Mutmaßlicher BVB-Attentäter Das Phantom aus dem Schwarzwald

Kirchgänger, Elektrotechniker, Außenseiter: Nur schemenhaft ergibt sich ein Bild des mutmaßlichen BVB-Attentäters Sergej W. Bislang schweigt er eisern. Sein Großvater will nicht glauben, dass er die Tat begangen hat.

Sergej W. beim Abtransport im Polizeifahrzeug
WITTEK/EPA/REX/Shutterstock

Sergej W. beim Abtransport im Polizeifahrzeug

Von und


Als der alte Mann am Vormittag vor die Haustür tritt, wirkt er ernsthaft überrascht. Alexander W. kann nicht glauben, was in den Zeitungen steht, so sagt er es, den Einkaufsbeutel in der Hand. Sein Enkel Sergej, ein Bombenleger? "Das war er nicht", sagt der 82-Jährige. Dann beginnt er zu weinen.

Der Fall Sergej W. ist wohl einer der ungewöhnlichsten Kriminalfälle der Republik - auch weil der Deutschrusse die Tat so kaltblütig ausgeführt haben soll. Am Freitagmorgen hat die Polizei den 28-Jährigen auf dem Weg zur Arbeit in Tübingen verhaftet. Er soll Anfang voriger Woche einen Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund verübt haben. Die Ermittler der Bundesanwaltschaft werfen ihm Habgier vor: Der junge Mann habe sich 40.000 Euro geliehen und damit auf einen Kursrutsch der BVB-Aktie Chart zeigen gewettet. Er habe Spieler töten wollen, um an der Börse Gewinn zu machen. Nur durch großes Glück blieben fast alle Spieler unverletzt.

Wer ist dieser Mann? Nur skizzenhaft lässt sich bisher ein Porträt zeichnen.

Sergej W.

Sergej W.

Sergej W. ist mit einer Wohnadresse in Freudenstadt gemeldet. Die Eltern wohnen in einem gepflegten Wohnblock mit gelber Fassade unweit des Bahnhofs der Stadt mit 25.000 Einwohnern im Schwarzwald. Im Jahr 2003 kam die Familie aus dem russischen Tscheljabinsk nach Deutschland.

Zwölf Parteien teilen sich einen Aufgang - man kennt sich nur flüchtig. "Das sind ruhige Leute", sagt eine Nachbarin mit osteuropäischem Akzent, die aus dem Hausflur kommt. Eine andere erzählt, sie kenne Sergej nur vom Sehen aus dem Treppenhaus. Sergej habe noch eine Schwester. Die Großeltern wohnten im Mietshaus nebenan.

Als eine Sondereinheit der Polizei am Freitagmorgen mit mehreren Mannschaftswagen auf dem Parkplatz hält und in das Gebäude stürmt, sollen die Nachbarn in ihren Wohnungen bleiben. Ansonsten wissen sie nicht viel zu berichten.

In der Volksmission, einer evangelischen Freikirche in der Nähe der Elternwohnung, besuchte W. gelegentlich den Gottesdienst. Das bestätigt Christoph Fischer, der Pastor der Gemeinde. Der junge Russlanddeutsche habe aber keine Funktionen in der Gemeinde bekleidet.

Fotos im Internet zeigen W. im Kreis anderer junger Leute beim Weihnachtsbacken in der Freikirche, aber der Anlass liegt schon über zwei Jahre zurück. "Wir beten für die Opfer und Betroffenen", heißt es in einer Mitteilung der Freikirche.

Für einen jungen Mann von 28 Jahren scheint W. relativ wenig Kontakte zu Gleichaltrigen gehabt zu haben. Ein Bekannter beschreibt ihn als zurückgezogen. Sein Facebook-Profil weist kaum Aktivitäten auf.

Er habe nie Besuch beobachtet, erzählt ein Nachbar in Rottenburg: Dort, rund eine dreiviertel Stunde Autofahrt von Freudenstadt entfernt, hatte W. ein Zimmer angemietet, ohne in der Stadt einen Wohnsitz angemeldet zu haben.

Fachliche Kompetenz als Elektrotechniker

Er wollte wohl näher an seiner Arbeitsstelle sein: einem Heizwerk des Mannheimer Energieversorgers MVV, welches die Uni-Klinik Tübingen versorgt. Dorthin war W. am frühen Freitagmorgen mit dem Auto gefahren, als ihn die Ermittler festnahmen: auf dem Universitätsgelände "Morgenstelle", wo naturwissenschaftliche Fächer gelehrt werden.

Der junge Mann mit dem strengen Seitenscheitel fiel vor allem durch fachliche Kompetenz als Elektrotechniker auf. Im Jahr 2015 gewann er an seiner Berufsschule, der Heinrich-Schickhardt-Schule in Freudenstadt, einen Fachpreis als Elektroniker Betriebstechnik. Seine Berufspraxis im Rahmen der dualen Ausbildung holte er sich bei einem örtlichen Maschinenbauunternehmen.

Die Sprengfalle, die W. für den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund konstruierte, weist denn auch viel technische Sachkenntnis aus: drei mit Metallteilen versehene Sprengsätze, verteilt auf zwölf Meter, die W. über Funk auslöste. Die Profifußballer im Bus entgingen nur deshalb einer größeren Katastrophe, weil die mittlere Bombe zu hoch in der Hecke platziert war, um die volle Wirkung zu entfalten. Die Metallteile flogen über den Bus hinweg.

Fotostrecke

8  Bilder
Zitate: Reaktionen auf Festnahme nach Anschlag auf den BVB

Umso dilettantischer ging W. bei den nicht-technischen Aspekten seiner mutmaßlichen Tat vor, das ergaben die bisherigen Ermittlungen: Demnach reservierte W. für zwei verschiedene Zeiträume ein Zimmer im L'Arrivée, dem Mannschaftshotel der Dortmunder, weil seinerzeit noch nicht feststand, wann das Heimspiel genau stattfinden sollte.

Nach SPIEGEL-Informationen hatte er sich für die Tatzeit bei der Arbeit krankgemeldet.

Er verlangte ein Zimmer mit Blick auf den Parkplatz, wahrscheinlich um den Tatort gut beobachten zu können. Er wählte sich am Tattag über eine IP-Adresse des Hotels bei der Comdirect-Bank ein, um die Optionsscheine zu kaufen, die ihn bei einem Kursverfall der BVB-Aktie reich machen sollten. Zur Finanzierung der Papiere nahm er einen Verbraucherkredit auf.

Ein Bekannter sagte dem SPIEGEL, W. habe gelegentlich darüber gesprochen, dass er mit Aktien handele und Gewinne in der Steuererklärung angeben müsse.

Mit krimineller Vorerfahrung hätte W. sein Vorhaben wohl professioneller geplant und seine Spuren geschickter verschleiert. Stattdessen verfasste er drei Bekennerschreiben mit fingiertem islamistischem Hintergrund. Über Komplizen ist nichts bekannt, W. hat sich seinen aberwitzigen Plan wohl alleine ausgedacht.

Wann und warum aus einem unscheinbaren Elektrotechniker der mutmaßliche Planer eines perfiden Mordanschlags wurde, liegt bislang noch im Dunkeln. Entgegen anderslautenden Meldungen hat W. kein Geständnis abgelegt.

Der Deutschrusse sitzt seit dem frühen Freitagabend im Stuttgarter Gefängnis Stammheim ein, wohin er nach seiner Vorführung in Karlsruhe gebracht wurde. Am heutigen Samstag stand eine Gesundheitsprüfung an, über mögliche Vernehmungen entscheidet die Bundesanwaltschaft.

In der Nacht hat sich W. ruhig verhalten. Alle paar Minuten kontrollieren Vollzugsbeamte durch ein Sichtfenster, dass sich W. in seiner Zelle nichts antut. Es gibt noch sehr viel, was die Öffentlichkeit gerne von dem mutmaßlichen Bombenleger von Dortmund wissen möchte.

Im Video: Chefreporter Jörg Diehl über den mutmaßlichen BVB-Attentäter

SPIEGEL ONLINE
insgesamt 111 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fatfrank 22.04.2017
1. Der hat zu viel...
GTA V gezockt. Da kommt man relativ leicht auf die Idee mit der Kursmanipulation.
schillerphone 22.04.2017
2. Natürlich hatte er keine Funktion in der Kirche
Er war dort nicht mal Mitglied. Das wird Ihnen der Pastor auch gesagt haben. Warum wird das mit keinem Wort in diesem Artikel erwähnt? So eine Freikirche kümmert sich um Alles und Jeden. Die nehmen ihren Kirchenauftrag noch ernst und üben Nächstenliebe. Die Kirche hat mit dieser Tat rein gar nichts zu tun. Und es gibt auch keinen Grund sie dauernd zu erwähnen, nur um den Eindruck zu erwecken die Kirche hätte etwas damit zu tun. Und hört auf dem alten Mann aufzulauern, nur um eure Sensationsgeilheit zu befriedigen. Habt ihr eigentlich überhaupt kein Gewissen?
herumnöler 22.04.2017
3. Nicht uebel
SPON verraet uns, ie man's besser macht
derweise 22.04.2017
4. Sergej - Kirchgänger - Massenmörder:
irgendwas ist das schiefgelaufen!
surgeon 22.04.2017
5. Schlau
ist er auch nicht. Und Menschen töten wegen Geld, das ist echt irre, fast wie IS ! Ganz glauben kann ich die Story irgendwie noch nicht, kommt mir zu abstrus vor.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.