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25. Februar 2013, 13:46 Uhr

Säureopfer Sergej Filin

"Ich werde mein Gesicht nicht verstecken"

"In der Dose war leider kein Bier": Der Moskauer Ballettchef Sergej Filin wurde Opfer eines Schwefelsäureanschlags, derzeit wird er in Aachen behandelt. Im Interview spricht er über seinen Genesungsprozess und die Hoffnung, wieder am Bolschoi-Theater arbeiten zu können.

SPIEGEL ONLINE: In der Nacht auf den 18. Januar verübte ein Unbekannter ein Säureattentat auf Sie. Seit dem 5. Februar werden Sie am Aachener Universitätsklinikum behandelt. Wie geht es Ihnen?

Filin: Ich habe acht Operationen hinter mir, weitere stehen noch bevor. Ich habe aber gute Laune. Vor allen Dingen spüre ich, wie meine Kräfte zurückkehren.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie sehen können?

Filin: Meinem linken Auge geht es besser als dem rechten. Die Ärzte sagen, dass ich damit eine ausreichende Sehfähigkeit habe.

SPIEGEL ONLINE: Auch um Ihren Posten als Ballettchef des Bolschoi-Theaters bald wieder anzutreten?

Filin: Darauf hoffe ich. Das liegt aber in der Hand der Ärzte.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie bereits Zeitungen oder Bücher lesen?

Filin: Dabei helfen mir im Moment meine Frau Irina und meine Schwester Elena, die mit mir in Aachen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie schlimm sind die Verätzungen an Ihrem Kopf?

Filin: Damit werde ich fertig. Jedenfalls werde ich mein Gesicht nicht verstecken.

SPIEGEL ONLINE: Nicht so wie das Phantom der Oper hinter einer Maske.

Filin: Nein. Ich nehme das Ganze mit Humor. Und mit der Arbeit der Ärzte bin ich sehr zufrieden. Vielleicht werde ich gar nicht so anders aussehen. Wissen Sie, da gibt es dieses russische Volksmärchen, wie ein junger Mann in einen Kessel mit kochender Milch und kochendem Wasser springt und dann jünger und schöner wieder herauskommt. In diesem Märchen steckt viel Weisheit. Das Wichtigste ist, daran zu glauben, dass alles gut wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie galten als schöner Mann. Was fühlen Sie, wenn Sie sich heute ansehen?

Filin: Ich weiß nicht, ob ich als schöner Mann galt. Jedenfalls habe ich mich nicht als solcher gesehen. Ich weiß aber, dass wahre Schönheit nicht davon abhängt, wie modisch die Frisur und wie kantig das Gesicht ist. Entscheidend sind ein gutes Herz und eine gesunde Seele. Ich versichere Ihnen, dass nach meiner Genesung, die Zeit, Kraft und Geduld braucht, alles so ist wie vor dem Attentat.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat den Anschlag verübt?

Filin: Mit Rücksicht auf die Ermittlungen kann ich mich dazu nicht äußern. Nur so viel: Tief in mir weiß ich, wer dahinter steckt.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie wieder zurück ans Bolschoi-Theater, auch wenn herauskäme, dass Mitarbeiter hinter dem Anschlag stecken?

Filin: Auf jeden Fall. Das Bolschoi-Theater ist mein Leben und mein Zuhause. Meine Arbeit ist nicht nur ein Beruf, sondern Berufung. Selbst jetzt telefoniere ich täglich mit der Primaballerina Galina Stepanenko, die mich während meiner Abwesenheit vertritt. Sie war meine Wahl, sie setzt meine Konzeption um. Ich habe gar nicht das Gefühl, wirklich weg zu sein. Zur Zeit bereiten sich alle auf die Premiere von "Onegin" von John Cranko im Juni vor.

SPIEGEL ONLINE: Das Bolschoi-Theater gilt als das beste Ballett der Welt, aber als altmodisch. Welche Ziele haben Sie als Ballettchef?

Filin: Ich trete für eine Balance zwischen Tradition und Modernisierung ein. Klassiker wie "Schwanensee" von Pjtor Tschaikowski, "Giselle" des Franzosen Adolphe Adam oder "Raimonda" des russischen Komponisten Alexander Glasunow werden immer Teil des Repertoires sein. Wir dürfen aber nicht auf der Stelle treten, wir müssen uns weiterentwickeln. Moderne Stücke sind für das Publikum und für die Tänzer interessant. Jedes Theater ist ein lebendiger Organismus.

SPIEGEL ONLINE: Was macht erfolgreiches Ballett heute aus?

Filin: Bestimmt nicht die Wände oder Säulen, sondern eindeutig die Menschen. Es kommt darauf an, dass die Künstler und Tänzer sich auf ihre Arbeit freuen, wenn sie morgens aufstehen. Ich sehe meine Aufgabe darin, sie ideal zu motivieren.

SPIEGEL ONLINE: Das Bolschoi-Theater gilt als Schlangengrube voller Eifersüchteleien, Sexskandale, Kämpfe um Geld und Ruhm. Kann das Attentat auf Sie helfen, das Bolschoi von diesen Krankheiten zu befreien?

Filin: Das hoffe ich. Das wäre ein Traum, dass das, was mit mir passiert ist, zum Schlusspunkt für die endlosen Skandale wird. Sie kommen immer aus der gleichen Ecke. Es hat mich immer gewundert, wie das alles ungestraft bleiben kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen den Startänzer Nikolai Ziskaridse, der noch jüngst in einem Interview in einer Moskauer Zeitung behauptet hat, dass ihre Verletzungen wohl nicht so schlimm seien und keine Schwefelsäure im Spiel gewesen sei.

Filin: Den Namen haben Sie genannt. Und was die Flüssigkeit betrifft, die meine Augen und mein Gesicht verätzt hat, haben die Moskauer Ermittler inzwischen zweifelsfrei festgestellt, dass das Schwefelsäure war. In der Dose war leider kein Bier.

Das Interview führte Matthias Schepp

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