Selbstjustiz in Bremen Staatsanwaltschaft leitet Vorermittlungen gegen RTL ein

In einem RTL-Beitrag wollten mehrere Personen in Bremen einen Pädophilen erkannt haben - und schlugen daraufhin einen Unschuldigen lebensgefährlich zusammen. Nun gerät der Sender in den Fokus der Staatsanwaltschaft.


Ein Fall von Selbstjustiz in Bremen könnte für RTL juristische Folgen haben. Ein Bericht in der Sendung "Punkt 12" des Senders soll womöglich der Auslöser dafür gewesen sein, dass mehrere Menschen im Stadtteil Lesum einen unschuldigen Mann in seiner Wohnung zusammenschlugen.

Ein erster Tatverdächtiger hat sich inzwischen gestellt. Der Mann habe zugegeben, zusammen mit anderen an der Prügelattacke beteiligt gewesen zu sein, hieß es von den Ermittlern. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Frank Passade, wollte keine Angaben dazu machen, ob sich weitere Beteiligte gestellt haben. Ermittelt wird wegen eines versuchten Tötungsdelikts. Das Opfer war zeitweise in Lebensgefahr.

Der Tatverdächtige und weitere Männer hatten den 50-Jährigen für einen Pädophilen gehalten, der angeblich in dem RTL-Bericht zu sehen gewesen war. Tatsächlich hatte der Überfallene überhaupt nichts mit dem Bericht zu tun.

Der bei RTL gezeigte Mann wandte sich noch am Tag der Ausstrahlung an die Polizei, teilte eine Sprecherin mit. Kriminalpolizeiliche Ermittlungen ergaben, dass er in keinerlei Zusammenhang mit dem in der Sendung dargestellten Fall der Pädophilie steht.

RTL-Sprecher: Sender hat sich nichts vorzuwerfen

Die Staatsanwaltschaft leitete ein Vorermittlungsverfahren gegen RTL ein. Dabei werde ein möglicher Anfangsverdacht für eine Straftat geprüft, sagte Passade. Das von RTL zur Verfügung gestellte TV-Material werde in strafrechtlicher Hinsicht bewertet. In Vorermittlungen prüfen Staatsanwälte, ob sie formelle Ermittlungen einleiten. Dies ist auch in diesem Fall offen.

Nach Angaben von Passade war die gefilmte Gegend für Menschen aus der Nachbarschaft klar erkennbar. RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer wollte die Vorermittlungen nicht kommentieren, weil der Sender noch nicht von der Staatsanwaltschaft darüber informiert worden sei. RTL habe sich allerdings nichts vorzuwerfen, sagte Bolhöfer. "In dem Beitrag ist zu keinem Zeitpunkt behauptet worden, dass der Mann pädophil ist. Wir haben nur die Recherche abgebildet." Zudem sei der Mann verpixelt worden, um ihn unkenntlich zu machen.

Im Bericht hatte sich ein Reporter bei einem bei Pädophilen beliebten Internetportal als Mädchen ausgegeben. Bei ihm meldete sich laut RTL ein Mann, der sich mit dem Mädchen treffen wollte. Am Treffpunkt tauchte dann der Mann auf, der sich später bei der Polizei meldete.

Nach Angaben des RTL-Sprechers soll sich der Mann auffällig verhalten haben und dann plötzlich verschwunden sein. "Es ist uns nicht gelungen, ihn zu konfrontieren, so dass die Situation hätte aufgeklärt werden können", sagte Bolhöfer. Wortwörtlich heiße es in dem Bericht: "Wir können nur mutmaßen. Aber hier enden vorerst unsere Möglichkeiten."

RTL hat den Beitrag aus dem Netz genommen. Der betroffene Mann gab gegenüber den Ermittlern an, vom Fernsehteam verfolgt worden zu sein. "Der Autor des Beitrags hatte nicht den Eindruck, dass der Mann sich verfolgt gefühlt hat", sagte der RTL-Sprecher. Das Fernsehteam sei etwa 150 Meter von dem Mann entfernt gewesen.

ulz/dpa

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