Sexuelle Gewalt in der Entwicklungshilfe Sauberes Image, schreckliche Wirklichkeit

Nach dem Oxfam-Skandal hat nun Ärzte ohne Grenzen Fälle sexueller Übergriffe öffentlich gemacht. Das Problem ist in der Entwicklungshilfe offenbar weit verbreitet.

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Sie gelten als Idealisten, Abenteurer, Weltverbesserer. Entwicklungshelfer arbeiten für eine gerechtere Welt, gegen Gewalt, Krankheit und Armut. Von vielen werden sie bewundert, weil sie nicht nur reden, sondern handeln.

Doch nun kämpft die Branche um ihren Ruf. Die britische Entwicklungsorganisation Oxfam wird von einem Skandal um Sexpartys mit Prostituierten in Haiti und dem Tschad erschüttert. Am Mittwoch machte Ärzte ohne Grenzen publik, dass es im vergangenen Jahr zwei Dutzend sexuelle Übergriffe durch Mitarbeiter gegeben habe, 19 Mitarbeiter seien in diesem Zusammenhang entlassen worden.

Die Transparenz tut Not. Im Januar berichteten Mitarbeiterinnen der Vereinten Nationen im britischen "Guardian" über sexuelle Übergriffe durch Kollegen oder Vorgesetzte. Sie sprechen von einer "Kultur des Schweigens". Mutmaßliche Täter würden nicht verfolgt, Opfer unter Druck gesetzt, ihre Vorwürfe nicht öffentlich zu äußern.

Täter sind oft männliche Mitarbeiter von Hilfsorganisationen

Es geht nicht um Einzelfälle. Forscher der Tufts University aus Massachusetts werteten zahlreiche Berichte, Trainingsmaterial und Umfrageergebnisse aus, interviewten Dutzende Betroffene. In ihrer im Mai 2017 veröffentlichten Studie kamen sie unter anderem zum Ergebnis, dass sexuelle Belästigung und sexueller Missbrauch bei Hilfsorganisationen offenbar weit verbreitet seien. Die Mehrheit der Täter seien Männer, die für die Organisationen arbeiteten - oftmals als Vorgesetzte der Opfer oder als angeheuerte Sicherheitskräfte.

Das deckt sich mit Erkenntnissen der Nichtregierungsorganisation "Report the Abuse". Sie startete im vergangenen Jahr eine Umfrage zu sexueller Gewalt in der Branche, mehr als tausend Mitarbeiter unterschiedlicher Hilfsorganisationen nahmen teil. 72 Prozent erklärten, dass sie schon mal Opfer sexueller Gewalt geworden seien. Demnach waren 89 Prozent der Opfer Frauen, 92 Prozent der Täter Männer.

"Ich habe schon geschlafen, als ein Programm-Manager einer anderen Organisation in mein Zelt kam. Er legte sich nackt zu mir ins Bett und vergewaltigte mich." (Anonyme Aussage aus der "Report the Abuse"-Umfrage 2017)

Die Berichte der Betroffenen wurden in einem Abschlussbericht veröffentlicht. Daraus wird klar: Von ihren Organisationen haben die Opfer sexueller Gewalt wenig bis gar keine Unterstützung bekommen.

"Meine Organisation hat mir keine ärztliche Versorgung zur Verfügung gestellt. Es gab keine psychologische Unterstützung und auch keine juristischen Möglichkeiten. Nach der Vergewaltigung bin ich also wieder zur Arbeit gegangen. Ich wollte nicht, dass das, was passiert war, mir meinen Job nimmt, den ich so liebe."
(Anonyme Aussage aus der "Report the Abuse"- Umfrage 2017)

"Wer etwas sagt, der wird gefeuert, entlassen oder in irgendeiner anderen Form bestraft", sagt Megan Nobert dem SPIEGEL. Die Entwicklungshelferin hat RTA gegründet, nachdem sie während eines Einsatzes im Südsudan von einem Kollegen vergewaltigt wurde. Sie sprach darüber und stellte fest, dass alle Gesprächspartnerinnen Erfahrungen mit sexueller Gewalt oder Belästigung gemacht hatten. "Es ist ein weitverbreitetes Problem in der Entwicklungshilfe, aber es wird nicht zugegeben", sagt Nobert.

Krisengebiete sind meist rechtsfreie Räume

Dass die Übergriffe nur selten Konsequenzen haben, hat mehrere Gründe. Zum einen sind Krisengebiete meist rechtsfreie Räume. Es gibt keine Polizei, an die sich Mitarbeiterinnen von Hilfsorganisationen verlässlich wenden können. Nobert etwa entschied sich im Südsudan gegen eine Anzeige, weil sie Angst hatte, Polizisten könnten sie für ihre Vergewaltigung verantwortlich machen.

Ein funktionierendes internes Beschwerdesystem sowie Vertrauenspersonen sind deshalb umso wichtiger. Diese Strukturen gibt es in manchen Organisationen aber nur unzureichend - oder gar nicht.

"Ganz ehrlich, ich wusste überhaupt nicht, wo ich hingehen kann. So was wurde mir nie erklärt. Ich glaube, die Organisation hatte nicht mal ein formelles System. Der Leiter unserer Außenstelle war bei manchen der unangemessenen Berührungen und Kommentare sogar dabei, aber er hat nichts dazu gesagt."
(Anonyme Aussage, "Report the Abuse"-Umfrage 2017)

Uno-Generalsekretär António Guterres betont immer wieder die "Null-Toleranz"-Politik der Vereinten Nationen, wenn es um sexuelle Übergriffe geht. Im Oktober hatte er gemeinsam mit 14 weiteren internationalen Uno-Führungskräften eine E-Mail an alle Mitarbeiter geschickt. Dort hieß es: "Es ist die Aufgabe und Pflicht von uns allen, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich jeder willkommen und geschätzt fühlt." Am Ende des Briefs finden sich Links zu Uno-internen Beschwerdestellen für Opfer und Zeugen.

"Die Opfer sind immer am kürzeren Hebel"

An diese wenden sich betroffene Mitarbeiter offenbar aber nur selten, weil sie Angst vor Konsequenzen für sich selbst haben. Die Anwältin Abbe Jolles hat Uno-Mitarbeiterinnen bei Klagen wegen sexueller Belästigung oder Gewalt vertreten. Sie habe mit einer "riesigen" Anzahl von Betroffenen gesprochen, die nicht klagen wollten, weil sie keine unabhängige Rechtsprechung von der Uno erwarteten. "Die Opfer sind immer am kürzeren Hebel", sagt Jolles dem SPIEGEL.

Viele Vorwürfe erreichen die interne Beschwerdestelle namens OIOS (Office of Internal Oversight Services) erst gar nicht. Es gibt zu viele Instanzen, die eine Anschuldigung für unberechtigt einstufen können. Zum Beispiel die "Faktenfindungs-Kommission", die vom Abteilungsleiter des mutmaßlichen Opfers einberufen wird. Diese besteht aus Mitarbeitern der Abteilung und soll bestimmen, ob es sich um einen gerechtfertigten Vorwurf handelt.

"Bereits hier scheitern die meisten Fälle", sagt der frühere OIOS-Ermittler Peter Gallo. Von den Mitarbeitern werde schließlich nicht nur verlangt, gegen Kollegen zu ermitteln. Sie würden bei einer Bestätigung der Vorwürfe auch ihren Chef in ein schlechtes Licht stellen. "Er ist dafür verantwortlich, dass so etwas in seiner Abteilung nicht passiert", sagt Gallo dem SPIEGEL.

Er arbeitete bis vor zwei Jahren noch in der OIOS. "Ich hatte das Gefühl, dass sie möglichst viele Fälle einstellen wollen, damit die Statistiken stimmen", sagt er. Bei Ermittlungen habe er keinen Zugriff auf Informationen über Beschuldigte und Ankläger gehabt. Er habe also nicht überprüfen können, ob der Beschuldigte bereits mehrfach unter Verdacht stand oder ob das vermeintliche Opfer Interesse an einer Vergeltungstat haben könnte. Gallo kann viele weitere solcher Mängel aufführen, überprüfen lassen sich die Vorwürfe nicht.

"Wir leben weiterhin nach veralteten Idealen und Regeln"

Es wird aber deutlich: Um sexuelle Übergriffe in der Entwicklungshilfe der Uno zu bekämpfen, braucht es mehr als eine gut gemeinte Erinnerung an die "Null-Toleranz-Politik". Immerhin soll es nun eine Hilfs-Hotline und "nutzerfreundliches Informationsmaterial" geben, teilte die Uno auf Nachfrage des SPIEGEL mit. Eine Mitarbeiterumfrage soll zeigen, wie groß die Zahl der Fälle von sexueller Belästigung ist, die nicht gemeldet werden.

Megan Nobert ist allerdings der Meinung, dass sich grundsätzlich etwas ändern muss. "Wir leben weiterhin nach veralteten Idealen und Regeln." Dadurch sei ein System entstanden, in dem Mitarbeiter zwar für Menschenrechte kämpften, gleichzeitig aber auch sexuelle Gewalt oder Homophobie ausleben könnten. "Dieses System der Doppelmoral muss eliminiert werden, nicht nur angesprochen", sagt Nobert.

Sie und andere Experten fordern die Gründung einer unabhängigen Beschwerdestelle, die für Mitarbeiter aller humanitären Hilfsorganisationen zuständig ist. Dafür müssten diese aber erst einmal zugeben, dass sie ihre Mitarbeiter nicht ausreichend vor sexuellen Übergriffen schützen.


Zusammengefasst: Berichte und Umfragen legen nahe, dass sexuelle Übergriffe innerhalb von Entwicklungshilfeorganisationen ein verbreitetes Problem sind. Betroffene melden diese Vorfälle selten, weil sie befürchten, ihren Job zu verlieren. Die Organisationen kennen die Missstände, schützen ihre Mitarbeiter aber immer noch nicht ausreichend - auch aus Sorge um einen Imageschaden. Deshalb fordern Experten eine internationale, unabhängige Beschwerdestelle.

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