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Sex-Affäre um Strauss-Kahn: Nackte Fakten

Von , Paris

Nach 48 Stunden Verhör ist Dominique Strauss-Kahn auf freiem Fuß. Dennoch drohen dem 62-Jährigen in der "Affäre Carlton" ein Ermittlungsverfahren und bis zu sieben Jahre Haft. Es geht um Sex-Partys und die Frage, ob Strauss-Kahn wusste, dass er es mit Prostituierten zu tun hatte.

Dominique Strauss-Kahn: Viele Fragen zu Sex-Partys Fotos
DPA

In der Vergangenheit übernachtete Dominique Strauss-Kahn, 62, in Lille im "Hotel Carlton", dem ersten Haus am Platz, das sich empfiehlt als "Luxushotel, 4-Sterne, das Ihnen die Organisation von Arbeitsessen, Cocktail-Empfängen oder Banketten erlaubt". Die vergangene Nacht verbrachte der ehemalige Chef des Weltwährungsfonds (IWF) stattdessen in einer schlichten Arrestzelle der Gendarmerie-Kaserne: Vier Quadratmeter, Betonbett mit zehn Zentimeter Schaumstoffmatratze, türkisches Klo und statt Zimmerservice zwei Tage lang Anhörung durch die Kriminalpolizei.

Am Abend verließ Strauss-Kahn das Gebäude als freier Mann. Aber auch nach 48 Stunden in ungemütlichem Polizeigewahrsam ist durchaus möglich, dass ein Ermittlungsrichter nach Sichtung der jüngsten Aussagen nicht doch ein Verfahren eröffnet. Dabei würde der ehemalige Promi der Sozialistischen Partei (PS) als Zeuge vernommen. "Er hat sich in Gänze erklärt, er ist sehr zufrieden", erklärte einer seiner Anwälte.

"Das bin ich nicht"

Im August 2011 war Strauss-Kahn nach Paris zurückgekehrt, die Vergewaltigungsvorwürfe eines New Yorker Zimmermädchens hatten nicht zu einer Verurteilung geführt, das Gericht in Manhattan hatte keine Anklage erhoben. Kaum in der Heimat geriet er ins Visier der französischen Justiz - erneut wegen einer Sex-Affäre. Dem 62-Jährigen wird vorgeworfen, an ausschweifenden Feiern im Kreise großzügiger Geschäftsfreunde teilgenommen zu haben. Er habe, so die Anschuldigung, während dieser "eleganten Abende", auf Kosten seiner Bekannten mit Prostituierten verkehrt.

Im Zuge der sogenannten "Affäre Carlton", wo sich einige der Treffen abgespielt haben sollen, wird gegen weitere acht Männer - Unternehmer, Hotelangestellte und Kriminalbeamte - wegen "organisierter Zuhälterei in Bandenform" ermittelt. Strauss-Kahn hatte sein Verhalten bisher nur als "moralischen Fehler" bezeichnet. "Ich habe nie etwas Illegales getan", verteidigte er sich gegenüber seinem Biografen Michel Taubmann: "Prostitution und Kuppelei sind Dinge, die ich schrecklich finde. Das bin ich nicht."

Die bisherigen Nachforschungen der Justiz lassen die Darstellung zweifelhaft erscheinen. Unstrittig ist, dass Freunde dem Sozialisten, der einst als Präsidentschaftsanwärter gehandelt wurde, bei gemeinschaftlichen Ausschweifungen zwischen Lille, New York und Paris Frauen zugeführt hatten. Mounia, Jade oder Florence, die für ihre Handlungen zwischen 500 und 1600 Euro erhielten, wurden dabei als Mitarbeiterinnen oder Freundinnen vorgestellt.

"Es war so eine Art 'Gentlemen's agreement'"

Für die Strafverfolgungsbehörden ging es dabei um die Frage, ob Strauss-Kahn wusste, dass er es mit bezahlen Escort-Girls zu tun hatte. Dann hätte sich der PS-Mann der "Beihilfe zu schwerer Kuppelei in organisierter Bandenform" strafbar gemacht - darauf stehen bis zu sieben Jahre Gefängnis und eine Höchststrafe von 150.000 Euro. Hinzu kommt die Vorhaltung, Strauss-Kahn sei von der illegalen Bezahlung über Firmenkonten informiert geworden oder habe, im Gegenzug für die Bereitstellung der gewerbsmäßigen Callgirls, seinen loyalen Freunden geholfen. Diese Art der Vorteilsnahme gilt als passive Korruption, für die das Gesetz 375.000 Euro und fünf Jahre Gefängnis vorsieht.

Als sicher gilt, so die in den Medien veröffentlichten Aussagen, dass Strauss-Kahn für die fröhlichen Partys selbst nie mit einem Euro aufkommen musste. Anreise, Hotel, Getränke - sowie die freizügigen Leistungen der angereisten Damen - wurden stets von freigiebigen Gönnern übernommen. Angeblich genoss der illustre Ehrengast die Freuden für lau, ganz ohne von der Großzügigkeit seiner Vier-Sterne-Freunde zu wissen.

Nach Angaben von David Roquet, dem damaligen Direktor einer Filiale des Bau-Multis Eiffage, der die Kosten für die Treffen über sein Spesenkonto abwickelte, war nur den anderen Anwesenden klar, dass die dienstbaren Damen entlohnt wurden: "Es war so eine Art 'Gentlemen's agreement'." Ziel des Beisammenseins sein nicht Korruption gewesen, sondern "Anerkennung innerhalb der eigenen Firma".

Das Problem mit den Nackten

Ähnlich hatte sich auch Strauss-Kahn-Kumpel Fabrice Paszkowski geäußert, Boss einer Firma aus der medizinischen Branche. "Es gehörte nicht zum guten Ton, einzuräumen, dass die Mädels bezahlt wurden", versicherte er und erklärte auf Nachfrage der Richter: "Ich bin früher schon von einem Paar völlig überrascht worden, bei denen ich dachte, die Frau sei eine Prostituierte. Ich war bei Ihnen zum Abendessen und habe festgestellt, sie war in Wahrheit von Beruf Notar."

Jean-Claude Menault, seinerzeit Sicherheitschef des Departements, beschrieb die Reisen in die USA gar als Dienstreise und nicht als Vergnügungstrip: "Es bot die Gelegenheit, einen Politiker der Linken die Augen zu öffnen über die Probleme der Sicherheit." Und bitteschön: Nach zwei Unterredungen habe sich der PS-Promi, der damals noch über eine Teilnahme an den Vorwahlen für die Präsidentschaftskandidatur nachdachte, etwa für Video-Überwachung ausgesprochen.

Auch eine der beteiligten Frauen entlastete Strauss-Kahn mit ihrer Aussage. Florence, mit von der Partie bei den Besuchen in New York ("Ich habe jedes Mal bei diesen Abenden mit ihm geschlafen"), lobt den Ex-IWF-Chef als Mann, der "gegenüber den Frauen sehr aufmerksam" sei. Und Geld? "Ich bin fast sicher, dass er davon nichts wusste." Callgirl Mounia, die 900 Euro kassierte, beschreibt Strauss-Kahn hingegen als gewalttätigen Kunden und ist sicher: "Die anwesenden Leute konnten nicht ignorieren, dass meine Leistungen bezahlt waren."

Somit blieb es bei Aussage gegen Aussage. Schließlich hatte Strauss-Kahn, mit den Usancen derartiger Partys bestens vertraut, ähnlich argumentiert: "Bei diesen Abenden sind die Teilnehmerinnen normalerweise keine Prostituierten. Und wenn ihnen jemand seine Freundin vorstellt, fragen sie ja nicht, ob sie eine Prostituierte ist." Strauss-Kahns Verteidiger unterstrich die entlastenden Umstände der textilfreien Vergnügen: "Bei diesen Abenden ist man ja nicht notwendigerweise angezogen", erläuterte er im Interview mit dem Sender "Europe 1": "Das ist eine Herausforderung - wie wollen sie eine nackte Prostituierte von einer nackten Dame von Welt unterscheiden?"

Fragt sich, ob die befassten Ermittlungsrichter dieser Darstellung nackter Fakten folgen werden. Dann wäre in Lille ein Ortswechsel fällig - von der Gendarmerie-Kaserne zum Justizpalast.

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