Von Michael Braun, Rom
Bitter beklagt sich seinerseits der Afrikaner, der in Rom früher als Kellner, dann als Verkäufer arbeitete. Er sei kein Zuhälter, sagt Ehiem in einem Interview mit dem italienischen Wochenmagazin "Panorama", das am Freitag erschien. Nur auf Drängen Balduccis habe er für den Spitzenbeamten "Internetrecherchen" auf den einschlägigen Kontaktportalen durchgeführt und dafür ab und zu 50 Euro zugesteckt bekommen. Nicht ganz zu dieser Darstellung passt, dass die Treffen Balduccis mit den Callboys regelmäßig in Ehiems Wohnung stattfanden.
Und auch Balducci, das verlautet aus Vatikan-Kreisen, wird sein kirchliches Ehrenamt bald los. Das Problem soll elegant gelöst werden: Balducci werde einfach nicht mehr zu den Vatikan-Zeremonien eingeladen. Nach einer gewissen Zeit dann wird er sang- und klanglos von der Liste der "Ehrenmänner Seiner Heiligkeit" gestrichen - und damit aus einem erlauchten Kreis verbannt.
Diesen Kreis führte Papst Paul VI. im Jahr 1968 ein, als er den alten päpstlichen Hofstaat auflöste und an seine Stelle die "Gentiluomini di Sua Santità" setzte. "Ehrenmann Seiner Heiligkeit" wird nur, wer sich besondere Verdienste gegenüber dem Heiligen Stuhl erworben hat. "Wie das Publikum bei den TV-Talk-Shows" stünden diese Würdenträger dann bei päpstlichen Zeremonien herum, lästert der "Corriere della Sera". Sie hätten genau besehen auch den gleichen Auftrag wie das TV-Publikum: "Sich gut anziehen und die Klappe halten." Bei Staatsbesuchen im Vatikan zum Beispiel treten acht der "Gentiluomini" zum Empfang des Gastes mit an, schütteln ihm die Hand - das war's.
"Müssen uns mit wichtigeren Themen befassen"
Doch der Posten ist heiß begehrt: 147 Ehrenmänner zählt der Vatikan zurzeit, davon 114 Italiener. Wer es in diesen Kreis schafft, hat ganz gewiss hervorragende Beziehungen. Neben dem alten römischen Adel der Orsini oder Colonna findet sich auch der heutige Geldadel stark vertreten. Unternehmer, Spitzenmanager, Banker und auch Gianni Letta, Silvio Berlusconis Staatssekretär im Amt des Ministerpräsidenten und ein Freund Balduccis, schmücken sich mit dem Titel "Gentiluomo".
Balducci passte hervorragend in dieses Ambiente - er wusste seine Kontakte in alle Richtungen zu knüpfen, in die Politik, die Wirtschaft, die Medien und eben auch die Kirche. Kardinäle gehörten zu seinen Freunden. Die hätten ihm wohl auch seine Korruptionsgeschichte verziehen. Nach seiner Verhaftung Anfang Februar jedenfalls drohte niemand in der Kurie, Balducci werde sein Ehrenamt jetzt loswerden. Erst als seine homosexuellen Abenteuer bekannt wurden, wurde er für den Vatikan untragbar.
Balduccis Anwalt wollte die aktuellen Vorfälle nicht kommentieren. "Zum einen müssen wir uns gerade mit wichtigeren Themen beschäftigen", sagte Franco Coppi laut "Guardian" mit Hinblick auf das Korruptionsverfahren. Zum anderen: Selbst wenn diese Vorwürfe wahr wären, beträfen sie Balduccis Privatleben.
Sex und Politik, Sex und Geschäfte
Mit den Enthüllungen um Balducci erlebt Italien zum dritten Mal binnen nicht einmal eines Jahres einen Skandal, in dem sich Sex und Politik, Sex und Business mischen.
Den Anfang machte Silvio Berlusconi. Erst kam Ende April 2009 die Frage auf, was der damals 72-Jährige eigentlich auf der Geburtstagsparty einer 18-jährigen Neapolitanerin verloren hatte - eine Frage, die Berlusconis Frau bewog, die Scheidung einzureichen. Noch heikler für Berlusconi wurde es, als dann im Sommer das Callgirl Patrizia D'Addario auspackte - über heiße Nächte mit dem Premier, den sie durch einen apulischen Unternehmer kennengelernt hatte, der systematisch Prostituierte einsetzte, um seine Kontakte zu Politikern zu pflegen.
Doch Berlusconi durfte sich schon nach wenigen Wochen entspannt zurücklehnen: Ausgerechnet der linke und zugleich stockkatholische Präsident der Region Latium, Piero Marrazzo, musste sich im Herbst für jahrelange Kontakte zu Transvestiten rechtfertigen, die in Rom als Prostituierte arbeiteten. Marrazzo trat zurück - und begab sich für einige Tage zur "Meditation" in ein Kloster.
Callgirls sollen auch im vor wenigen Wochen ausgebrochenen Skandal rund um den Zivilschutz eine zentrale Rolle gespielt haben. Grund genug für das politische Wochenmagazin "Panorama" - das niemand anderem als Silvio Berlusconi gehört -, an diesem Freitag auf der Titelseite die Frage zu stellen: "Tutti perversi?" - "Alle pervers?"
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