Sex-Skandal im Vatikan: "Tutti perversi?"

Von Michael Braun, Rom

Der Vatikan steht im Mittelpunkt eines peinlichen Skandals: Ein Chorsänger aus dem Petersdom soll männliche Prostituierte vermittelt haben. Zu seinen Klienten gehörte offenbar auch ein hoher Staatsbeamter, der sich im direkten Umfeld von Papst Benedikt XVI. bewegte.

Männliche Prostituierte: Der Vatikan und die Sex-Affäre Fotos
AFP

Rom - "Im Vergleich zu dem bin ich bloß normal ausgestattet, er hat einen unglaublichen Körper. Ab zehn Uhr hat er Zeit, er ist ein Freund von mir und tut, was ich ihm sage." Solche Mitschnitte aus Telefonaten, aus sehr delikaten Telefonaten, haben dem Vatikan einen deftigen Skandal um Sex und Prostitution beschert.

Protagonist ist Chinedu Thomas Ehiem, ein Chorsänger des Vatikans. Eben dieser Ehiem nimmt am Telefon kein Blatt vor den Mund, wann immer er mit dem hohen italienischen Staatsbeamten Angelo Balducci spricht. Schließlich bezahlt Balducci den 40-jährigen in Rom lebenden Nigerianer dafür, dass der ihm junge Männer auftreibt.

Am Mittwoch hatte die italienische Tageszeitung "La Repubblica" erstmals berichtet, dass Ehiem männliche Prostituierte an Balducci vermittelt, inzwischen füllt die Geschichte die großen Blätter - nicht nur des Landes. Die Zeitungen zitieren aus Tonbändern, die der Polizei vorliegen und auf denen zu hören ist, wie die beiden Männer am Telefon ihre Geschäfte abwickeln.

Und Ehiem ist äußerst rührig: "Ich habe da einen aus Neapel, einen Kubaner, einen Deutschen, gerade aus Deutschland eingetroffen, zwei Schwarze, einen Fußballer, einen Tänzer der RAI (des staatlichen Fernsehens, Anm. d. Red.)", heißt es laut der Tageszeitung "Libero" in einem Mitschnitt. Einmal wird der Kuppler konkret und bietet einen Prostituierten an, "zwei Meter groß, 97 Kilogramm schwer, 33 Jahre alt."

Auch Priester-Seminaristen sollen zu den jungen Männern gehört haben, die Ehiem an Balducci weiterreichte; in einem Gespräch jedenfalls kommt die Frage auf, wann denn der Jüngling "wieder im Seminar" sein müsse.

"Bin im Vatikan, kann jetzt nicht sprechen"

Manchmal aber auch zeigt sich "Mike" - so nennt Balducci den Nigerianer - kurz angebunden, antwortet mit einer knappen SMS: "Bin im Vatikan, kann jetzt nicht sprechen." Denn "Mike" alias Thomas ist nicht bloß ein Mann mit hervorragenden Kontakten im Milieu, sondern auch ein begabter Tenor. Ehiem singt in seiner Freizeit in der "Cappella Giulia" mit, dem zweitwichtigsten Chor in Sankt Peter nach den Sängern der Sixtinischen Kapelle.

Auch Angelo Balducci geht im Vatikan ein und aus, er ist nicht irgendwer. Als Präsident des Obersten Rates für Öffentliche Arbeiten ist er einer der mächtigsten Beamten Italiens, gebietet über Millionenaufträge, kann öffentliche Ausschreibungen gezielt steuern. Und als frommer Mann zählt der distinguierte ältere Herr mit den weißen Haaren zur auserlesenen Gruppe der "Gentiluomini di Sua Santità", der "Ehrenmänner Seiner Heiligkeit", des Papstes. Bei besonderen Anlässen war er als ehrenamtlicher Diener in der Residenz von Papst Benedikt XVI. tätig.

Doch Balduccis Doppelkarriere steht jetzt vor dem abrupten Aus - genauso wie Ehiems Engagement im päpstlichen Chor. Sie stolperten über die Geldgier des "Ehrenmannes".

Zusammen mit zwei weiteren Spitzenbeamten und einem Bauunternehmer sitzt Balducci in Haft, weil er systematisch Bauaufträge des italienischen Zivilschutzes verschoben haben soll, zum Beispiel nach dem Erdbeben von L'Aquila, aber auch für den G-8-Gipfel von 2009. Ermittelt wird auch gegen den Chef des Zivilschutzes, Guido Bertolaso. Der soll mit "Massagen", ausgeführt von jungen Damen, für die "richtigen" Bauunternehmer eingenommen worden sein.

"Wirf 'ne Viagra ein, und los geht's!"

Bei den sexuellen Eskapaden des katholischen Familienvaters Balducci dagegen handelte es sich nicht um Bestechungsleistungen - er zahlte alles aus eigener Tasche. Am Rande der monatelangen Korruptionsermittlungen protokollierten die Carabinieri auch die Sex-Telefonate mit. Weil diese jetzt auch Bestandteil der Ermittlungsunterlagen sind, stand ihr Wortlaut bald in allen italienischen Tageszeitungen.

Neben Ehiem war für Balducci auch ein zweiter Vermittler am Werk, der Italiener Lorenzo Renzi, der es laut "La Repubblica" im Gespräch mit einem Callboy nicht an Deutlichkeit mangeln lässt: "Du kassierst immerhin 2000 Euro. Also geh' mir nicht auf den Sack! Leg ein bisschen Musik auf, wirf 'ne Viagra ein, und los geht's!"

Die Italiener haben damit einen Skandal, der aus Boccaccios Decamerone stammen könnte. Und der Vatikan hat wieder einmal ein Image-Problem, das er blitzschnell aus der Welt zu schaffen sucht. Ehiem jedenfalls war seinen Platz in der "Cappella Giulia" sofort los, auch wenn ein früherer Chorleiter jetzt im "Corriere della Sera" bescheinigte, der Nigerianer singe "einfach wie ein Engel, nein, er ist vielmehr ein Engel".

Der Vatikan beeilte sich mit der Klarstellung, Ehiem sei weder Priester noch sonst in irgendeiner kirchlichen Funktion tätig. Ansonsten äußerte sich der Heilige Stuhl bisher nicht zu den Vorfällen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Zügellos
GerwinZwo 05.03.2010
Zitat von sysopDer Vatikan steht im Mittelpunkt eines peinlichen Skandals: Ein Chorsänger aus dem Petersdom soll männliche Prostituierte vermittelt haben. Zu seinen Klienten gehörte offenbar auch ein hoher Staatsbeamter, der sich im direkten Umfeld von Papst Benedikt XVI. bewegte. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,682024,00.html
"Ick wundere mir über jarnischt mehr"...man man man , Sodom und Gomorrha. Können sich diese Leute der Kirche denn nicht nen bißchen mehr beherrschen? Sind denn die alle so triebgesteuert? Beruf verfehlt denke ich mal....
2. Eine kleine Frage???
sivan5 05.03.2010
Können wir jetzt auch so krass veralgemeinern, das alle Christen Perverse Pädophile sind, so wie wenn wir bei den Moßlems veralgemeinern und sagen das alle Terroristen sind??
3. nichts verallgemeinern
MadMad 05.03.2010
Man muss hier nichts verallgemeinern, aber ein Skandal im direkten Umfeld des Papstes ist natürlich ein Hammer und erschüttert die kath. Kirche. Was das wohl für weitere Konsequenzen hätte ? Das mag man sich gar nicht vorstellen. MadMad von www.diemeinungen.de
4. vielleicht
gue5003 05.03.2010
[QUOTE=MadMad;5140621]Man muss hier nichts verallgemeinern, aber ein Skandal im direkten Umfeld des Papstes ist natürlich ein Hammer und erschüttert die kath. Kirche. Was das wohl für weitere Konsequenzen hätte ? Das mag man sich gar nicht vorstellen. vielleicht muß der Vatikan das Eintrittsalter seiner Priester auf 70 Jahre anheben !
5. Es sind auch nur Menschen
Hubert Rudnick 05.03.2010
Zitat von sysopDer Vatikan steht im Mittelpunkt eines peinlichen Skandals: Ein Chorsänger aus dem Petersdom soll männliche Prostituierte vermittelt haben. Zu seinen Klienten gehörte offenbar auch ein hoher Staatsbeamter, der sich im direkten Umfeld von Papst Benedikt XVI. bewegte. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,682024,00.html
--------------------------------------------------------- Immer dann wenn Personen und Orgarnisationen vorgeben etwas besseres zu sein, dann stellt sich hinterher heraus, dass sie auch nur Menschen sind. HR
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Vatikan
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 114 Kommentare