Schwuler Asylbewerber aus Russland Flucht aus dem Flüchtlingsheim

Ein in Russland verfolgter Schwuler suchte Schutz in Deutschland - und wurde offenbar in seiner Asylbewerberunterkunft von Homophoben schikaniert. Er flüchtete.

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Schwulenaktivist Mathias Fangohr (r.), russischer Asylbewerber (M.): "Wer hat ein Bett für einen jungen Mann aus Russland?"
Harald Krieg/ Agentur Focus/ DER SPIEGEL

Schwulenaktivist Mathias Fangohr (r.), russischer Asylbewerber (M.): "Wer hat ein Bett für einen jungen Mann aus Russland?"


Am Tag nach seinem 25. Geburtstag zerrten ihn Schwulenhasser in ein Auto. Die Männer karrten Alexander Andrejew* aus der westsibirischen Stadt Surgut hinaus, schlugen ihm die Zähne ein - und ließen ihn in einem Wald liegen. So berichtet es der junge Russe.

Es war nicht das erste Mal, dass Andrejew in Russland ins Visier von Homophoben geriet. Einmal habe ihn ein Mann, den er im Internet kennengelernt hatte, zu einem vermeintlichen Date gelockt - und dann versucht ihn zu erpressen: Wenn er ihm kein Geld gebe, werde er ihn überall in der Stadt als Schwulen outen, auch gegenüber seinen Kollegen.

Nach den Misshandlungen im Wald war für Andrejew die Grenze überschritten. Er ließ seinen Hund Zwetotschek bei einer Bekannten, packte einen Koffer und flüchtete nach Deutschland, um Asyl zu beantragen.

Explosive Stimmung in Flüchtlingsheimen

Hier könnte diese Geschichte aufhören: Ein verfolgter Homosexueller findet Zuflucht in Deutschland. Aber so ist es nicht. Denn Andrejew hatte offenbar das Pech, in Magdeburg mit Schwulenfeinden in einer Gemeinschaftsunterkunft zu landen. Asylbewerber aus dem Kaukasus hätten ihn dort als "Päderasten" beschimpft und ihm Gewalt angedroht, sagt der junge Russe. Einer habe angeblich sogar ein Messer gezückt.

Nach Angaben der Stadt Magdeburg hätten weder die Mitarbeiter des Asylbewerberheims noch der dortige Wachdienst einen solchen Vorfall bestätigen können. Der "vermeintlich Betroffene" habe aber dem Sozialamt einen entsprechenden Fall geschildert.

Zu dem Zeitpunkt war Alexander Andrejew schon nicht mehr in der Flüchtlingsunterkunft. Vor gut zwei Wochen ist er aus dem Heim ausgebüchst und hat sich an Quarteera gewandt, ein Berliner Verein, der sich um homosexuelle Flüchtlinge aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion kümmert - und immer wieder auch Fälle wie den von Andrejew betreut. In Brandenburg, so berichtet Quarteera-Vorstand Wanja Kilber, sei vor Kurzem ein schwuler Flüchtling von einem anderen Asylbewerber mit einer Fahrradkette angegriffen worden.

Rund 160.000 Menschen haben in diesem Jahr in Deutschland Asyl beantragt, so viele wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Je stärker die Flüchtlingszahlen steigen, je voller die Unterkünfte werden, desto häufiger prallen in den Heimen auch verschiedene Gruppen von Asylbewerbern aufeinander: Verfeindete Religionsgruppen, Bürgerkriegsgegner - oder eben Homohasser und Homosexuelle.

"Unterbringung in eigenem Wohnraum dringend zu befürworten"

Im Fall von Alexander Andrejew postete der Verein Quarteera am 6. November auf Facebook einen Hilferuf: "Wer hat ein Bett für einen jungen Mann aus Russland in Magdeburg? Er ist vor gewaltsamen homophoben Übergriffen geflohen und ersucht gerade in Deutschland um Asyl. Muss aber hier das Zimmer und Dusche mit mehreren homophoben Männern teilen."

Zehn Tage später sitzt Alexander Andrejew in einer Wohnung am Rande Magdeburgs und trinkt Pfefferminztee aus einer Tasse mit Regenbogen-Aufdruck. Der Schwulenaktivist Mathias Fangohr und sein Partner haben ihn aufgenommen, er hat in ihrer Gästewohnung Unterschlupf gefunden. Es ist schwer für Andrejew, über das zu reden, was ihm passiert ist. Erst die Gewalt in Russland, dann die Angst im Asylbewerberheim. Immer wieder unterbricht er das Gespräch, weil ihm Tränen in die Augen schießen.

Bis diese Woche war unklar, ob Alexander Andrejew in der Wohnung bleiben darf - oder ins Heim zurück muss. Denn nach den Leitlinien des Innenministeriums in Sachsen-Anhalt sollen alleinstehende Asylbewerber in der Regel in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht werden, solange ihr Verfahren läuft.

Erst nachdem Psychologen ein Gutachten erstellten, ließen sich die Behörden überzeugen, wegen seiner "persönlichen Situation und den daraus entstandenen Umständen" eine Ausnahme zu machen, wie die Stadt Magdeburg am Freitag mitteilte. Laut dem Gutachten ist bei Andrejew die "Unterbringung in eigenem Wohnraum dringend zu befürworten". Es gebe "klare Hinweise auf eine besondere Schutzbedürftigkeit" wegen "des Erlebens schwerer Gewalt und schwerer psychischer Belastung".

Offen ist dagegen, ob Andrejew dauerhaft Asyl gewährt wird. Bisher wurden in Deutschland nur wenige Homosexuelle aus Russland als Flüchtlinge anerkannt. Von den 20 Fällen, die der Verein Quarteera in den letzten eineinhalb Jahren betreut hat, waren es genau drei.

*Name von der Redaktion geändert

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