Selbstjustiz im Gerichtssaal Rache in Eigenregie

Sie sehen keinen anderen Weg, als eine Tat selbst zu rächen: Immer wieder ist es in den vergangenen Jahren vor deutschen Gerichten zu Fällen von Selbstjustiz gekommen. Sind die Sicherheitsvorkehrungen ausreichend?


Frankfurt/Main - Wenn es um Selbstjustiz im Gerichtssaal geht, fällt immer wieder ein Name: Marianne Bachmeier. Die verzweifelte Mutter, die 1981 vor Gericht den Mörder ihrer kleinen Tochter erschoss, zog mit ihrer Tat nicht nur die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich, sondern erntete in gewissem Maße auch Verständnis dafür, dass sie den Tod ihres Kindes rächte. Das ist in anderen Fällen von Selbstjustiz vor Gericht meist nicht so: Hier dominiert Entsetzen über die Tat und die Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte.

Denn nicht jeder Gerichtsprozess wird automatisch auch von starken Sicherheitsmaßnahmen begleitet. Bei Aufsehen erregenden Terrorprozessen oder Verfahren gegen brutale Banden, bei denen Anhaltspunkte für mögliche Gefahren vorliegen, sind die Sicherheitsvorkehrungen mit Personenkontrollen, Metalldetektoren oder Fesselung der Angeklagten hoch. Aber das ist nicht bei allen Prozessen möglich, wie der Kriminologe Rudolf Egg erklärt.

Personenkontrollen an allen Gerichten: undenkbar

"Bei Zivilverfahren denkt man nicht daran, dass plötzlich einer ausrastet", sagt Egg zu Fällen wie dem tödlichen Messerangriff in Dresden vom Mittwoch oder dem Fall in Landshut, bei dem im April ein Mann seine Schwägerin erschoss. In Dresden ging es um ein Beleidigungsdelikt, in Landshut um einen jahrelangen Erbschaftsstreit. In Fällen wie diesen müsse niemand an verschärfte Sicherheitsmaßnahmen denken, sagt Egg. Schließlich könne man nicht bei jedem Delikt Personenkontrollen vor Gericht einführen.

Andererseits seien Angriffe in Gerichtssälen aber gar nicht so selten, auch wenn sie meist glimpflich verliefen. Immer wieder komme es vor, dass Angeklagte ausrasteten und auf Anwälte, Staatsanwälte oder Richter losgingen. Dafür seien Justizbeamte anwesend, die in den meisten Fällen rechtzeitig einschreiten könnten.

Doch nicht immer gelingt dies. Im Fall Bachmeier hatte es die damals 30-Jährige geschafft, eine Waffe mit ins Lübecker Landgericht zu nehmen. Es war der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen Klaus Grabowski, der im Mai 1980 Bachmeiers siebenjährige Tochter Anna sexuell missbraucht und aus Angst vor Bestrafung erdrosselt hatte. Im Prozess wälzte er einen Teil seiner Schuld auf das kleine Mädchen ab, was deren Mutter, die die Verhandlung verfolgte, zutiefst verletzte. Am 6. März 1981 richtete sie während der Verhandlung ihre in den Gerichtssaal geschmuggelte Waffe auf Grabowski und drückte achtmal ab. Sechs der Schüsse waren tödlich.

Fünf Jahre später kam es ebenfalls im Norden Deutschlands zu einem weiteren spektakulären, aber völlig anders gelagerten Fall: Am 29. Juli 1986 erschoss der "St.Pauli-Killer" Werner Pinzner im Hamburger Polizeipräsidium während seiner Vernehmung einen Staatsanwalt, seine Frau Jutta und am Ende sich selbst. Die Waffe hatte er mit Hilfe seiner Anwältin einschmuggeln können. Vor dem Hintergrund der brutalen Machtkämpfe auf dem Hamburger Kiez in den achtziger Jahren mit zahlreichen Auftragsmorden schlug der Fall große Wellen.

Kein Vorzeichen der Eskalation

Auch in den Jahren danach kam es immer wieder zu Gewalttaten vor Gericht. So erschoss etwa 1994 in Euskirchen ein wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe Verurteilter kurz nach dem Urteil den Richter und sechs weitere Menschen, bevor er sich mit einer Handgranate in die Luft sprengte. In Bremen tötete 1995 der Bruder eines Mordopfers in einer Verhandlungspause auf dem Flur den mutmaßlichen Täter. 1997 schoss ein 39-jähriger Polizeibeamter während eines Unterhaltsverfahrens in Frankfurt am Main auf seine Lebensgefährtin und deren Anwältin. Die Lebensgefährtin starb, ihre Anwältin wurde schwer verletzt.

Letzte Glieder in der Kette solcher Vorfälle sind die Bluttaten in Landshut und Dresden in diesem Jahr: Vor dem Landshuter Landgericht erschoss im April ein 60-Jähriger in einer Verhandlungspause auf dem Flur seine 48-jährige Schwägerin und streckte deren Anwalt und eine zweite Schwägerin nieder. Anschließend ging er in den Sitzungssaal zu Richter und Anwalt, kündigte seinen Suizid an schoss sich in den Kopf. In dem jahrelangen Erbstreit zwischen sieben Geschwistern hatte es zwar schon mehrere Prozesse gegeben, aber nichts hatte auf eine Eskalation hingedeutet.

In Dresden rastete am Mittwoch ein 28-Jähriger aus, der in einem Berufungsprozess wegen Beleidigung vor Gericht stand. Er erstach eine 32-jährige Mutter, mit der er im August vergangenen Jahres in Streit geraten war, weil sie ihn auf einem Spielplatz gebeten hatte, eine Schaukel, auf der er saß, für ihr Kind freizugeben.

Von Mirjam Mohr, AP



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