Urteil in Nürnberg Esoterische Mutter überließ schwerkranken Sohn sich selbst

Ein Zwölfjähriger leidet an einer schweren Krankheit, doch seine Mutter geht mit ihm nicht zum Arzt. Medikamente gibt sie ihm auch keine. Stattdessen soll der Junge meditieren, fasten oder Obst essen. Jetzt wurden die Frau und ihr Guru-Freund verurteilt.


Nürnberg - Noch heute ist der 27-Jährige schmal und blass. Seit seiner Geburt leidet er an der schweren und unheilbaren Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose. Als er zwölf Jahre alt ist, zieht seine Mutter mit ihren drei Kindern zu ihrem neuen Lebenspartner ins mittelfränkische Lonnerstadt. Der nennt sich "Lehrer der zeitlosen Weisheit". Das Paar liebt die Esoterik und glaubt an Wiedergeburt. Von heute auf morgen überlässt die Mutter es ihrem Kind selbst, ob es die dringend nötigen Medikamente nimmt und regelmäßig zum Arzt geht. Ihr Freund sagt dem Jungen sogar, durch Meditation könne die Krankheit geheilt werden.

Zehn Jahre nach diesem Martyrium, im November 2012, stellt der Junge Strafanzeige gegen seine Mutter und ihren Lebenspartner. Auslöser war eine WDR-Dokumentation, die den vermeintlichen "Sektenguru" und seine Anhänger porträtierte. Nun verurteilte das Landgericht Nürnberg-Fürth die 49-jährige Mutter und ihren 55 Jahre alten Freund zu drei Jahren Haft - wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Der Vorsitzende Richter Ulrich Flechtner warf den Angeklagten ein "Komplettversagen bei der Erziehung" vor. Man könne es einem Kind nicht freistellen, ob es zu einer lebensnotwendigen Behandlung gehe. Kein Kind möge Spritzen oder gar Schlimmeres. "Ein minderjähriges Kind muss dazu gebracht werden - zur Not mit Einschaltung der Behörden", sagte Flechtner.

Mit 15 zum leiblichen Vater geflohen

"Die Kammer ist überzeugt, dass ihm die nötige Behandlung vorenthalten wurde", sagte der Richter trotz Beteuerungen der Angeklagten, sie hätten immer nur das Beste für die Kinder gewollt. Der Gesundheitszustand des Jungen und seine körperliche Leistungsfähigkeit seien permanent schlechter geworden. Das hätten auch die Lehrer gesehen. Da sei es unvorstellbar, dass die Mutter das nicht bemerkt habe. Sie und ihr Freund hätten jedoch die unangenehme Auseinandersetzung mit dem pubertierenden Jugendlichen gescheut.

Obwohl bei der Krankheit kalorienhaltige Nahrung dringend nötig ist, wurde der Junge den Angaben zufolge zum Verzicht von geeigneter Nahrung aufgefordert. In der Zeit von November 1999 bis Dezember 2002 magerte der Junge ab, war am Ende massiv unterernährt. Zuletzt wog er nur noch knapp 30 Kilogramm - 20 Kilo weniger als für seine Größe normal. Hinzu kam eine irreparable Schädigung des Lungengewebes. Ohne weitere Behandlung hätte die Krankheit "bald zum Tode geführt", sagte der Richter.

Die Rettung für den kranken Jungen: Mit 15 Jahren floh er mithilfe seiner Schwester zu seinem leiblichen Vater. Dort ging es ihm nach Angaben des Gerichts schnell besser. Er nahm zu und die Medikamente halfen ihm.

Vorverurteilt und stigmatisiert

Beim Strafmaß berücksichtigte die Kammer zugunsten der Angeklagten, dass die Taten mehr als zwölf Jahre zurückliegen, dass es dem Jungen inzwischen besser geht und dass die Angeklagten durch die Berichterstattung in den Medien vorverurteilt und stigmatisiert worden seien. "Das sind ganz erhebliche Beeinträchtigungen, die die Angeklagten erleben mussten." Der 55-Jährige war als "Sektenguru von Lonnerstadt" bekanntgeworden. Seine Zugehörigkeit zu der "Neuen Gruppe der Weltdiener" stellte sich in der Verhandlung jedoch als falsch heraus.

Sein Mandant habe lange Zeit gebraucht, um das Ganze zu verarbeiten, sagte der Anwalt des Opfers, Mathias Klose. Deshalb habe dieser erst so spät die Strafanzeige gestellt. Das Urteil sei für seinen Mandanten nun eine Erleichterung.

jbe/dpa



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