Selbstjustiz in Berliner Supermarkt "Ich bin mein Leben lang nicht so geschlagen worden"

André S. verprügelte einen Ladendieb so schwer, dass dieser wenige Tage später starb. Nach seiner Selbstjustiz muss der Berliner Supermarktchef nun ins Gefängnis. "Strafen", sagte der Richter, "das machen wir."

Angeklagter S. vor Gericht (Archiv)
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Angeklagter S. vor Gericht (Archiv)

Von Uta Eisenhardt


André S. ist blass, als der Vorsitzende Richter Ralph Ehestädt das Urteil verkündet. Drei Jahre und drei Monate soll der 29-jährige Supermarktfilialleiter in Haft, weil er den Ladendieb Eugeniu B. so massiv verprügelte, dass dieser drei Tage später starb. André S. nickt verständnisvoll, während der Richter ihm erläutert, warum das Berliner Landgericht seine Tat nicht als gefährliche Körperverletzung, sondern als Körperverletzung mit Todesfolge bewertete - und warum die Richter sein Verhalten in keiner der beiden Varianten mit einer Bewährungsstrafe geahndet hätten.

André S. arbeitet in einem Familienbetrieb: Er leitet die Edeka-Filiale im Bahnhof Lichtenberg, seine Schwester die im Bahnhof Südkreuz. Beide Geschäfte erzielen gute Umsätze, insbesondere an Sonn- und Feiertagen. Doch immer wieder werden Mitarbeiter von Kunden angegriffen, es wird häufig gestohlen.

Die Stimmung der Mitarbeiter wurde aggressiver - untereinander, aber vor allem gegenüber Ladendieben, die sich von Anzeigen nicht abschrecken ließen. So führte ein "dummer, schleichender Prozess", wie S. die Entwicklung vor Gericht selbst bezeichnete, zu einem neuen Vorgehen: Wurden ausländische oder verwahrlost erscheinende Ladendiebe beim Stehlen erwischt, riefen die Supermarkt-Leute nicht mehr die Polizei. Die Diebe wurden stattdessen angeschrien, geschlagen, getreten, selbst wenn sie schon wehrlos am Boden lagen.

Am Samstagmorgen des 17. September 2016 erreichte diese Praxis ihren traurigen Höhepunkt: An jenem Tag wollte der 34-jährige Eugeniu B. die Familie seiner Cousine besuchen. Er hatte kein Geld, wollte aber nicht mit leeren Händen kommen und daher Alkohol stehlen. Über eine der insgesamt 38 Überwachungskameras beobachtete Filialleiter S. den Dieb. Er zog sich seine Quarzsandhandschuhe über, führte den Moldawier gemeinsam mit einem Mitarbeiter ins hintere Getränkelager, forderte ihn auf, sich wie bei einer Hinrichtung auf den Boden zu knien. Dann schlug und trat er ihn, auch das hat eine Kamera dokumentiert: Man sieht die Wucht des Schlags, der zunächst zu einem Nasenbeinbruch führte. Die Blutspritzer auf dem Boden entfernte der emotionslos zuschauende Mitarbeiter mit einer Reinigungsmaschine.

Er wurde schon eine Woche zuvor geschlagen

Im Prozess mochte der rechtsmedizinische Gutachter nicht ausschließen, dass die durch den Schlag erfolgte, heftige Rotation des Kopfes zu einem Abriss der Brückenvenen zwischen Kopf und Rumpf führte - allerdings hielt der Mediziner insgesamt drei Szenarien für möglich, die zum Tod von Eugeniu B. führten.

B. war nämlich bereits am 10. September, also eine Woche zuvor, von einem Mitarbeiter in der ebenfalls zum Familienbetrieb von S. gehörenden Edeka-Filiale im Bahnhof Südkreuz verprügelt worden. Darum könne B. zum einen allein an diesen Folgen gestorben sein, zum zweiten könnten beide Prügelattacken zusammen gewirkt haben oder drittens nur diejenige, die André S. zu verantworten hat - so die Überlegungen des Rechtsmediziners.

Das Gericht stützt sich auf Zeugenaussagen, etwa von B.s Cousine - jene Frau, die er am 17. September besuchen wollte. Die Zeugin beschrieb, wie sich sein Zustand in der Nacht auf Sonntag rapide verschlechterte. Vor Gericht zitierte sie ihren Cousin: "Ich bin mein Leben lang nicht so geschlagen worden." Auch die Mitarbeiterin einer Arztpraxis ist für die Richter eine wichtige Zeugin. Diese erinnerte sich, dass Eugeniu B. ihr am Montag seine Beschwerden damit erklärte, dass er am Samstag zusammengeschlagen worden war. Ralph Ehestädt schlussfolgerte nun: "Auch er führte seinen Zustand auf Ihren Schlag zurück."

Dass sich B. seine tödliche Verletzung bereits bei der Prügelattacke eine Woche zuvor zugezogen hatte, schloss das Gericht aus. Allerdings nimmt es zugunsten des Verurteilten an, dass seine Schläge lediglich "mitursächlich" waren. André S., werdender Vater, war nicht vorbestraft. Er hatte sich im Prozess zu seiner Tat bekannt, die ohnehin nicht zu leugnen war. Er hatte sie bereut, wenn auch vor allem wegen ihrer Folgen.

"Moldawien zu Gast bei Freunden"

Mit dem Urteil blieben die Richter kurz über der Mindeststrafe von drei Jahren Haft, obwohl die Tat an Menschenverachtung, Zynismus und Ausländerfeindlichkeit kaum zu überbieten war. Kurz nachdem er Eugeniu B. aus dem Hintereingang des Supermarkts geworfen hatte, schickte André S. seinem Kollegen und Freund seiner Schwester die Videoaufzeichnungen von dem Vorfall und untertitelte sie mit "Frühstück" und "Moldawien zu Gast bei Freunden". Gerade er als Filialleiter hätte so ein Verhalten nicht vorleben dürfen, meint der Vorsitzende.

Am meisten empörte sich das Gericht über die Selbstjustiz, die der Angeklagte praktizierte. Deshalb wäre es wohl selbst bei einer Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung nicht bei einer Bewährungsstrafe geblieben: "Das gebietet die Verteidigung der Rechtsordnung", so der Vorsitzende. "Strafen", sagte der Richter, "das machen wir."



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