Scotland Yard: Undercover-Ermittler benutzten Namen toter Kinder

Von Simone Utler

Vor dem Gebäude von New Scotland Yard: "Das ist kein James-Bond-Film" Zur Großansicht
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Vor dem Gebäude von New Scotland Yard: "Das ist kein James-Bond-Film"

Sie nutzten Identitäten verstorbener Kinder, gaukelten Frauen Beziehungen vor - und verschwanden wenig später spurlos. In Großbritannien sorgen die Ermittlungsmethoden einer Spezialeinheit von Scotland Yard für Diskussionen. Ein Untersuchungsausschuss müht sich nun um Aufklärung.

London - Zwei Jahre lang war sie mit John Barker zusammen. Dann, im März 1992, verschwand er plötzlich aus ihrem Leben. Die Frau suchte nach einer Erklärung dafür, heuerte einen Privatdetektiv an, verfolgte Spuren in aller Welt. 18 Jahre lang. Heute weiß sie: Ihr Ex-Freund war ein verdeckter Ermittler von Scotland Yard - der für seine Tarn-Identität den Namen eines verstorbenen Jungen genutzt hat. Der echte John Barker war 1968 im Alter von acht Jahren an Leukämie gestorben.

Der "Guardian" berichtete nun über diesen und weitere Fälle, in denen Scotland Yard für die Legenden seiner verdeckten Ermittler die Namen verstorbener Kinder genutzt haben soll - ohne dass die Eltern davon wussten. Drei Jahrzehnte lang hätte die Metropolitan Police (MET) Geburts- und Sterberegister als Quellen genutzt, rund 80 Fälle seien aus den Jahren zwischen 1968 und 1994 bekannt.

Die Zeitung stützt sich neben dem Fall von John Barker auf ein internes Dokument und die Aussagen zweier Ermittler, die anonym bleiben, aber detailliert schildern, wie sie und weitere Kollegen sich der Identitäten bedienten - und durchaus Gewissensbisse hatten. Einer der Beamten sagte, er habe sich gefühlt, als "trampele er auf dem Grab" des Vierjährigen herum, dessen Namen er angenommen hatte, um in den neunziger Jahren in einer Anti-Rassismus-Gruppe verdeckt zu ermitteln.

Die beiden Polizisten arbeiteten laut "Guardian" für die Special Demonstration Squad (SDS). Laut "Observer" wurde "die geheimste Abteilung von Scotland Yard" 1968 gegründet, nachdem vor der US-Botschaft in London eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg eskaliert war. Ermittler sollten Protestbewegungen von innen überwachen und wurden, als Tierschützer oder Friedensaktivisten getarnt, in die entsprechenden Organisationen eingeschleust. Jahrelang sammelten sie dort Informationen. 2008 wurde die SDS laut "Guardian" aufgelöst.

Aktuell sei diese Praxis nicht erlaubt, betonte die MET auf Anfrage der Zeitung. Zu den früheren Absprachen für Undercover-Identitäten von SDS-Polizisten würden Ermittlungen eingeleitet.

Elf getäuschte Frauen verklagten die Polizei

Seit etwa zwei Jahren kocht das Thema um die britischen Spezialermittler immer mal wieder hoch. Damals kam der Fall von Mark Kennedy ans Tageslicht, der von 2002 bis 2009 im Auftrag von Scotland Yard undercover in der militanten Umweltaktivistenszene aktiv war. Zunächst in Großbritannien, danach in ganz Europa. Nach Angaben von Mitstreitern hatte er als Agent provocateur viele Proteste angeheizt. Außerdem hatte er mit mehreren Frauen Affären, mit einer war er sechs Jahre zusammen.

Zurzeit befasst sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit solchen Fällen. Elf Frauen haben die MET laut "Guardian" vor Gericht gebracht, weil sie "sehr persönliche" Beziehungen zu Agenten hatten, ohne deren wahre Identität zu kennen. Die Ermittler lebten mit den Frauen, einige bekamen gar gemeinsame Kinder. War ihr Auftrag abgeschlossen, verschwanden sie einfach - ohne eine Spur.

Auch ein Uno-Vertreter hat sich inzwischen eingeschaltet. "Es ist inakzeptabel, dass ein Staat jemanden bezahlt, der Frauen ausnutzt, Teil ihres Lebens wird und sie dann einfach verlässt und vernichtet", sagte Maina Kiai Ende Januar bei einem zehntägigen Recherchebesuch in London, Belfast und Edinburgh und forderte eine öffentliche Aufarbeitung des Falls Kennedy und ähnlicher Fälle. "Das ist kein James-Bond-Film." Das Vorgehen verletzte die Menschenrechte und das Recht auf Privatsphäre, die ausspionierten Gruppen seien nicht in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen.

Das Innenministerium erklärte kürzlich, erste interne Ermittlungen seien bereits durchgeführt und Vorschläge für den Einsatz von Langzeitermittlern wie Kennedy vorgelegt worden: "Die Regierung arbeitet mit der Polizei an der Umsetzung dieser Empfehlungen."

Ermittler besuchte Geburtshaus seines Namensgebers

Dass die Ermittler ihre Legenden auf der Identität von Toten aufbauten, war im Prinzip schon länger bekannt. Dutzende Ermittler hätten so ihre Scheinidentität bekommen, schrieb der "Observer" im März 2010 und schilderte ausführlich die zweifelhaften Aktivitäten der Undercover-Ermittler. Die Methode, die Frederick Forsyth in seinem Thriller "Der Schakal" beschreibt, sei vor rund 40 Jahren eingeführt worden, um Ermittlern eine glaubhafte Biografie zu bieten.

Die Fahnder besuchten beispielsweise das Geburtshaus ihres Namensgebers, sahen sich die Umgebung an und speicherten kleine Details ab, um ihre Tarnung möglichst echt erscheinen lassen zu können. Dies beschrieb einer der Informanten in dem aktuellen Artikel des "Guardian". Demnach gibt es Hinweise, dass diese Form der Legendenbildung Mitte der neunziger Jahre mit der Digitalisierung von Daten eingestellt worden sei. Allerdings soll es einen Fall geben, in dem ein Ermittler noch 2003 die Identität eines toten Kindes genutzt habe.

Auch der parlamentarische Untersuchungsausschuss wird sich künftig mit dem zweifelhaften Vorgehen befassen. "Der Ausschuss wird nun von der Polizei Erklärungen verlangen müssen, wie es zu diesen grausamen Methoden kommen konnte", sagte der Ausschussvorsitzende Keith Vaz laut "Guardian". "Das bedeutet enormes Leid für die Familien, die erfahren was mit der Identität ihrer verstorbenen Kinder geschehen ist."

An diesem Dienstag wird der Untersuchungsausschuss aber zunächst das Thema der Scheinbeziehungen erörtern. Die Parlamentarier wollen die Anwälte der Frauen anhören, mit denen Undercover-Ermittler Beziehungen hatten.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Na, wenn man sechs Jahre mit jemand zusammen ist
hdudeck 04.02.2013
Zitat> Außerdem hatte er mit mehreren Frauen Affären, mit einer war er sechs Jahre zusammen< kann man das ja wohl nicht mehr als Affaere bezeichnen. Und ausserdem, warum wird das hier als schlecht dargestellt? Ich will nicht die Art und Weise der Ermittlungen kommentieren, aber zu verlangen, das die verdeckten Ermittler dabei ihr privates Liebesleben total unterdruecken kann man ja wohl nicht verlangen.
2. Sehr kreativ!
phylantroph 04.02.2013
Warum kompliziert wenn's auch einfach geht. Da steckt einfach der Britte drin. Wahrscheinlich war die Idee von Mr. Bean. Wer sich für einen Job wie entscheidet, muss auch die Konsequenzen dafür tragen (Puff). Ich finde, dass die Frauen, und die Familien der verstorbenen Kinder, mit einem extrem hohen Geldbetrag entschaedigt werden sollten. shame on you GB
3.
Earendil77 04.02.2013
Zitat von hdudeckZitat> Außerdem hatte er mit mehreren Frauen Affären, mit einer war er sechs Jahre zusammen< kann man das ja wohl nicht mehr als Affaere bezeichnen. Und ausserdem, warum wird das hier als schlecht dargestellt? Ich will nicht die Art und Weise der Ermittlungen kommentieren, aber zu verlangen, das die verdeckten Ermittler dabei ihr privates Liebesleben total unterdruecken kann man ja wohl nicht verlangen.
Schauen Sie sich doch mal was zum Fall Vera Wollenberger / Lengsfeld an. Vielleicht verstehen Sie dann, was es heißt, wenn man erfährt, dass der jahrelang geliebte Partner ein Spitzel ist. Dass alles nur ein Fake war, dass die Beziehung nur dazu gedient hat, Sie und Ihre Umgebung ausspionieren zu können. Die dadurch verursachten psychischen Schäden, den Verlust an Vertrauensfähigkeit, das kann man sich vorstellen. Darum wird das "als schlecht dargestellt". Sowas ist einfach das aller-aller-allerletzte! Und die Höhe ist, dass es da nicht um gefährliche Terroristen, Mafiosi oder so ging, sondern um politische Gruppierungen, deren Aktivitäten legal bis allenfalls niedrigschwellig gesetzwidrig waren.
4. Versteh das Problem nicht.
ganta 04.02.2013
Zitat von phylantrophWarum kompliziert wenn's auch einfach geht. Da steckt einfach der Britte drin. Wahrscheinlich war die Idee von Mr. Bean. Wer sich für einen Job wie entscheidet, muss auch die Konsequenzen dafür tragen (Puff). Ich finde, dass die Frauen, und die Familien der verstorbenen Kinder, mit einem extrem hohen Geldbetrag entschaedigt werden sollten. shame on you GB
Und? Haben sie den Namen halt genommen. Ich schätze mal irgendwo auf der Welt liegt einer mit demselben Namen wie ich unter der Erde. Und?
5. "Frauen vernichtet" ?
Student5 05.02.2013
"Es ist inakzeptabel, dass ein Staat jemanden bezahlt, der Frauen ausnutzt, Teil ihres Lebens wird und sie dann einfach verlässt und vernichtet", sagte Maina Kiai Das ist unangemessene Opfer-Rhetorik in Anbetracht der Tatsache, daß viele Frauen nicht die geringsten Skrupel kennen, wenn es darum geht, staatliche Vorteile für sich selbst zu nutzen - für Scheidung, Kindeswegnahme, Falschbeschuldigung, Unterhaltsabzocke usw. usf.
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