Selbsthilfe gegen Drogenkartell Mexiko legalisiert Bürgerwehren

Im mexikanischen Bundesstaat Michoacán dürfen bewaffnete Bürger künftig mit Billigung des Staates gegen das Drogenkartell Tempelritter kämpfen. Die Bürgerwehren haben nach eigenen Angaben rund 20.000 Männer unter Waffen.

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Tepalcatepec - Bürgerwehren in der mexikanischen Region Michoacán sollen künftig mit staatlichem Segen für Ordnung sorgen dürfen. Im Gegenzug müssen sie ihre Mitglieder und Waffen registrieren lassen. Darauf haben sich die Regierung und die Selbstverteidigungskräfte geeinigt.

Die Mitglieder der Bürgerwehren würden übergangsweise in ländlichen Polizeieinheiten zusammengefasst und unter staatliche Kontrolle gestellt, heißt es in dem am Montag geschlossenen Abkommen. Unter bestimmten Voraussetzungen könnten sie später Teil der regulären Polizei werden.

Im Gegenzug zur Registrierung verpflichteten sich die Sicherheitskräfte, die Bürgerwehren mit Telekommunikationsgeräten und Fahrzeugen auszustatten. Die Kommission für Sicherheit und Entwicklung in Michoacán werde ständigen Kontakt zu besonders betroffenen Dörfern halten, heißt es in dem Abkommen. Zunächst hatte die Regierung erwogen, die Bürgerwehren zu verbieten.

Die Bürgerwehren haben nach eigenen Angaben rund 20.000 Männer unter Waffen. Sie und Kämpfer des Drogenkartells Tempelritter hatten sich in Michoacán zuletzt heftige Auseinandersetzungen geliefert. Um die Situation unter Kontrolle zu bringen, schickte die mexikanische Regierung fast 10.000 Soldaten und Polizisten in den Bundesstaat im Westen des Landes.

Mächtiger Drogenboss festgenommen

Ermittlern gelang am Montag ein Schlag gegen das Kartell. Dionicio Loya Plancarte alias "El Tío" ("der Onkel") sei in Michoacáns Hauptstadt Morelia gefasst worden, teilte ein Behördensprecher mit.

Der 58-Jährige ist der Onkel von Kartellchef Enrique Plancarte Solís und gilt als einer der fünf mächtigsten Anführer des Verbrechersyndikats. Er soll den Drogenhandel in Morelia kontrolliert haben.

Im vergangenen Jahr war im Internet eine Videobotschaft von El Tío aufgetaucht. Darin drohte er den Bürgerwehren mit Gewalt. Die Behörden hatten ein Kopfgeld in Höhe von 30 Millionen Pesos (1,6 Millionen Euro) auf ihn ausgesetzt.

Die Caballeros Templarios beherrschten bis vor kurzem weite Teile von Michoacán. Sie erpressen Schutzgeld, kontrollieren das Drogengeschäft und den illegalen Handel mit Rohstoffen. Vor rund einem Jahr griffen die Bürger in mehreren Ortschaften der Region Tierra Caliente zu den Waffen und nahmen den Kampf gegen das Kartell auf.

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Sinaloa-Kartell

Seit dem 8. Januar 2016 muss das Sinaloa-Kartell wieder ohne seine wichtigste Führungsfigur auskommen: Sicherheitskräfte nahmen Joaquín „El Chapo“ Guzmán in der Stadt Los Mochis fest – knapp ein halbes Jahr nach dessen Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis Altiplano.

Guzmáns Organisation bleibt aber die mächtigste Mafia Lateinamerikas und laut Experten eine der fünf größten weltweit. Sie hat ihre Tentakel in rund 50 Staaten ausgestreckt und investiert die Gewinne aus dem Drogenschmuggel in der legalen Wirtschaft.

Das Kartell ist als Föderation organisiert, in der die einzelnen Mitglieder und Netzwerke Freiheiten genießen. Experten katalogisieren das Syndikat als einen modernen multinationalen Konzern, dessen besondere Stärke auch darin liegt, dass in lokalen, regionalen und zentralstaatlichen Regierungsinstanzen korrupte Beamte für ihn arbeiten. Regional herrscht das Sinaloa-Kartell vor allem über den Nordwesten Mexikos.

Golf-Kartell

Das Golf-Kartell, einst eine der mächtigsten kriminellen Organisationen Mexikos, ist stark geschwächt. Zum einen durch Tötung und Festnahme der Anführer, zum anderen durch den Kampf an mehreren Fronten gegen Zetas und Sinaloa-Kartell.

Mittlerweile reduziert sich der Einfluss des Kartells auf seinen Heimatstaat Tamaulipas an der Grenze zu Texas. Dort kassiert es vor allem dafür, die Drogentransporte anderer Gruppen passieren zu lassen. Ansonsten versucht das Golf-Kartell, die Städte Matamoros und Reynosa gegen die Konkurrenz zu verteidigen.

Los Zetas

Die Zetas sind die Todfeinde des Sinaloa-Kartells. Geografisch dominieren sie fast den ganzen Osten Mexikos, von der Grenze zu den USA bis nach Guatemala. Sie sind gefürchtet wegen ihrer Brutalität und Massenexekutionen. Die Zetas waren ursprünglich der bewaffnete Arm des Golf-Kartells, haben sich aber 2010 abgespalten und ihre eigene Organisation gegründet.

Die Gründergeneration bestand aus desertierten Elitesoldaten der Armee, ausgebildet im Kampf gegen Aufständische. Die Zetas sind militärisch straff organisiert. Vor allem im Süden Mexikos und im Ausland kooperieren sie in einer Art Franchisesystem mit regionalen kriminellen Gruppen. Diese dürfen das Label "Zeta" führen und müssen dafür einen Teil ihrer Einnahmen an die Organisation abtreten. Im März 2015 wurde ihr Anführer Omar Treviño Morales ("Z-42") festgenommen.

Kartell Jalisco

Das Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG) ist der neuste Player in Mexikos organisierter Kriminalität. Vor fünf Jahren machten sich Pistoleros, die als Killerbande des Sinaloa-Kartells im Bundesstaat Jalisco arbeiteten, selbstständig. Die "Neue Generation" konnte sich in den vergangenen Jahren unterhalb des Radars der Sicherheitskräfte fast unbemerkt entwickeln und wird nun von den USA als eine der mächtigsten und brutalsten Verbrecherorganisationen Mexikos eingestuft.

Das Kartell übernahm Personal und Geschäftsfelder geschwächter Syndikate. Mittlerweile ist das CJNG in mindestens sieben von 32 Bundesstaaten präsent. Landesweite Bekanntheit erlangte die Organisation, als sie Anfang Mai 2015 die Sechs-Millionen-Metropole Guadalajara lahmlegte. Die Verbrecher schossen dabei einen Militärhubschrauber ab. Ihr Anführer ist Nemesio Oseguera Cervantes alias El Mencho.

Tijuana-Kartell

Das Tijuana-Kartell im äußersten Nordwesten Mexikos ist dafür bekannt, gute Kontakte zu hochrangigen Vertretern von Sicherheitskräften und Justiz zu pflegen. Es wurde 1989 von der Familie Arellano Félix gegründet. Nach zahlreichen Festnahmen in den vergangenen Jahren und durch die Expansion der Großkartelle Sinaloa und Los Zetas ist die Gruppierung deutlich geschwächt.

Drogenfahnder halten die Bande aber noch immer für einen lokalen Player des Rauschgiftschmuggels in Tijuana und Umgebung. Es ist das einzige Kartell, das von einer Frau geführt wird: Enedina Arellano Félix ist Schwester der sechs Brüder, die das Kartell einst gründeten und heute entweder tot oder im Gefängnis sind.

Beltrán-Leyva

Die Beltrán-Leyva-Organisation hat sich 2008 vom Sinaloa-Kartell abgespalten, ihre Macht war vorübergehend groß. Doch nach dem Tod des Anführers Arturo Beltrán-Leyva im Dezember 2009 und der Festnahme seiner Brüder geriet die Bande an den Rand der Bedeutungslosigkeit. Heute gibt es nur noch kleine Zellen, die unter zum Teil anderen Namen im Nordwesten Mexikos das Sinaloa-Kartell bekämpfen.

Die Tempelritter

Die Tempelritter sind ein pseudoreligiöses Kartell, das aus dem Bundesstaat Michoacán an der Pazifikküste stammt und die Nachfolge der Organisation La Familia Michoacana angetreten hat. Die Caballeros Templarios haben Zellen in vielen Regionen vor allem im Norden Mexikos und im Großraum der Hauptstadt Mexiko-Stadt.

Die Tempelritter fordern von ihren Mitgliedern eine bestimmte Lebensführung ein, darunter Alkoholabstinenz. Sie engagieren sich in ihrem Einflussgebiet für soziale Belange, bestrafen Männer, die häusliche Gewalt ausüben, bauen Straßen und Kirchen. Auf der anderen Seite pressen sie Kleinbauern, Viehzüchtern und Unternehmen Schutzgelder ab.

Die Organisation ist Großproduzent von synthetischen Drogen und mischt im illegalen Rohstoffhandel mit. 2014 sind sie durch Bürgerwehren und die Offensive staatlicher Sicherheitskräfte stark unter Druck geraten. Anfang 2015 wurde ihr Anführer, Servando Gómez Martínez alias La Tuta, festgenommen. Seither ist die Organisation geschwächt.

Texte von Klaus Ehringfeld; Quellen: Stratfor, mexikanische Regierung, eigene Recherche; Stand: Januar 2016

ulz/dpa/AP

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