien polizeiliche Maßnahmen auch ohne eine Anzeige denkbar.

Die Landeskirche prüft, wie sie mit der Angelegenheit umgehen wird. "Zudem wird ein Sachverständiger untersuchen, inwieweit die Beschädigung den Klang der Glocke verändert", heißt es in der Mitteilung.

"Aufgrund des langwierigen Diskussionsprozesses und der strittigen Entscheidung, die Glocke weiterläuten zu lassen, kann ich einerseits nachvollziehen, wenn jetzt Fakten geschaffen worden sind", sagte die für Schweringen zuständige Landessuperintendentin Petra Bahr. "Andererseits sehe ich die Verantwortlichen in der Kapellengemeinde unverändert in der Pflicht, die Aufarbeitung der Geschichte der Schweringer Kirchenglocke weiterzuführen."

mxw



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