Missbrauch einer 13-Jährigen Fataler Freigang

Reinhard R. wird als hochgefährlich eingestuft - trotzdem bekam er Freigang aus der JVA Lingen genehmigt. In der Zeit soll er eine 13-Jährige missbraucht haben. Nun ist er auf der Flucht - die Kritik an Ermittlern und Politik wächst.

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Fahndung nach Reinhard R.: Freigänger soll 13-Jährige missbraucht haben
Staatsanwaltschaft Osnabrück

Fahndung nach Reinhard R.: Freigänger soll 13-Jährige missbraucht haben


Hamburg - Reinhard R. hat ein langes Strafregister. Mehrere schwere Gewaltdelikte sowie der Missbrauch eines Kindes sind in seiner Akte zu finden. Wegen seiner Vergehen sitzt der 51-Jährige seit rund zwölf Jahren im Gefängnis, zuletzt in der JVA Lingen in Niedersachsen. 2002 wurde er wegen schwerer Körperverletzung zu dreieinhalb Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück stuft R. als hochgefährlich ein - und trotzdem hatte er über das lange Christi-Himmelfahrts-Wochenende Freigang.

Wie Staatsanwaltschaft und Polizei nun mitteilten, nutzte R. diese Zeit offenbar, um sich ein neues Opfer zu suchen. Er soll am Freitag eine 13-Jährige missbraucht haben. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück spricht von einem "sehr schweren Vergehen, das weit über das Vorstellbare hinaus geht". Nach den Erkenntnissen der Ermittler meldete sich R. noch am Morgen danach für einen Zehn-Uhr-Termin bei der JVA Lingen, um den für den Freigang vorgeschriebenen Alkoholtest zu machen. Wohin R. danach verschwand, ist unklar. Seit Samstagmorgen fehlt von ihm jede Spur.

Die Staatsanwaltschaft Osnabrück vermutet den 51-Jährigen noch in Lingen. "Er hat kein Geld, keinen Ausweis, kein Fahrrad und saß die vergangenen zwölf Jahre im Gefängnis", sagt Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer. Er schätze R.s Kontaktnetz eher schwach ein, vielleicht habe der 51-Jährige noch Kontakte nach Norddeutschland. R. kommt gebürtig aus dem niedersächsischen Loxstedt.

Öffentliche Fahndung nach drei Tagen

Am Samstagabend meldete sich die 13-Jährige bei der Polizei. Die Strafermittler entschieden, nicht öffentlich nach dem Mann zu fahnden, um ihn in Sicherheit zu wiegen und abzufangen. Doch am Sonntagmorgen erschien R. nicht zum Zehn-Uhr-Test in der JVA und auch in den folgenden zwei Tagen blieb R. verschwunden.

Erst drei Tage nach dem mutmaßlichen Missbrauch des Mädchens fiel in der Nacht zum Dienstag nach Empfehlung der Zielfahnder die Entscheidung, R. öffentlich zur Fahndung auszuschreiben. Eine Verzögerung, die teilweise Entsetzen auslöste. Kritiker wie die niedersächsische CDU-Landtagsfraktion werfen der Grünen-Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz vor, die Bürger seien unnötig lange über den flüchtigen Kriminellen im Dunkeln gelassen worden. Und vor allem: Darf ein Sicherungsverwahrter einfach so Urlaub nehmen?

Nein, sagt das Justizministerium Niedersachsen. Aber auf Grundlage des niedersächsischen Sicherungsverwahrungsvollzugsgesetzes sei R. "zu therapeutischen Zwecken vom 28. Mai bis zum 1. Juni 2014 Langzeitausgang gewährt" worden. Zu den Auflagen gehörte laut einem Sprecher des Ministeriums, dass R. ein Handy bei sich trage, auf dem er ständig erreichbar ist. Außerdem musste er sich jeden Morgen bei der JVA Lingen melden, wo ein Alkoholtest durchgeführt wurde. Bislang sei der immer negativ ausgefallen, so der Sprecher. Außerdem habe sich R. bei den vorherigen 22 unbegleiteten Freigängen und den mehr als 200 begleiteten Kurz- und Langzeitausgängen tadellos verhalten.

Nicht reif genug

Das Justizministerium stützt sich auf ein Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG). Die Karlsruher Richter hatten das bestehende Gesetz 2011 für verfassungswidrig erklärt und eine Neuregelung verlangt. Künftig solle das "Abstandsgebot" eingehalten werden, also ein Unterschied zwischen Haft und Sicherungsverwahrung geschaffen werden. Dazu gehört eine besondere Unterbringung sowie ein freiheitsorientiertes und therapiegerichtetes Konzept.

So heißt es nun im niedersächsischen Sicherungsverwahrungsvollzugsgesetz, dass zwar durch die Maßnahme die Allgemeinheit geschützt werden solle - aber eben auch, dass der Mensch wieder auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden soll. Weiter heißt es, dass "vollzugsöffnende Maßnahmen" zu treffen seien.

Ob der Betroffene in dem Zustand ist, dass man ihm Freigang gewährleistet, entschieden in diesem Fall zwei Gutachter. R. befand sich dem letzten Gutachten von vor etwa einem halben Jahr zufolge in einem fortschrittlichen Stadium. Laut Justizministerium empfahlen die Gutachter, R. weiterhin die Freigänge zu erlauben. Allerdings sollte R. bislang nicht aus der Sicherheitsverwahrung entlassen werden - dafür sei er noch nicht reif gewesen, so ein Sprecher.

Derzeit sind etwa 40 Menschen in Niedersachsen in Sicherheitsverwahrung untergebracht. Ein Großteil davon sitzt in der nach dem Urteil des BVerfG errichteten Anstalt in Rosdorf bei Göttingen. R. saß jedoch weiter in der JVA Lingen - weil er dort seine Therapie begonnen hatte und diese nicht unterbrochen werden sollte.

Niewisch-Lennartz kündigte in einer Stellungnahme an, prüfen zu wollen, "ob diese Regelungen in der Praxis konsequent und richtig angewendet wurden". In dem konkreten Fall wolle sie zudem eine Untersuchung anordnen. Um zu klären, ob bei den Ermittlungen Fehler gemacht wurden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der gesuchte Mann komme gebürtig aus Hamburg-Lokstedt. Tatsächlich stammt er aus dem niedersächsischen Loxstedt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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