Sexueller Missbrauch in der Kirche Die Leiden des Eckhard O.

Eckhard O. kämpft gegen die Kirche. Der heute 61-Jährige ist als Kind in katholischen Erziehungsheimen missbraucht und misshandelt worden. SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Barbara Hans trifft einen gebrochenen, schwer kranken Mann - dessen Leben zerstört ist.


Der Mann, der mir im Restaurant gegenübersitzt, freut sich auf das Schnitzel mit Pommes. Er hat Hunger und nur wenig Geld. Die meiste Zeit verbringt er in seiner Wohnung, stark übergewichtig, schwer krank, er arbeitet seit langem nicht mehr. Er habe sich einen Panzer angefressen, sagt er.

In einer Plastiktüte hat er mir zwei Aktenordner mitgebracht, in ihnen Korrespondenzen, Urkunden, Aktenvermerke der letzten 61 Jahre, manche vergilbt. Ein Leben in einem Beutel. Die Briefe hat er in seine Schreibmaschine gehämmert. Nun sollen sie mir belegen, was ihm widerfahren ist. Sollen mir zeigen, dass die Geschichte, so unglaublich sie in Teilen anmutet, doch glaubhaft ist.

Seit Jahren führt Eckhard O. einen Kampf gegen die katholische Kirche, um Geld, sicher, aber vor allem um Anerkennung. Noch bevor die Fälle sexuellen Missbrauchs im Berliner Canisius-Kolleg Anfang 2010 an die Öffentlichkeit gelangten, begann O. Bischöfe und Bistümer anzuschreiben. Manche seiner Sätze klingen ungelenk, es sind Worte voller Zorn und Unverständnis, es ist die Sprache der Malocher. Warum hat ihm keiner der Bischöfe geantwortet? Wie konnten sie sein Leben zerstören und sich jetzt so aus der Affäre ziehen? Eckhard O. zieht ein Schriftstück nach dem anderen aus den Ordnern.

O. wurde von einem Priester gezeugt und wuchs in katholischen Erziehungsheimen auf, Schläge und sexueller Missbrauch prägten sein Leben. Immer wieder vergingen sich Geistliche und Angestellte des katholischen Heimes an ihm. "Hast du schon einmal deinen Pillemann angefasst?", fragte die Religionslehrerein - nur um ihn für die ehrliche Antwort auszupeitschen. O. erinnert sich noch heute an den ekstatischen Gesichtsausdruck der Ordensfrau, wenn sie sich in Rage prügelte.

Die Sätze stolpern aus ihm heraus

Seine Wangen färben sich tiefrot, als er davon erzählt. Die Sätze stolpern aus ihm heraus, bedrohlich laut, ungestüm. All die Jahre hat er geschwiegen, jetzt nennt er die Namen der Täter, zum ersten Mal, er spuckt sie förmlich aus. Er hat seine Gefühle so lange unterdrückt, jetzt brechen sie sich Bahn. Mit den groben Händen wischt er sich schnell die Tränen aus dem Auge. Die Leute an den Nachbartischen sehen uns irritiert an.

Die Recherchen sind zäh. Manche Täter und Täterinnen von damals leben noch. Aber sie werden geschützt, verstecken sich hinter ihrem Alter und dem Vergessen. Die katholische Kirche hat sich an O. versündigt, und sie tut es noch immer. Indem sie ihn wie so viele andere ignoriert, indem sie die eigene Schuld nicht anerkennt. Menschen wie Eckhard O. haben keine Lobby. Die Kirche hat sie nicht ausgebildet, sie hat ihr Leben zerstört.

Schwer krank hat er mit 61 nun seinen Kampf aufgenommen. Aber bislang hat er gegen die Kirche immer nur verloren.

Nach dem Erscheinen meines Artikels gelobt das Münsteraner Vinzenzwerk, seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Eine Pressekonferenz wird einberufen, doch die noch lebenden Nonnen wollen nichts von Missbrauch und Misshandlungen mitbekommen haben. Für O. ist das ein Schlag ins Gesicht.

Für mich auch.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
jörg seifert 24.12.2010
1. Wie praktisch ...
dass diesen Leuten erst nach 40,50 Jahren einfällt dass sie damals mißbraucht wurden. So wird jede strafrechtliche Ermittlung schon im Ansatz unmöglich; Beweise sind nicht mehr vorhanden und evtl. Verbrechen verjährt - falls die Täter überhaupt noch leben. Soviel zur Glaubwürdigkeit solcher Anschuldigungen. Was den Spiegel natürlich nicht daran hindern sollte, sie abzudrucken als wären sie Tatsachen; schließlich zählt die Schlagzeile und nicht der seriöse Journalismus.
bbär 24.12.2010
2. Aha!
Herr Seifert, prangern Sie jetzt den an, der auf den Schmutz aufmerksam macht? Oder sollten wir lieber den Verursacher anprangern?
Consystor 24.12.2010
3. @jörg seifert
Wenn sie selbst misshandelt worden wären und dann zur damaligen Zeit, wüssten sie auch, warum es den Leuten so schwer fällt und dann würden sie sich nicht als deren Richter aufspielen zumal sie hier auch noch den Spiegel dafür kritisieren, dass er sich als Richter aufspielt. Journalistische Arbeit fängt oft genau da an, wo der Staat eben versagt. Und nur, weil diese Dinge verjährt sind, heißt es nicht, dass es falsch ist darüber zu schreiben oder, dass die Leute Lügengeschichten erzählen. Und was sie unter "Beweisen" verstehen würde ich gerne auch wissen. Meinen sie Fotos und Videos davon, wie die Leute missbraucht wurden? Ihre tollen "Beweise" gab es damals auch nicht! Wenn, dann nur Zeugen und Indizien... Tun Sie sich und uns also einen Gefallen und schreiben sie nicht zu Dingen, von denen Sie offensichtlich keine Ahnung haben!
Michael Giertz, 24.12.2010
4. Vielleicht ...
Zitat von jörg seifertdass diesen Leuten erst nach 40,50 Jahren einfällt dass sie damals mißbraucht wurden. So wird jede strafrechtliche Ermittlung schon im Ansatz unmöglich; Beweise sind nicht mehr vorhanden und evtl. Verbrechen verjährt - falls die Täter überhaupt noch leben. Soviel zur Glaubwürdigkeit solcher Anschuldigungen. Was den Spiegel natürlich nicht daran hindern sollte, sie abzudrucken als wären sie Tatsachen; schließlich zählt die Schlagzeile und nicht der seriöse Journalismus.
... ist es dem Mann auch gar nicht "bewusst" gewesen oder der Scham hat ihn gehindert, sich zu offenbaren? Vor ein paar Jahrzehnten war körperliche Züchtigung an Schulen und Internaten nicht irgendeine archaische Ausnahme, sondern eine gesellschaftlich anerkannte Disziplinierungsmaßnahme. Die Eltern damals haben sogar absichtlich ihre "schwer erziehbaren Kinder" in möglichst harte Internate geschickt, das war "Werbung" quasi! Und heute? Schon wenn ein Lehrer einen Schüler auch nur giftig anguckt, drohen die Eltern mit Anwälten. Holt der Lehrer mit der Hand auch nur aus, droht eine Versetzung, schlägt er zu, landet er noch vorm Gericht oder muss mit seiner Entlassung rechnen. Die Zeiten haben sich halt gewandelt! Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass noch vor 30, 40 Jahren das Wort "Kindsmissbrauch" in keinem Duden stand, weil es mit dem sexuellen Selbstbestimmungsrecht damals noch nicht weit her war ... Ergo: wenn der katholische Priester 1960 einem Ministranten an den Pillermann ging, dann konnte der das sehr gut als irgendein christliches Ritual tarnen - heute gilt ja schon der Klapps auf den Hintern als sexuelle Belästigung, da jemanden an die Geschlechtsorgane zu gehen für die eigene sexuelle Befriedigung ist praktisch unmöglich. Und: heute steht sowas nahezu in Echtzeit im Internet, die Menschen sind sensibilisierter, was das Thema anbelangt - was keine schlechte Sache ist.
chico 76 24.12.2010
5. Einer von vielen erschütternden Berichten.
Zitat von sysopEckhard O. kämpft gegen die Kirche. Der heute 61-Jährige ist als Kind in katholischen Erziehungsheimen missbraucht und misshandelt worden. SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Barbara Hans trifft einen gebrochenen, schwer kranken Mann -*dessen Leben zerstört ist. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,735710,00.html
Man mag garnicht an die vielen,nicht publizierten,Fälle denken. Die Dunkelziffer ist erfahrungsgemäss sehr hoch,bei derartigen Fällen. Die Opfer schämen sich zu oft,um die Verbrechen anzuzeigen. Schämen sollte sich jeder Gläubige,der Sonntags zur Messe geht und nicht gleichzeitig lückenlose Aufklärung sämtlicher Missbrauchsfälle von seinem Pfarrer einfordert. Diejenigen,die durch bewusstes Wegsehen/Vertuschen Aufklärung verhindern,gehören auch auf die Anklagebank. Diese pädophilen Kinderschinder gehen noch in grosser Zahl ihrem Geschäft nach,anstatt von Staatsanwälten verfolgt zu werden. Ein Verein,der durch das Zölibat geradezu pädophile Neigungen fördert,gehört verboten,zumindest unter Beobachtung gestellt. Stattdessen wird er von staatlicher Seite auch noch finanziell unterstützt. Wer heute noch Mitglied der katholischen Kirche ist,muss sich fragen lassen, warum er noch Mitglied einer kriminellen Vereinigung ist.
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