Der Mann, der mir im Restaurant gegenübersitzt, freut sich auf das Schnitzel mit Pommes. Er hat Hunger und nur wenig Geld. Die meiste Zeit verbringt er in seiner Wohnung, stark übergewichtig, schwer krank, er arbeitet seit langem nicht mehr. Er habe sich einen Panzer angefressen, sagt er.
In einer Plastiktüte hat er mir zwei Aktenordner mitgebracht, in ihnen Korrespondenzen, Urkunden, Aktenvermerke der letzten 61 Jahre, manche vergilbt. Ein Leben in einem Beutel. Die Briefe hat er in seine Schreibmaschine gehämmert. Nun sollen sie mir belegen, was ihm widerfahren ist. Sollen mir zeigen, dass die Geschichte, so unglaublich sie in Teilen anmutet, doch glaubhaft ist.
Seit Jahren führt Eckhard O. einen Kampf gegen die katholische Kirche, um Geld, sicher, aber vor allem um Anerkennung. Noch bevor die Fälle sexuellen Missbrauchs im Berliner Canisius-Kolleg Anfang 2010 an die Öffentlichkeit gelangten, begann O. Bischöfe und Bistümer anzuschreiben. Manche seiner Sätze klingen ungelenk, es sind Worte voller Zorn und Unverständnis, es ist die Sprache der Malocher. Warum hat ihm keiner der Bischöfe geantwortet? Wie konnten sie sein Leben zerstören und sich jetzt so aus der Affäre ziehen? Eckhard O. zieht ein Schriftstück nach dem anderen aus den Ordnern.
O. wurde von einem Priester gezeugt und wuchs in katholischen Erziehungsheimen auf, Schläge und sexueller Missbrauch prägten sein Leben. Immer wieder vergingen sich Geistliche und Angestellte des katholischen Heimes an ihm. "Hast du schon einmal deinen Pillemann angefasst?", fragte die Religionslehrerein - nur um ihn für die ehrliche Antwort auszupeitschen. O. erinnert sich noch heute an den ekstatischen Gesichtsausdruck der Ordensfrau, wenn sie sich in Rage prügelte.
Die Sätze stolpern aus ihm heraus
Seine Wangen färben sich tiefrot, als er davon erzählt. Die Sätze stolpern aus ihm heraus, bedrohlich laut, ungestüm. All die Jahre hat er geschwiegen, jetzt nennt er die Namen der Täter, zum ersten Mal, er spuckt sie förmlich aus. Er hat seine Gefühle so lange unterdrückt, jetzt brechen sie sich Bahn. Mit den groben Händen wischt er sich schnell die Tränen aus dem Auge. Die Leute an den Nachbartischen sehen uns irritiert an.
Die Recherchen sind zäh. Manche Täter und Täterinnen von damals leben noch. Aber sie werden geschützt, verstecken sich hinter ihrem Alter und dem Vergessen. Die katholische Kirche hat sich an O. versündigt, und sie tut es noch immer. Indem sie ihn wie so viele andere ignoriert, indem sie die eigene Schuld nicht anerkennt. Menschen wie Eckhard O. haben keine Lobby. Die Kirche hat sie nicht ausgebildet, sie hat ihr Leben zerstört.
Schwer krank hat er mit 61 nun seinen Kampf aufgenommen. Aber bislang hat er gegen die Kirche immer nur verloren.
Nach dem Erscheinen meines Artikels gelobt das Münsteraner Vinzenzwerk, seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Eine Pressekonferenz wird einberufen, doch die noch lebenden Nonnen wollen nichts von Missbrauch und Misshandlungen mitbekommen haben. Für O. ist das ein Schlag ins Gesicht.
Für mich auch.
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