Silvesternacht in Hamburg "Ich habe mich komplett ausgeliefert gefühlt"

Griffe an den Po, aggressive Sprüche: Auch in Hamburg wurden Frauen in der Silvesternacht Opfer von Übergriffen - offenbar nicht nur auf dem Kiez. Betroffene und Augenzeugen berichten.

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Große Freiheit (Archivfoto): Eskalation in der Silvesternacht
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Große Freiheit (Archivfoto): Eskalation in der Silvesternacht


Lotta Müller* hat Angst. Angst, allein irgendwo hinzugehen. Die Auszubildende wollte mit der Bahn zu einer Freundin fahren. Es ging nicht, Müller brach panisch in Tränen aus - die Folgen ihrer Erlebnisse in der Silvesternacht, glaubt die 19-Jährige. "Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Todesangst", sagt sie über den Abend.

Müller hatte sich zum Feiern auf dem Hamburger Kiez schick gemacht: Kleid, hohe Schuhe. Die 19-Jährige und zwei Freundinnen pendelten an Reeperbahn und Großer Freiheit zwischen zwei Klubs: dem Noho und dem Superfly.

Mitternacht war schon lange vorbei, als sich die Freundinnen laut Müller auf den Weg ins Superfly machten. Gegen 2 Uhr wollten sie wieder zurück ins Noho. "Der Türsteher vom Superfly hat gesagt, das ist unser Tod, wenn wir jetzt auf die Straße gehen", sagt Müller. Draußen hätten viele Leute - vor allem Männer - aggressiv versucht, in Klubs zu kommen.

Die Freundinnen machten sich dennoch auf den Weg. Laut Müller tat sich in der Menschenmenge eine kleine Lücke auf. Die jungen Frauen liefen hinein - und wurden getrennt. "Ich war allein und auf einmal merkte ich, wie mich Männer angefasst haben", sagt Müller. Sie hätten ihr unter das Kleid gefasst, sie am Po begrapscht und an den Haaren gezogen. "20 bis 30 Männer standen um mich herum, keine Frau zu sehen", sagt Müller.

"Wenn eine Hand wegging, kam schon die nächste"

Sie habe versucht, die Hände wegzuschlagen, geweint, um Hilfe geschrien. "Aber wenn eine Hand wegging, kam schon die nächste. Ich habe mich komplett ausgeliefert und hilflos gefühlt."

Irgendwann sei sie zu Boden gefallen. Nur mit Mühe habe sie es geschafft, sich aufzurappeln und ins Noho zu gehen. Dort habe sie ihre Freundinnen getroffen, denen Ähnliches wiederfahren sei. "Die kamen komplett verstört an." Die Gruppe fuhr mit dem Taxi nach Hause. Müller geht davon aus, dass die Täter ausländischer Herkunft sind. Da noch keine Tatverdächtigen ermittelt sind, lässt sich das nicht beweisen.

Müllers Angaben im Detail nachzuprüfen, ist nicht möglich. In Hamburg und in Köln war die Lage in der Neujahrsnacht zu unübersichtlich. Das bereitet auch Ermittlern Schwierigkeiten.

Aber Müllers Schilderungen decken sich mit Aussagen weiterer Betroffener und Augenzeugen. Denn an der Reeperbahn gab es einige Übergriffe, bei denen Frauen umringt, am Po, an der Brust oder im Intimbereich angefasst und bestohlen wurden. Die Polizei prüft 27 entsprechende Anzeigen, zehn davon wegen sexueller Belästigung; die Ermittler sprechen von einem neuen Phänomen.

Am Neujahrstag erstatteten auch Müller und ihre Freundinnen Anzeige. Eine Täterbeschreibung könne sie nicht abgeben, sagte Müller. Der Fall liegt nun bei der Kripo. Vom Kiez hat die 19-Jährige erst mal genug. "Ich war eigentlich jedes Wochenende auf der Reeperbahn. Aber jetzt werde ich sie meiden."

"Dann hat er ihr an den Busen gefasst"

Auch auf Augenzeugen wirkten die Übergriffe verstörend. Peter Krill* war an Silvester auf dem Kiez, nachts gegen halb eins kam der Student mit zwei Kumpels zur Großen Freiheit, einer Seitenstraße der Reeperbahn. "Direkt am Anfang der Straße gab es Gedränge, man war komplett umringt von Leuten", sagt Krill. Vor ihm seien drei blonde Frauen gelaufen.

Ein Teenager, Krill schätzt ihn auf 15 oder 16, habe einer der Frauen an den Po gefasst. Die Betroffene habe sich umgedreht und den Grapscher angeschrien. "Dann hat er ihr an den Busen gefasst und sie hat ihm eine Ohrfeige gegeben. Da habe ich gedacht, scheiße, was, wenn der Typ jetzt zurückschlägt. Aber er hat sich nur aufgeplustert, die Frauen sind dann gegangen", sagt Krill.

Der 25-Jährige beobachtete nach eigenen Angaben vom Straßenrand aus innerhalb weniger Minuten drei vergleichbare Vorfälle. Frauen hätten sich empört schreiend und gestikulierend über Übergriffe beschwert und gegen Männer gewehrt. "Ich hatte das Gefühl, dass sich ein paar hundert Leute abgesprochen haben, heute gehen sie mal ausrasten", sagt Krill.

So etwas wie in der Silvesternacht habe er auf dem Kiez noch nicht erlebt. Und die Polizei? "Da waren ein paar Beamte, aber ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, dass die Herren der Lage sind. Dafür hätte man mit zweihundert Mann anrücken müssen."

"So krass wie in der Silvesternacht habe ich das noch nicht erlebt"

Wenn man Berichten mehrerer Frauen glauben mag, war der Kiez nicht der einzige Tatort. Auch am Jungfernstieg gab es demnach Übergriffe; am Dienstagnachmittag lag der Polizei dazu aber keine Anzeige vor.

Meike Schmidt* war mit einer Freundin am Jungfernstieg. Bis Mitternacht lief alles problemlos, sagt die 23-Jährige. Dann habe es ein Gedränge gegeben, als sich die Leute Richtung U-Bahnstation aufgemacht hätten. Fünf- oder sechsmal wurde Schmidt nach eigenen Angaben am Hintern begrapscht; ihre Freundin etwa ebenso oft. "In der Form habe ich das noch nicht erlebt", sagt Schmidt.

Ihr und ihrer Freundin sei aufgefallen, dass in der Menge extrem viele Männer südländischen Typs waren. Nach einem Übergriff habe sie gerufen: "Wenn mir jetzt noch mal jemand an den Arsch fasst, packe ich die Fäuste aus." Gebracht habe das nichts. "Man konnte nicht ausmachen, wer das war."

In der U-Bahn-Station habe sie sich sicherer gefühlt, auch wegen der Präsenz von Polizei und Security-Kräften. Dennoch habe sie die Situation als beklemmend empfunden, weil ständig Anmachen gekommen seien. Auf Antworten wie "Könnt ihr euch nicht mal benehmen?" sei man beschimpft worden: "Du Schlampe, halt's Maul!" Viele der Männer hätten bereits zufälligen Blickkontakt als Aufforderung genommen, aufdringlich zu werden. "So krass wie in der Silvesternacht habe ich das noch nicht erlebt." Schmidt hat entschieden, nur mit weiblicher Begleitung derartige Veranstaltungen künftig zu meiden.

* Name geändert

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