Einbrecher, Geldwäscher, Mafiosi Wie Deutschland im Kampf gegen Schwerkriminalität versagt

Deutschland ist ein Paradies für Mafiosi, sagt ein ehemaliger Chefermittler. Auch Einbrecherbanden und Geldwäscher fühlen sich in der Bundesrepublik sehr wohl - sie haben wenig zu befürchten.

Nachgestellter Einbruch
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Nachgestellter Einbruch

Ein Beitrag zur Themenwoche "Sicherheit" von


Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
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Der Mann lässt sich "Boss" nennen, und seine Kumpane sind keine sparsamen Leute. In Telefonaten palavern sie gerne über Ferraris, AMG-getunte Karossen von Mercedes oder Geländewagen von Audi. Mit Uhrenhändlern feilschen die Männer über verschiedene Rolex-Modelle - und auch Häuser wollen sie kaufen. Offiziell bezieht die Sippschaft, die in einem Ballungsgebiet im Westen der Republik lebt, übrigens Sozialhilfe.

Woher stammt ihr Vermögen?

Die Männer um den "Boss" sollen jede Menge Einbrüche begangen haben, unter anderem. Er habe den Eindruck, notierte ein Ermittler in einem Vermerk zu abgehörten Telefonaten, dass es dem "Boss" und seiner Sippe "fast rund um die Uhr nur um die Vorbereitung und Durchführung von Straftaten geht". Zu Einbrüchen kamen Taschen- und Ladendiebstähle, Kontoeröffnungsbetrügereien und das Erschleichen von Sozialleistungen. In den überwachten Telefonaten der Männer purzelten die Nullen, es ging um Hunderttausende, zuweilen um Geschäfte im Millionenbereich. Überführen konnte die Polizei den "Boss" und seine Leute trotzdem nie.

Einbruchsatlas Deutschland

Wie so häufig fehlte es der Polizei auch in diesem Fall an Personal, Technik und Geld für die Ermittlungen: Allein die Telefonüberwachungen Dutzender Anschlüsse, die Übersetzungen aus dem Rumänischen, Italienischen und aus Romanes seien ungeheuer zeitintensiv, so der Chefermittler. Zudem kommunizierten die Täter am Telefon zumeist nur über Unverfängliches und verabredeten sich immer wieder zu Gesprächen bei Skype und WhatsApp, die die Polizei nicht abhören kann. Und Observationen waren schon bald nicht mehr möglich, weil das Mobile Einsatzkommando Islamisten überwachen musste. Der Kampf gegen den Terror stach den Kampf gegen Einbrecher.

Die Sicherheitslage spitzt sich weiter zu

"Die Ressourcen reichen hinten und vorne nicht mehr. Das ist der wahre Grund dafür, warum wir mit der Kriminalitätsentwicklung nicht mehr Schritt halten können", sagt der stellvertretende Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler. Es fehlten Abertausende Kriminalbeamte, so Fiedler. Zwar werden derzeit viele Polizeieinheiten personell verstärkt, doch selbst mittelfristig reichen die Neueinstellungen kaum aus, um die Zahl der Pensionierungen auszugleichen - und den Personalbestand zu halten. Zugleich spitzt sich die Sicherheitslage weiter zu.

Über viele Jahre haben Innenpolitiker darauf vertraut, dass in einer immer älter werdenden Gesellschaft immer weniger Kriminalität anfällt - und daher weniger Polizei nötig ist. Doch diese Rechnung war naiv, ließ sie doch außer Acht, dass in Zeiten der Globalisierung und umfassender Reisemöglichkeiten Straftäter aus aller Herren Länder dort Beute zu machen beabsichtigen, wo es viel zu holen gibt. Und sie ließ außer Acht, dass das Wohlstandsgefälle innerhalb und außerhalb der Europäischen Union noch immer gewaltig ist.

Einsatz gegen organisierte Kriminalität in Frankfurt (Archiv)
DPA

Einsatz gegen organisierte Kriminalität in Frankfurt (Archiv)

So stammten beispielsweise tatverdächtige Einbrecher in Nordrhein-Westfalen in 2015 am häufigsten aus folgenden Staaten: Serbien, Rumänien, Türkei, Albanien, Georgien. Die Zahl der rumänischen Verdächtigen habe sich in fünf Jahren vervierfacht, die der Albaner verachtfacht und die der Georgier sogar verzehnfacht, so der Leitende Kriminaldirektor Joachim Eschemann vom Düsseldorfer Landeskriminalamt. "Unsere Sanktionsmöglichkeiten schrecken niemanden in den Hauptherkunftsstaaten der Einbrecher ab", so Eschemann. Dort werde sogar damit geworben: "Kommt nach Deutschland - hier passiert euch nichts."

Das Grundproblem sei, sagt Eschemann: "Die Kriminellen können samt Beute problemlos kreuz und quer durch die EU reisen. Die Ermittlungsbehörden aber arbeiten erst einmal national." Das Überschreiten jeder Grenze koste sehr viel Zeit. Daher müsse die internationale Zusammenarbeit, der schnelle Datenaustausch, dringend verbessert werden: "Der Haftrichter in NRW muss auch Informationen über Taten in anderen EU-Staaten bekommen können", so Eschemann.

Die Mafia fühlt sich wohl in Deutschland

Aber Deutschland ist nicht nur ein Paradies für Täter, die es auf das Eigentum anderer abgesehen haben, sondern auch für Kriminelle, die ihr illegal gemachtes Vermögen investieren wollen.

Der Strafrechtler Kai Bussmann kam in einer Studie für die Bundesregierung zu dem Ergebnis, dass - konservativ geschätzt - jährlich etwa 100 Milliarden Euro, die aus Verbrechen stammen, in der Bundesrepublik angelegt werden. Für bis zu 20 Milliarden Euro kauften Kriminelle oder ihre Handlanger jedes Jahr Immobilien in Deutschland, so Bussmann.

Ein Grund dafür, dass sehr viel kriminelles Geld nach Deutschland fließt, ist die Möglichkeit, hierzulande enorme Bargeldgeschäfte machen zu können. In zahlreichen anderen Ländern der Europäischen Union geht das nicht mehr. "Wir unterstützen weltweit die organisierte Kriminalität", so Bussmann.

Wie wohl sich daher etwa die italienische Mafia in Deutschland fühlt, zeigt unter anderem der Fall von Vito Zampani* aus Münster. Seit 30 Jahren soll er in Deutschland in kriminelle Geschäfte verwickelt sein, so steht es in seiner Akte. Er wurde verdächtigt, an einer großen Kokainlieferung aus Südamerika beteiligt gewesen zu sein, er soll Betrügereien koordiniert, Steuern hinterzogen und Geld gewaschen haben.

Doch überführt wurde Vito Zampani nie. Denn der Gastronom hat - ebenso wie die Mafia insgesamt - verstanden, dass man in Ruhe gelassen wird, wenn man Ruhe bewahrt. Kriminelle haben in Deutschland wenig zu befürchten, wenn sie ihre schmutzigen Geschäfte geräuschlos erledigen.

So hat sich die Zahl der Mafiosi in Deutschland, die den Sicherheitsbehörden bekannt sind, in den vergangenen neun Jahren verdreifacht. Die Dunkelziffer könnte noch deutlich höher sein.

"Die Mafia fühlt sich bei uns sauwohl", sagt der frühere Chefermittler Heinz Sprenger, der die Mafia-Morde von Duisburg klärte. Und er fügt hinzu: "Deutschland ist ein Paradies für Mafiosi."

*Name geändert

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