Kindesmissbrauch in England Rotherham ist überall

Der sexuelle Missbrauch von 1400 Kindern in Rotherham sorgte weltweit für Schlagzeilen, doch die Stadt ist kein Einzelfall: Für englische Mädchen gehören Anmachen zum Alltag, systematische Misshandlungen finden in vielen Vierteln statt.

Von , London

Rochdale im Januar 2011: Polizei rüstet auf
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Rochdale im Januar 2011: Polizei rüstet auf


"Ich werde ständig angesprochen, wenn ich in meiner Schuluniform unterwegs bin", sagt das Mädchen aus Manchester. "Männern ist es vollkommen egal, wie alt wir sind." Eine andere Schülerin erzählt, wie sie auf ihrem Schulweg an einer Gruppe Männer auf der High Street vorbeigekommen sei. Einer habe gesagt: "Ich kann es kaum erwarten, was Du im Sommer tragen wirst."

Ein drittes Mädchen erzählt vom Einkaufen mit einer Freundin. "Da kam ein Mann zu uns, hielt meine Freundin von hinten fest, strich ihr übers Haar und sagte: 'Schönes Haar'."

Die Beispiele stammen aus einem neuen Bericht zum Kindesmissbrauch im Großraum Manchester. Acht Monate lang hat die Labour-Abgeordnete Ann Coffey mit Betroffenen gesprochen und sich durch Akten gewühlt. Diese Woche legte sie ihren 148-seitigen Abschlussbericht vor. Auftraggeber war die Polizei von Manchester, die nach einer Serie von Missbrauchsskandalen einen Neuanfang machen will.

"Ein andauerndes Problem"

Coffey kommt zu einem alarmierenden Schluss: In manchen Vierteln Manchesters sei die sexuelle Ausbeutung von Kindern zur "gesellschaftlichen Norm" geworden. Mädchen würden nicht respektiert, sondern kontrolliert und zum Sex genötigt. "Wir haben es mit einem echten und andauernden Problem zu tun", schreibt die ehemalige Sozialarbeiterin.

Die verbale Anmache ist häufig nur der Anfang. Mädchen werden in Autos und Läden gezerrt, mit Alkohol und Drogen gefügig gemacht und schließlich vergewaltigt. "Grooming" heißt der Prozess, bei dem die Mädchen schrittweise unter die Kontrolle ihrer Peiniger gebracht werden.

Wie verbreitet das Problem in Großbritannien ist, zeigt die Liste der Orte, in denen es bereits zu aufsehenerregenden Verurteilungen gekommen ist.

Rotherham: In der nordenglischen Stadt wurden zwischen 1997 und 2013 mindestens 1400 Kinder sexuell missbraucht. Zu diesem Ergebnis kam eine offizielle Untersuchung im August 2014. Die Behörden schauten jahrelang weg, die meisten Täter gingen straffrei aus. Nur fünf Männer wurden 2010 wegen Vergewaltigung verurteilt.

Oxford: In der südenglischen Universitätsstadt wurden im Juni 2013 sieben Männer zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten sechs Mädchen im Alter von 11 bis 15 Jahren vergewaltigt. Die Taten ereigneten sich zwischen 2004 und 2012.

Rochdale: In der Stadt im Großraum Manchester wurden im Mai 2012 neun Männer im Alter von 24 bis 59 Jahren wegen Vergewaltigung verurteilt. Sie hatten fünf Mädchen über mehrere Jahre missbraucht, das jüngste war 13 Jahre alt.

Derby: Im nordenglischen Derby wurden 2010 neun Männer verurteilt. Sie hatten 26 Mädchen missbraucht, das jüngste war 12 Jahre alt.

In die schlagzeilenträchtigen Fälle waren allesamt britische Pakistaner involviert, die sich die Mädchen teilten. Die Polizei gibt zu bedenken, dass solche Männergangs in der Statistik nur eine kleine Rolle spielen. Die große Zahl der Vergewaltigungen, 90 Prozent, wird nach wie vor von Einzeltätern zu Hause begangen, meist Angehörige oder Bekannte des Opfers.

"Anmache als Teil des Alltags"

Doch steht die pakistanische Gemeinde unter Druck, sich von den Missbrauchsfällen zu distanzieren. Auch die Polizei wurde durch die Skandalwelle aufgeschreckt. Verschiedene Behörden haben Untersuchungen in Auftrag gegeben, alte Fälle werden noch einmal aufgerollt. Bei der South Yorkshire Police, die in Rotherham jahrelang weggeschaut hatte, sind nun 62 Beamte mit der Jagd nach Kinderschändern beschäftigt. Vor vier Jahren waren es erst drei Beamte. Auch in Manchester wurde die Zahl der Ermittler nach Rochdale aufgestockt - von 12 auf 39.

Führende Polizeibeamte gehen davon aus, dass die Ermittlungen weitere schockierende Fälle ans Licht bringen werden. Es könne "noch viele Rotherhams" geben, warnte Simon Bailey, Polizeichef von Norfolk, kürzlich im "Guardian". Sexueller Missbrauch von Kindern sei zu lange ein "verstecktes Verbrechen" gewesen.

Allein die South Yorkshire Police ermittelt in neun Fällen gegen Sex-Gangs, die jeweils mehrere Opfer sexuell missbraucht haben sollen. In Manchester laufen 18 solcher Untersuchungen. Erst diese Woche waren elf Verdächtige festgenommen worden.

Die Abgeordnete Coffey hält einen tiefgreifenden kulturellen Wandel für erforderlich. Polizei und Sozialarbeiter müssten künftig genauer auf Anzeichen sexuellen Missbrauchs achten und die Vorwürfe der Opfer ernstnehmen, empfiehlt sie in ihrem Bericht. "Das Schockierende ist", schreibt Coffey, "dass sich diese Mädchen ohnmächtig fühlen und sie die Anmache als Teil des Alltags hinnehmen müssen. Viele zeigen sie nicht an, weil sie das Gefühl haben, dass die Polizei auf sie herabschaut".

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
gribofsky 01.11.2014
1. Am Thema vorbei
Der Artikel geht am eigentlichen Skandal von Rotherham vorbei. Kindesmißbrauch gab es früher schon (Ja, ich weiß, macht die Sache auch nicht besser. Hab ich auch nicht behauptet), der eigentliche Skandal war das man nicht gegen die Täter vorging um nicht als ausländerfeindlich zu gelten. Hätte sich die Polizei nicht durch falsch verstandene political correctnes zurückgehalten, hätte vielen Kindern das Leid erspart bleiben können.
Jo.S 01.11.2014
2. Danke / möglicherweise ein sehr wichtiger Beitrag vom SpOn
Der Skandal aus dem August ist schon so alt, dass er langsam in Vergessenheit gerät. Weder in der Presse noch im Netz habe ich tragfähige Analysen gefunden, die mir die folgenden Fragen beantworten: • Welche Voraussetzungen sind nötig, damit so etwas passieren kann? • Welche Mittel gibt es, die Opfer zu schützen? • Müssen wir Bürger oder muss der Staat auch hier bei uns etwas tun, um solche Dinge aufzudecken oder – idealerweise – in Zukunft zu verhindern? Ich glaube, erst wenn dieses Thema eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit findet, werden diese Fragen öffentlich gestellt und beantwortet werden. Vielleicht dient auch der vorliegende Beitrag dazu, diese Aufmerksamkeit hervorzurufen. Deshalb habe ich mich über diesen Beitrag gefreut.
vhe 01.11.2014
3.
Zitat von Jo.SDer Skandal aus dem August ist schon so alt, dass er langsam in Vergessenheit gerät. Weder in der Presse noch im Netz habe ich tragfähige Analysen gefunden, die mir die folgenden Fragen beantworten: • Welche Voraussetzungen sind nötig, damit so etwas passieren kann? • Welche Mittel gibt es, die Opfer zu schützen? • Müssen wir Bürger oder muss der Staat auch hier bei uns etwas tun, um solche Dinge aufzudecken oder – idealerweise – in Zukunft zu verhindern? Ich glaube, erst wenn dieses Thema eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit findet, werden diese Fragen öffentlich gestellt und beantwortet werden. Vielleicht dient auch der vorliegende Beitrag dazu, diese Aufmerksamkeit hervorzurufen. Deshalb habe ich mich über diesen Beitrag gefreut.
Ich denke, mit der Odenwaldschule und den ganzen katholischen Aktionen sind Polizei, Lehrer, Jugendämter und auch die Bevölkerung aktuell genug sensibilisiert. Damit dürfte hier der Großteil des Kindesmissbrauchs da stattfinden, wo er es immer tut - und am schwersten zu finden und zu ahnden ist: In der Famile und dem unmittelbaren Umfeld.
deeco85 01.11.2014
4.
Ich verstehe nicht warum es so schwer ist, solche Fälle rechtzeitig aufzudecken in Zeiten der totalen Überwachung?!
sequ 01.11.2014
5. Kulturelle Differenzen
Ich kann mich einem Vorredner nur anschließen. Als junge Frau kann ich bestätigen, dass respektloses und besonders aufdringliches Angraben vermehrt von Männern kommt, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben als den "westlichen" (alkoholisierte westliche Männer mal ausgenommen). Man muss sich wirklich fragen ob die Nachteile für einige Gruppen (besonders Frauen und Homosexuelle) nicht die Vorteile des Multikulturalismus überwiegen. Bzw ob man die erkämpften Freiheiten und Rechte dieser Gruppen gefährden oder gar opfern will. Dazu bin ich persönlich nicht bereit. Interessant dazu ist auch die Doku "femme de la rue", die Belästigungen von Frauen in Brüssel dokumentiert, gegen die die Zustände in New York gar nichts sind.
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