Missbrauch bei US-Pfadfindern Die "Akten der Perversion"

Jahrzehntelang haben die US-Pfadfinder Tausende Missbrauchsfälle vertuscht. Mehr als 1200 Betreuer der Boy Scouts waren allein zwischen 1965 und 1985 in den Skandal verwickelt. Das geht aus bislang geheimen Dokumenten hervor, die nun veröffentlicht werden mussten.

Opferanwalt Kelly Clark: Offenlegung brisanter Pfadfinderdokumente
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Opferanwalt Kelly Clark: Offenlegung brisanter Pfadfinderdokumente

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Portland - Es ist das erste Mal, dass das gewaltige Ausmaß sexuellen Missbrauchs bei den US-Pfadfindern öffentlich wird. Am Donnerstag haben die Boy Scouts of America mehr als tausend vertrauliche Dokumente, "Akten der Perversion" genannt, freigegeben - nicht freiwillig, sondern auf Anordnung des Obersten Gerichts im US-Bundesstaat Oregon. Mit dessen Erlaubnis legten Anwälte von Missbrauchsopfern die brisanten Dokumente offen. Sie zeichnen ein erschütterndes Bild.

Jahrzehntelang haben die Boy Scouts Missbrauchsfälle in ihren eigenen Reihen verschwiegen und vertuscht, die Opfer mit ihrem Leid allein gelassen. Die internen Papiere zeigen, wie zahlreiche Amtsträger - von Polizisten bis Priestern - es Pfadfindergruppenleitern und anderen des Kindesmissbrauchs beschuldigten Betreuern jahrzehntelang diskret ermöglichten, ungestraft davonzukommen. In vielen Fällen, den Unterlagen zufolge in mehr als einem Drittel, wurde die Polizei gar nicht erst über die Missbrauchsvorwürfe unterrichtet. Und selbst wenn dies der Fall war, unternahmen die lokalen Behörden oft nichts, weil sie den Ruf der Pfadfinder nicht beschädigen wollten.

"Diese Akten sprechen für den Schmerz und die Seelenqualen von Tausenden Boy Scouts", sagte Opferanwalt Paul Mones. Nach seinen Angaben missbrauchte oder belästigte jeder der mutmaßlichen Täter durchschnittlich fünf bis 25 seiner Schützlinge. "Wir wissen, dass die Zahl der Opfer in die Tausende geht, und dass die meisten niemals offen darüber sprechen werden." Mones bescheinigte der Pfadfinderorganisation zwar Fortschritte im Kampf gegen Pädophilie. Doch bleibe noch viel zu tun: "Sie müssen aus den Akten lernen, wie Pädophile Organisationen unterwandern und wie sie vorgehen."

Rund 15.000 Seiten enthalten die nun veröffentlichten Geheimakten, sowohl Details über erwiesenen Missbrauch, als auch unbewiesene Anschuldigungen. 1247 Boy-Scouts-Betreuer seien darin aufgeführt, die zwischen 1965 und 1985 wegen Missbrauchsvorwürfen von der Gruppe ausgeschlossen wurden, berichtete die "New York Times".

"Man hält Informationen über Gefahren für Kinder nicht geheim"

Und es dürfte noch deutlich mehr Fälle geben. Denn bereits kurz nach ihrer Gründung im Jahr 1910 begannen die Pfadfinder damit, alles zu sammeln, was mit Kindesmissbrauch in ihren Reihen zu tun hatte: Briefe von Opfern, Rechtfertigungen von Tätern, Notizen von Gruppenleitern, Ergebnisse von internen Untersuchungen.

Opferanwalt Kelly Clark kritisierte die Boy Scouts am Donnerstag auf einer Pressekonferenz dafür, sich so lange und mit allen Mitteln gerichtlich gegen die Freigabe der Akten gewehrt zu haben. "Man hält Informationen über Gefahren für Kinder nicht geheim", sagte Clark. Er vertritt mehr als hundert erwachsene Männer, die einst den Pfadfindern angehörten und ihren Betreuern Missbrauch vorwerfen.

2010 hatte Clark mit einer Klage gegen die Boy Scouts vor einem Gericht in Portland, Oregon, eine Millionenentschädigung für einen ehemaligen Pfadfinder erwirkt. Das Opfer war im Alter von elf Jahren von seinem Betreuer sexuell missbraucht worden. Der Anwalt argumentierte damals, dass die Organisation von den Übergriffen wusste. Der Mann sei zwar als Betreuer abgesetzt worden, habe jedoch als freiwilliger Helfer bei den Boy Scouts bleiben dürfen.

Kein Einzelfall. Manchmal schienen belastende Informationen, die in das Sammelsystem der Pfadfinder einflossen, einfach verloren zu gehen - oder ignoriert zu werden. So wie offensichtlich im Fall eines Betreuers aus Boulder, Colorado, den die "New York Times" schildert. Der Mann wurde demnach 1972 wegen "homosexueller Handlungen" an Minderjährigen von seinem Posten als stellvertretender Gruppenleiter entlassen und in den Akten ordnungsgemäß als "untauglich" aufgeführt. Eine Strafanzeige schienen die Pfadfinder nicht für nötig zu halten.

Informationen unterdrückt, Täter geschützt

Fünf Jahre später wurde der Mann dem Bericht zufolge verhaftet. Er war immer noch bei den Pfadfindern, allerdings in einer anderen Gruppe - und wurde beschuldigt, sich mehrfach an Kindern vergangen zu haben. In einem Polizeibericht werden Jungen zitiert, die aussagten, der später Verurteilte habe gedroht, sie zu vergiften, falls sie etwas verraten würden.

Die Zeitung zitierte auch aus dem Brief eines verzweifelten Vaters in der Aktensammlung, der sich 1981 bei dem Verband über einen Betreuer beklagte, der seinen Sohn belästigt hatte. Man hätte ihm zwar versprochen, dass der Mann von den Boy Scouts ausgeschlossen werden würde, doch er habe den Täter bei weiteren Pfadfinderveranstaltungen mit Kindern gesehen.

Die Liste der Missbrauchsfälle ist lang - und oft schienen sich die Verantwortlichen mehr um die Täter als um die Opfer zu sorgen. Fünf Jungen schilderten den Unterlagen zufolge 1976 ausführlich, wie ein Gruppenleiter in Pennsylvania mindestens zwei Jungen vergewaltigte und weitere sexuell belästigte. Mit den Taten konfrontiert, erklärte er sofort schriftlich seinen Rücktritt. "Viel Glück für deine neue Position", schrieb ein Verantwortlicher zurück. Er akzeptiere den Rücktritt mit "großem Bedauern".

Der Vorsitzende der Boy Scouts, Wayne Perry, entschuldigte sich nun erneut bei allen Opfern und bekräftigte die Kooperationsbereitschaft mit den Behörden. "Es gab Fälle, in denen Leute ihre Stellung ausnutzten, um Kinder zu missbrauchen, und in einigen Fällen waren unsere Reaktionen und unsere Schutzbemühungen eindeutig unzureichend, ungeeignet oder schlichtweg falsch", sagte er. Doch habe seine Bewegung daraus gelernt.

Das allerdings erst reichlich spät: Seit 2010, also erst seit dem hundertjährigen Bestehen der rund vier Millionen Mitglieder zählenden Organisation, sind alle Pfadfindervertreter angewiesen, schon bei Verdacht auf Missbrauch die Behörden einzuschalten.

mit Material von AP, AFP und dpa

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