Sexuelle Belästigung in den USA Der Weinstein-Effekt

Die Liste wird täglich länger: Mit NBC-Moderator Matt Lauer hat einer der prominentesten TV-Stars Amerikas wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung seinen Job verloren. Politiker dagegen bleiben weiter ungestraft.

Harvey Weinstein
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Harvey Weinstein

Von , New York


Friede, Freude, Weihnachtsbaum: Mit großem Staraufgebot weihte Manhattan am Mittwochabend sein winterliches Wahrzeichen ein - eine 23 Meter hohe Fichte am Rockefeller Center. Gwen Stefani trällerte, und die Radio City Rockettes schwangen ihre berühmten Beine, bevor Bürgermeister Bill de Blasio die 50.000 bunten Birnen anknipste.

Das Network NBC, das im Rockefeller Center sitzt, übertrug alles live. Nur einer fehlte: der langjährige Zeremonienmeister Matt Lauer - der größte NBC-Star und Co-Moderator der ikonischen Frühstücksshow "Today". Er war am Vorabend fristlos entlassen worden.

Lauers Karriere brach in nur 24 Stunden zusammen. Am Montagabend erschien eine Angestellte in der NBC-Personalabteilung und beschuldigte ihn der sexuellen Belästigung, am Dienstagabend war er seinen Job los. "Mir bricht das Herz", stammelte seine "Today"-Kollegin Savannah Guthrie. "Wie vereinbart man seine Liebe für jemanden mit der Offenbarung, dass er sich schlecht benommen hat?"

Mit diesem Zwiespalt ringt das ganze Land - und nicht nur bei Lauer, 59, der das NBC-Kronjuwel "Today" 21 Jahre lang führte, als "Vater" der saubersten US-Fernsehfamilie, was die Affäre nur noch unappetitlicher macht. Täglich werden neue Fälle bekannt, in Hollywood, in der Politik, in den Medien: Kurz nach Lauer wurde auch der populäre Radiomoderator Garrison Keillor entlassen.

Die Enthüllungen und ihre Konsequenzen

Sie nennen es den Weinstein-Effekt: Seit die Skandalwelle im Oktober mit dem Filmproduzenten Harvey Weinstein begann, ist die Liste der Schande auf längst mehr als 50 Namen angewachsen.

Die Konsequenzen entpuppen sich freilich als sehr unterschiedlich. Während in der Entertainmentbranche Köpfe rollen, blieben die meisten beschuldigten US-Politiker bisher im Amt, verschont von Wählern und Parteifreunden.

Trotzdem haben die Enthüllungen überfällige Debatten ausgelöst, Wahlkämpfe aufgewühlt - und ein nationales Klima der Verunsicherung befeuert. Zumal an der Spitze dieser Nation ein Mann steht, der selbst der sexuellen Übergriffe beschuldigt, doch dann zum Präsidenten gewählt wurde.

Schon gibt es Rufe nach Bedacht. Die Autorin Masha Gessen warnte im "New Yorker" vor "moralischer Panik". Katy Tur, eine Moderatorin beim NBC-Nachrichtensender MSNBC, fragte nach Lauers Instant-Demontage: "Reicht eine Anschuldigung, um einen zum Teufel zu jagen?"

"Mächtigste Person bei NBC News"

Wobei es bei Lauer mehr war als eine. Das Branchenblatt "Variety" berichtet von mindestens drei Frauen, die Lauer über lange Zeit belästigt haben soll. Sein Verhalten sei "kein Geheimnis" gewesen. Trotzdem gab ihm NBC Ende 2016 einen neuen Vertrag, mit einem Jahresgehalt von angeblich 25 Millionen Dollar. Vorige Woche moderierte er auch die große Macy's-Thanksgiving-Parade durch Manhattan.

Der Fall zeigt, weshalb die Beschuldigten weiter oft lange gedeckt werden - von anderen, mächtigen Männern. Mit mehr als 500 Millionen Dollar Werbeumsatz ist "Today" die profitabelste US-Frühstücksshow, zudem fungierte Lauer jahrelang als Chef-Anchorman für die Olympischen Spiele: Es erfordere "echte Courage", die "mächtigste Person bei NBC News" zu konfrontieren, sagt Lauers Ex-Kollege Willie Geist - der nun als Nachfolger im Gespräch ist.

Eine Illusion zerplatzt. Hollywoods Sexismusproblem brodelt ja seit Langem, doch nun hat es auch die Morningshows erfasst, jene zuckersüßen Frühstücksfantasien, so amerikanisch wie Cornflakes. Charlie Rose, der Star der "Today"-Konkurrenz "CBS This Morning", wurde kürzlich ähnlich gefeuert. Somit haben zwei der drei Top-Sendungen, deren Publikum überwiegend Frauen sind, ihre männlichen Moderatoren verloren.

Lauer, Rose und eine Handvoll weiterer gestürzter Medienstars gehörten außerdem zu der prominenten Männerclique, die die Berichterstattung über den Präsidentschaftswahlkampf 2016 prägte. Vor allem Lauer zeichnete sich bei einer Debatte durch seine rüde Behandlung der Demokraten-Kandidatin Hillary Clinton aus - und seine soften Fragen an Donald Trump.

Von soften Entschuldigungen und knallharten Dementis

Trump ist das krasseste Beispiel dafür, dass in der Politik selbst dokumentierte sexuelle Übergriffe keine Folgen haben müssen. 16 Frauen erhoben Vorwürfe gegen ihn, und auf einem Video der Sendung "Access Hollywood" prahlte er mit sexueller Belästigung. "Access Hollywood" wird übrigens von NBC produziert, wo das Video schon lange bekannt gewesen sein soll.

Als es an die Öffentlichkeit kam, ließ sich Trump zu einer Art Entschuldigung bewegen. Seinen Wahlchancen schadete das nicht. Mittlerweile, so berichteten die "New York Times" und die "Washington Post" diese Woche, rücke Trump davon wieder ab und behaupte in privatem Kreis, er bezweifle die Echtheit des Videos.

Den Weg des knallharten Dementis geht der Republikaner Roy Moore aus Alabama, der trotz immer neuer Vorwürfe, er habe Teenager belästigt, demnächst in den US-Senat gewählt werden könnte. Dort weigert sich der Demokrat Al Franken zurückzutreten. Sein Parteifreund John Conyers, der dienstälteste Abgeordnete im Repräsentantenhaus, räumte zwar einen wichtigen Posten, sein Abgeordnetenmandat will er aber behalten. Mehrere Frauen erhoben Anschuldigungen gegen die beiden Demokraten.

Doch die Politiker werden beschützt vom patriarchalischen System des Kongresses, das es Opfern sexueller Belästigung fast unmöglich macht, Gerechtigkeit zu erlangen, und sie mit Vertraulichkeitsabkommen in die Anonymität zwingt. Das soll sich nun ändern: Fortan müssen alle Kongressmitglieder "Anti-Belästigungs-Seminare" absolvieren, immerhin.

Diese Seminare sind bei NBC seit Jahren Standard.

insgesamt 13 Beiträge
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herwescher 30.11.2017
1. Politiker bleiben weiterhin ungestraft ...
Diesen Satz muss man einmal durchdenken ... War es nicht der immer noch überall gefeierte Bill Clinton, der sexuelle Handlungen von einer - von ihm abhängigen - Praktikantin vornehmen ließ? Gab zwar großen Aufruhr, passiert ist aber nichts ... Seine Partei stand hinter ihm. Richtig: Die gleiche Partei, die sonst in Gender-Themen eine solch große Klappe hat und aus deren Unterstützerkreis jetzt die meisten Täter bekannt wurden ... Der Lateiner würde sagen: Quod licet Billy, non licet Donaldus ...
Antidarwinist 30.11.2017
2. Rettet dem Dativ
Zitat von herwescherDiesen Satz muss man einmal durchdenken ... War es nicht der immer noch überall gefeierte Bill Clinton, der sexuelle Handlungen von einer - von ihm abhängigen - Praktikantin vornehmen ließ? Gab zwar großen Aufruhr, passiert ist aber nichts ... Seine Partei stand hinter ihm. Richtig: Die gleiche Partei, die sonst in Gender-Themen eine solch große Klappe hat und aus deren Unterstützerkreis jetzt die meisten Täter bekannt wurden ... Der Lateiner würde sagen: Quod licet Billy, non licet Donaldus ...
Diesen Satz muss man einmal durchdenken ... "Quod licet Billi, non licet Donaldi", bitteschön. Oder so ähnlich.
carvoh 30.11.2017
3. na dann
ist ja hoffentlich der Trump auch mal dran , wahrscheinlich hat er sich aber schon freigekauft oder er setzt seine Opfer so unter (finanziellen) Druck durch seine Anwälte das sie lieber schweigen
roenga 30.11.2017
4. Äpfel und Birnen vergleichen!
Mandatsträger mit Angestellten der Privatwirtschaft zu vergleichen macht keinen Sinn. Um einen gewählten Politiker zu belangen muss man erst mal dessen Immunität aufheben. Die Hürden dafür sind aber zum Glück deutlich höher als Beschuldigungen über Twitter (teilweise anonym). Bei einem US Präsidenten ist die Hürde noch höher, da hilft nur die Amtsenthebung. Die kann aber nur von einer Mehrheit des Kongresses initiiert werden und auch dann muss nach einer offiziellen Untersuchung eine Mehrheit zustimmen.
karabas 30.11.2017
5. ich versteh nicht, was der Autor da anprangert
Was gerade in Hollywood und Medien passiert grenzt an Selbstjustitz. Irgendwie ist der Autro damit auch nciht ganz glücklich, hütet sich aber davor hier eine klare Position zu beziehen. "Der Fall zeigt, weshalb die Beschuldigten weiter oft lange gedeckt werden - von anderen, mächtigen Männern." - wie kommt der Autor darauf, dass es nur mächtige Männer waren? Legendenbildung! Ich glaube bei den Politikern funktioniert dieses Ruin-in-24-Stunden Prinzip untern anderem deswegen nicht, weil die Wähler diese lynchenhafte, blasenhafte Millieu-Hyperhysterie nicht mittragen. Zum anderen ist das die Sache der Justiz. Warum sollte jemand seinen Sitz im Senat aufgeben, bloss weil jemand etwas behauptet?
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