Fährunglück in Südkorea Todesdrohungen und Tumulte vor Gericht

"Die Beweise sind eindeutig. Sie alle sind menschlicher Abschaum." Im Prozess um die vor Südkorea havarierte Fähre "Sewol" ist es zu Tumulten gekommen. Angehörige drohten den angeklagten Crewmitgliedern mit dem Tod.

Angehörige der Opfer vor Gericht: "Die Beweise sind eindeutig"
AFP

Angehörige der Opfer vor Gericht: "Die Beweise sind eindeutig"


Seoul - "Bei einer rechtzeitigen Evakuierung hätten die Schüler durch diese Ausgänge fliehen können." Im Prozess um den Untergang der Fähre "Sewol" in Südkorea hat die Staatsanwaltschaft am Dienstag erklärt, dass ein Großteil der Kinder hätte überleben können - und hat damit Tumulte vor Gericht ausgelöst.

Der Kapitän der Fähre sowie 14 Angestellte müssen sich vor einem Gericht in der Stadt Gwangjun wegen fahrlässiger Tötung und Verletzungen des Seerechts verantworten. Der Schmerz der Hinterbliebenen brach sich Bahn, als die Staatsanwaltschaft Videobilder der sinkenden "Sewol" zeigte.

Rettungshubschrauber und -boote dokumentierten per Video, wie Passagiere verzweifelt versuchten, sich aus dem sinkenden Schiff zu retten. Eine Nahaufnahme zeigte, wie sich der Kapitän und andere Besatzungsmitglieder durch einen Sprung ins Meer in Sicherheit brachten.

Dutzende Angehörige der rund 300 Opfer waren im Gerichtssaal anwesend. Sie brachen angesichts der Bilder in Tränen aus, viele schrien die Angeklagten an. Sie sprachen Todesdrohungen aus und weinten.

Der Kapitän und seine Untergebenen sollen die Passagiere auf dem sinkenden Schiff angewiesen haben, zu bleiben, wo sie waren - fast eine Stunde lang harrten die Passagiere somit in ihren Kabinen oder auf ihren Sitzen aus. Die Schiffsführung verließ die Fähre, während Hunderte Menschen noch darin festsaßen.

Vom Witz zur Panik

Die Staatsanwaltschaft zeigte anhand eines Modells der "Sewol", wo sich die meisten Passagiere zum Zeitpunkt des Unglücks aufhielten. "Bei einer rechtzeitigen Evakuierung hätten diese Schüler durch diese Ausgänge fliehen können", sagte einer der Staatsanwälte, während er das Modell erläuterte. "Aber die meisten von ihnen haben in ihren Kabinen gewartet und sind gestorben. Wir werden zeigen, dass dies dem Verhalten der Angeklagten geschuldet ist."

Der Vater eines Opfers rief dem Richter zu: "Die Beweise sind eindeutig. Sie alle sind menschlicher Abschaum." Weitere Angehörige schlossen sich den Beschimpfungen an. Eine Frau wurde daran gehindert, ihre Schuhe auf die Angeklagten zu schleudern.

Später wurden die Gefühle der Angehörigen noch einmal strapaziert, als das Handy-Video eines bei dem Unglück gestorbenen 17-jährigen Jungen vorgeführt wurde. Darin sind Schüler zu sehen, die zunächst lachen und Witze machen, während das Schiff in Schräglage gerät. Sie scherzen, sie befänden sich im "Titanic"-Film. Schließlich breitet sich jedoch Panik aus. Im Hintergrund ist über Lautsprecher die Anweisung der Besatzung zu hören, an Ort und Stelle zu bleiben.

Laut einem am Dienstag veröffentlichten Bericht zu dem Unglück führten Behördenversagen, Korruption und Geldgier zu der Katastrophe. Die Reederei habe den "finanziellen Gewinn über die Sicherheit der Passagiere" gestellt, und die Besatzung habe sich "unverantwortlich" verhalten, hieß es darin. Der Bericht empfahl Anklagen gegen elf hohe Beamte und Disziplinarverfahren gegen 40 weitere.

Bei dem Fährunglück am 16. April vor der Südwestküste Südkoreas waren mindestens 292 Menschen ums Leben gekommen. Noch immer gelten zwölf der ursprünglich 476 Insassen als vermisst. Die meisten Passagiere waren Schüler auf einem Ausflug.

gam/AFP

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.