Urteil zu Serienvergewaltigungen in Frankreich: "Als sei es eine Runde Ping Pong"

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Eine Horde Männer soll zwei Minderjährige jahrelang immer wieder vergewaltigt haben - jetzt wurden zehn Angeklagte freigesprochen, vier erhielten milde Strafen. Das Urteil sei ein "Aufruf zur Vergewaltigung", empören sich Frauenrechtler. Gründe zur Wut gibt es viele.

Fontenay-sous-Bois: In diesen Häusern soll kollektiv vergewaltigt worden sein Zur Großansicht
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Fontenay-sous-Bois: In diesen Häusern soll kollektiv vergewaltigt worden sein

Trostloser kann Frankreich nicht sein: Nackte Hochhäuser, graue Innenhöfe, schmutzige Parkanlagen. Das ist die Cité Larris, eine Wohnanlage in der Pariser Vorstadt Fontenay-sous-Bois. Hier leben Nina und Aurélie. Vor 13 Jahren sollen die damals minderjährigen Mädchen in den grauen Betonklötzen vergewaltigt worden sein.

Den Schilderungen der heute 29- und 28-Jährigen zufolge hat sich eine Gruppe junger Männer zwischen 1999 und 2001 immer wieder auf die beiden gestürzt und nacheinander zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Nun hat ein Schwurgericht im Département Val-de-Marne sein Urteil gefällt: Zehn der Männer wurden freigesprochen, vier erhielten Gefängnisstrafen, zum größten Teil zur Bewährung ausgesetzt.

Nur Nina wurde als Opfer anerkannt, der Missbrauch an Aurélie könne nicht nachgewiesen werden, so das Gericht. Die zehn Freigesprochenen stritten die Vorwürfe ab, die anderen vier behaupteten, Nina habe dem Gruppensex zugestimmt. Der Einzige, der für längere Zeit ins Gefängnis muss, wird in wenigen Wochen in einem anderen Fall wieder vor Gericht stehen: Ihm wird der Tod seiner Lebensgefährtin und Entführung zur Last gelegt.

"Versagen der Justiz"

Die Anwälte der Angeklagten hatten versucht, Nina und Aurélie in Widersprüche zu verwickeln. "Ich musste immer und immer wieder die Details wiederholen. Man hat mich behandelt wie eine Schuldige", sagte Nina später dem Radiosender Europe 1. Selbst ihr Bruder hatte als Zeuge ausgesagt, seine Schwester sei eine Lügnerin.

Die Angeklagten hatten die beiden Frauen im Gerichtssaal immer wieder beleidigt. "Ein Angeklagter sagte zu meiner Mandantin: 'Glaubst du, ich hätte dich vergewaltigen wollen, dich fette Kuh?'", sagte die Anwältin Clotilde Petit im französischen Fernsehen. Oft waren die beiden Klägerinnen während des Prozesses gar nicht anwesend - sie befanden sich in ärztlicher Behandlung. Aurélie hatte am Vortag des Prozessbeginns versucht, sich das Leben zu nehmen.

Die Anwälte der Opfer werfen der Staatsanwaltschaft vor, bei den Ermittlungen schlecht gearbeitet zu haben. Im Fall von Aurélie sprach Rechtsanwältin Lepetit von einem "Versagen der Justiz". Auch Amar Bouaou, Verteidiger eines Freigesprochenen und eines Verurteilten, zeigte sich unzufrieden: "Ich verstehe den Sinn dieser Entscheidung nicht." Man erkläre die Angeklagten für schuldig, bestrafe sie jedoch so milde, dass sie nicht in Berufung gehen.

Die Rechtswissenschaftlerin Wafa Ayed sprach von einem "Strafmaß ohne Hand und Fuß". Sie erklärte sich das Urteil aus der Tatsache, dass es sich um eine Vergewaltigung in der Gruppe handle. "Die Täter wurden nicht als individuelle Sexualstraftäter behandelt", sagte sie der Tageszeitung "Le Monde". Die Strafen spiegelten diese Unklarheit wider.

Vorwürfe der Justizschlamperei weist die Staatsanwältin von Créteil (Val-de-Marne), Nathalie Bécache, von sich. Die beiden jungen Frauen hatten erst vier Jahre nach der ersten Tat Anzeige erstattet, "aus Angst", so die Anwälte. Die Ermittlungen gegen die 14 Männer dauerten weitere sechs Jahre. "Da verschwimmen Erinnerungen leicht", sagte die Staatsanwältin der Zeitung "20 Minutes". Sie sehe in der Rechtssprechung "kein juristisches Fiasko", kündigte aber an, in Berufung zu gehen. "Das Urteil weicht zu stark von der Forderung der Staatsanwaltschaft ab. Das betrifft sowohl das Strafmaß als auch einige der Freisprüche."

Negatives Signal für Vergewaltigungsopfer

Laut ist hingegen der Aufschrei bei den Frauenrechtsgruppen: "Ich bin unfassbar wütend", sagte Emmanuelle Piet SPIEGEL ONLINE. Sie setzt sich als Präsidentin des "Collectif féministe contre le Viol" (CFCV) seit 30 Jahren für vergewaltigte Frauen ein. Das Urteil sei eine "Aufforderung zur Vergewaltigung".

Die Ärztin kritisiert die Umstände im Gerichtsaal während des Prozesses. "Man muss sich das einmal vorstellen: Da sitzen 14 mutmaßliche Vergewaltiger im Saal, die gegen zwei junge Frauen wettern."

Besonders kritisch findet sie auch die Berichterstattung zu dem Fall: "Schon früh wurde in der Presse nicht das Wort 'kollektive Vergewaltigung', sondern der verharmlosende Ausdruck 'tournante' verwendet", so Piet. Das Wort bedeutet in etwa "Reihum-Sex", bei dem das Opfer von Vergewaltiger zu Vergewaltiger gereicht wird. "Diesen Ausdruck haben Zuhälter erfunden - und nun wird er als Synonym für ein Verbrechen verwendet. Als wäre das so banal wie eine Runde Ping Pong!"

Die Ministerinnen für Justiz und Frauenrechte zeigten sich betroffen von dem Urteil. Die Gesundheitsministerin Marisol Touraine sagte im Radio, der Fall bereite ihr Unbehagen: "Diese Affäre wird die Opfer nicht dazu ermutigen, sich zu wehren und Anzeige zu erstatten."

Nach Angaben der Opferorganisation CFCV werden rund 75.000 erwachsene Frauen jährlich in Frankreich vergewaltigt. Davon erstatteten weniger als ein Zehntel Anzeige, weniger als zwei Prozent der Vergewaltiger würden verurteilt.

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