Vermeintliche Drogenhilfe: Tod in der Sekten-Klinik

Von , Washington

Drei Tote in den letzten zehn Monaten - in einer Drogenentzugsklinik im US-Staat Oklahoma mehren sich mysteriöse Todesfälle. Die Einrichtung fällt mit dubiosen Methoden auf - und mit ihrer Nähe zum Scientology-Universum.

Scientology: Tod in der Sekten-Klinik Fotos

Es begann mit einem Versprechen. Am Ende aber stand der Tod.

"Hier bei Narconon helfen wir Menschen, die drogenabhängig oder alkoholsüchtig sind", heißt es auf der Homepage von Narconon International. "Tausende" seien schon erfolgreich rehabilitiert worden und lebten nun "ein stabiles, ethisches, produktives, drogenfreies Leben". Und: "An unsere Erfolgsrate kommt keiner ran."

Tatsächlich? Jetzt rückt eine ganz andere Rate in den Vordergrund. In der Narconon-Entzugsanstalt Arrowhead im US-Südstaat Oklahoma sind allein in den letzten zehn Monaten drei Patienten verstorben: Der 32-jährige Gabriel Graves im Oktober, die 21-jährige Hillary Holten im April und vor wenigen Wochen im Juli die 20-jährige Stacy Murphy.

Sauna, Nikotinsäure, Sauna, Nikotinsäure

Narconon verfolgt eine mittlerweile berüchtigte Entziehungskur: In mehrwöchigen Kuren müssen die Patienten, die Studenten genannt werden, bis zu fünf Stunden am Tag in der Sauna sitzen, zudem Nikotinsäure und andere Vitamine zu sich nehmen. Vor und nach Abschluss der gesamten Prozedur absolvieren sie eine Art Persönlichkeitstraining.

Besonders pikant: Narconon ist mit Scientology verbandelt.

Die Sekte wirbt auf ihrer Homepage offensiv für die Einrichtung, listet sie unter der Überschrift "humanitäre Programme". Sogar Narconon Arrowhead wird gewürdigt. Scientologen hätten die Entstehung des Zentrums gefördert, heißt es auf der amerikanischen Seite: "Gegründet im Jahr 2001 ist es der führende Standort des Narconon Netzwerks." Es sei nicht nur "die weltweit größte stationäre Einrichtung ihrer Art", sondern diene auch als "internationales Trainingszentrum für Drogenentzugsspezialisten". Stolz schreiben die Sitemacher der Sekte, dass Narconon mittlerweile 180 Zentren in 47 Ländern betreibe.

Die Methode für den Drogenentzug ist mehr als dubios: Sie beruht auf Eingebungen von Sekten-Gründer L. Ron Hubbard aus den sechziger Jahren. Nach dessen Vorstellung lagern sich Rückstände der Drogen im Gewebe der Süchtigen ab. Durch Sauna und Co. sollen diese Substanzen dann ohne Medikamente aus dem Körper gewaschen werden. Experten und Kritiker haben dieses Verfahren wieder und wieder als pseudowissenschaftlich gebrandmarkt.

Will man also wirklich Drogensüchtigen und Alkoholkranken helfen? Oder geht es um etwas ganz anderes? Tatsächlich dienten all die vermeintlich humanitären Aktivitäten der Scientologen offenbar vor allem einem Zweck: Sie sollen "den Ruhm und die zahlende Heerschar des Sektengründers Hubbard mehren", wie der SPIEGEL bereits 1991 mutmaßte.

Verstörend und traurig ist die Geschichte von Stacy Murphy, der 20-jährigen Toten von Narconon Arrowhead. Öffentlich gemacht wurde sie von Rick S., einem Alkoholkranken, der zeitgleich mit Stacy in der Anstalt lebte; die New Yorker Wochenzeitung "The Village Voice" hat sie in ihrem Blog aufgeschrieben. Demnach soll die 20-Jährige nach einigen Behandlungswochen die Erlaubnis bekommen haben, ihre Familie zu besuchen. "Sie erfüllte keine der Kriterien für solch eine Beurlaubung, aber sie hat alle nötigen Unterschriften bekommen", erinnert sich Rick S. Man mache eine Ausnahme, habe man ihm erzählt.

"Kein Arzt unter dem Personal"

Als Stacy am Mittwoch, den 18. Juli, zurückkehrte, bemerkte das Personal laut Rick S., dass sie "high" gewesen sei. Man habe sie noch in derselben Nacht auf die Entzugsstation der Einrichtung verlegt. Ihre Lage verschlimmerte sich zusehends, offenbar litt sie an einer Überdosis. "Da gab es keinen Arzt, keine Schwester unter dem Personal", berichtet Rick S. dem Blog. "Das ganze Personal setzt sich aus früheren Patienten zusammen." Ausnahme seien nur Fahrer und Sicherheitskräfte. Die Leute seien überfordert gewesen von Stacys Situation. Und Medikamente, die das Mädchen hätten retten können? Fehlanzeige. "Entweder waren die nicht verfügbar oder keiner wusste, wie man sie handhabt", zitiert "The Village Voice" Rick S. Am nächsten Morgen habe er gehört, dass Stacy gestorben sei.

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE äußerte sich Narconon International am Mittwoch nicht zu den mysteriösen Todesfällen. Der US-Sender NBC zitierte ein Statement von Narconon: Man habe "Zehntausenden" geholfen und "drei von vier Narconon-Absolventen" seien befähigt worden, wieder ein "stabiles, drogenfreies Leben" zu führen. Narconon-Arrowhead-Chef Gary Smith sagte NBC, er könne die Todesfälle mit Blick auf Gesetze zum Schutz des Persönlichkeitsrechts nicht kommentieren. Doch seien er und seine Angestellten über den Verlust junger Leben am Boden zerstört: "Unsere Gebete sind mit den Familien und den Verstorbenen", so Smith.

Scientology-Sprecherin Karin Pouw erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE, es gebe keine Anhaltspunkte, "dass diese Vorfälle mit der Methodologie des Narconon-Drogenentzugs zu tun haben". Am Ende werde die Wahrheit über Narconon herauskommen "und die erzeugte Kontroverse wird verschwinden". Pouw betonte, dass Narconon "nicht Teil" von Scientology sei. Man unterstütze die Organisation aber "sehr offen".

Narconon und sein berühmter Unterstützer

Werden die Todesfälle nun den Blick auf Narconon verändern? Vielen Hilfesuchenden war in der Vergangenheit die Verbindung des Unternehmens zu Scientology nicht klar. Auch er habe das nicht gewusst, beteuert Rick S. Aber schon "in der ersten Stunde" vor Ort sei ihm klar geworden: "Das ist Scientology."

Prominente Sektenmitglieder machen ohnehin keinen Hehl aus der Verbindung. Da ist etwa Hollywood-Schauspieler Tom Cruise. In einem SPIEGEL-Interview aus dem April 2005 bekennt sich der Star-Scientologe zu Narconon:

Cruise: Ich selbst habe zum Beispiel Hunderten Leuten geholfen, von Drogen loszukommen. Wir bei Scientology haben das einzig erfolgreiche Drogen-Rehabilitationsprogramm der Welt. Es heißt Narconon.

SPIEGEL: Das stimmt nicht. Unter den anerkannten Entzugsverfahren taucht Ihres nirgends auf; unabhängige Mediziner warnen davor, weil es auf Pseudowissenschaft beruhe.

Cruise: Sie verstehen nicht, was ich sage. Es ist eine statistisch erwiesene Tatsache, dass es nur ein erfolgreiches Drogen-Rehabilitationsprogramm gibt in der Welt. Punkt.

SPIEGEL: Bei allem Respekt: Wir bezweifeln das, Mr. Cruise.

Rick S. jedenfalls sorgt sich derzeit weniger um seine Alkoholsucht. Er hat Angst vor Scientology - weil er bei der Untersuchung von Stacys Tod geholfen hat: "Ich fürchte um mein Leben."

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1. Der Entzug von Tom Cruise
Emil Peisker 17.08.2012
Zitat von sysopDrei Tote in den letzten zehn Monaten - in einer Drogenentzugs-Klinik im US-Staat Oklahoma mehren sich mysteriöse Todesfälle. Die Einrichtung fällt mit dubiosen Methoden auf - und mit ihrer Nähe zum Scientology-Universum. Scientology: Mysteriöse Todesfälle in Entzugsklinik Narconon - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,850325,00.html)
Der Entzug von Tom Cruise von der Droge Scientology gehört zu den schwierigeren Aufgaben. Der Kleinwüchsige hat nur durch seine "Thetan-Fähigkeiten" soviel Selbstbewusstsein, dass einigermaßen durchs Leben kommt. Nach dem Entzug sähe es um den Knirps nicht gut aus, obwohl er doch als frei operierender Thetan von allen Beschränkungen des Raums, der Materie, der Zeit und der Energie befreit sein sollte. Soweit der Mumpitz des L.Ron Hubbard. Ich habe Ende der 60er einige seiner Science Fiction-Stories gelesen, und auch sein Dianetics. Ich hätte es eigentlich nicht für möglich gehalten, aber Abertausende folgen diesem Scharlatan auch heute noch.
2. Scientology
frunabulax 17.08.2012
Zitat von Emil PeiskerDer Entzug von Tom Cruise von der Droge Scientology gehört zu den schwierigeren Aufgaben. Der Kleinwüchsige hat nur durch seine "Thetan-Fähigkeiten" soviel Selbstbewusstsein, dass einigermaßen durchs Leben kommt.
Tom Cruise fühlt sich doch nur wohl bei Scientology weil er neben David Miscavige hochgewachsen aussieht.
3. Nicht das erste Mal
guntalk 17.08.2012
Das wäre ja nicht das erste Mal, dass Menschen durch Scientology's fragwürdige Methoden zu Tode kommen. Lisa McPherson, die 1995 unter der Obhut von Scientology "verstarb" war z.B. stark dehydriert und unterernährt. An den Methoden scheint sich also nicht viel geändert zu haben.
4. unglaublich
tinosaurus 17.08.2012
Hätte nie gedacht, dass die mal so mächtig werden. Tom Cruise ist mir seitdem total unsympathisch.
5. Wie ist die Relation zu anderen Einrichtungen?
hutch 17.08.2012
Solche Todesfälle sind tragisch. Es bleibt jedoch die Frage, wie viele Todesfälle es in anderen, insbesondere etablierten, derartigen Einrichtungen gibt.
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