Silvester in Köln Irak oder Syrien - Hauptsache Nordafrika

Silvester twitterte die Polizei von "Nafris" am Kölner Hauptbahnhof, nun kommen Zweifel auf, ob es sich überhaupt um Menschen aus Nordafrika handelte. Der Fall zeigt: Die Polizei muss erst noch lernen, verantwortungsvoll mit den sozialen Medien umzugehen.

Polizeieinsatz vor dem Hauptbahnhof in Köln (Archivbild)
DPA

Polizeieinsatz vor dem Hauptbahnhof in Köln (Archivbild)

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Der Kölner Polizei waren nach der Silvesternacht 2015 Tatenlosigkeit und Verschweigen vorgeworfen worden - dieses Mal war alles anders. Rund 1700 Beamte waren im Einsatz, sie kontrollierten Hunderte junge Männer.

Entscheidend für die Auswahl der Männer sei deren Verhalten gewesen, so die Polizei, doch der Verdacht bleibt, das Aussehen könnte ebenso entscheidend gewesen sein. Und dann dieser Tweet: "Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft. Infos folgen."

Nun sind Infos gefolgt. Polizeivertreter gaben bekannt, dass es sich bei den Kontrollierten in der Mehrzahl womöglich nicht um Nordafrikaner handelte (im Beamtensprachgebrauch "Nafris"), sondern überwiegend um Männer aus dem Irak, aus Syrien und Afghanistan. Darauf weisen zumindest die Papiere der Kontrollierten hin.

Noch am 1. Januar sagte ein Polizeisprecher: "Wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht, das weiß man." Das weiß man? Grundsätzlich?

Die Polizei schiebt nun eilig hinterher, die Zahlen seien erst einmal vorläufig. Schließlich könnte es ja auch sein, dass einige der angeblichen Iraker, Syrer oder Afghanen in Wirklichkeit eben doch aus nordafrikanischen Staaten stammen und nur bei der Einreise ein falsches Herkunftsland angegeben hätten, um ihre Aussichten auf ein Bleiberecht zu verbessern. "Eine genaue Aussage lässt sich erst nach weiteren Ermittlungen klären."

Die zentrale Erkenntnis ist also: Es braucht mitunter einige Zeit, die Herkunft eines Menschen herauszufinden. Wenn man denn seriös vorgehen will.

Die Polizei kommuniziert heute viel mehr als noch vor wenigen Jahren direkt mit den Bürgern. Mit ihrem Engagement auf Twitter-Kanälen und Facebook-Seiten hat sie eine immense Verantwortung übernommen. Das zeigt sich insbesondere bei der Frage, ob und wie sie die Herkunft von Menschen thematisiert.

Es ist zweifelsfrei ein Erfolg, dass sich die massenweisen Übergriffe auf Frauen in dieser Silvesternacht nicht wiederholt haben. In einer ohnehin politisch aufgeladenen Situation jedoch sind vorschnelle Schlüsse und Blitzanalysen in 140 Zeichen Gift.

Die Polizei hatte sich im Nachhinein für den "Nafri"-Tweet entschuldigt. Das war der einzig richtige Schritt. Die erneut aufgeflammte Debatte über Menschen aus Nordafrika, den rassistischen Furor in rechten Kreisen, konnte das aber nicht mehr dämpfen.

Es bleibt als einziger noch verbliebener legitimer Grund für die massenhaften Kontrollen ausländisch aussehender Männer an diesem Silvesterabend: die Behauptung der Polizei, es sei Aggression von dieser Gruppe ausgegangen. Doch auch hier fehlen noch genauere Einordnungen. Sollte auch diese Beobachtung noch relativiert werden müssen, stünde die Polizei vor einem Scherbenhaufen.

insgesamt 138 Beiträge
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spiegelobild 13.01.2017
1.
Inzwischen werden auch Zahlen bekannt. Bei 2500 Überprüfungen hat die Polizei die Identität von 27% (674 Personen) überhaupt festgestellt, ohne zu wissen, ob die echt ist, da bekanntlich nicht wenige mehrere Identitäten haben. Die Nationalität wurde nur bei 425 (also 17%) festgestellt. Soweit die Zahlen, die ich der Presse entnommen habe. Und nur auf diese kleine Minderheitbeziehen sich die Erkenntnisse der Polizei. Mit anderen Worten, meiner Meinung nach hat die Polizei überhaupt keine Ahnung, wer da genau überprüft wurde. Und ob es ein großer Erfolg war, mag jeder anhand der Videos und Fotos selbst entscheiden. Wo kaum Frauen vorhanden sind (welche Frau ist da Silvester hingegangen?), kann es auch kaum sexuellen Übergriffe geben.
gelbesvomei 13.01.2017
2. Naja - ist halt eine Meinung ...
Tatsächlich ist bis heute (nach zwei Wochen Ermittlungsarbeit!) überhaupt erst bei 2/3 der überprüften Personen geklärt, welcher Nationalität sie denn nun waren. Bei einem Drittel weiß man eigentlich nichts. Das an sich ist schon arm. Ansonsten: Ja, ich muss dem Polizeisprecher rechtgeben. Auch ich erkenne einen Nordafrikaner in der Regel am Aussehen. Wenn Herr Neeb sich darum bemühen würde, gelänge ihm das auch - grundsätzlich ... auch wenn es beim ein oder anderen Einzelfall zu Abgrenzungsproblemen kommen kann. Und wie hoch nun der Anteil der Nordafrikaner ist, die sich wegen der besseren Chancen eine syrische, irakische oder afghanische Herkunft erfunden haben, darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Nachdem inzwischen das Phänomen der Mehrfachidentitäten als quasi flächendeckend erkannt werden musste (bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig stapeln sich z.B. die Ermittlungsakten wg. Sozialleistungsbetrug mittels Mehrfachidentitäten ...) habe ich da meine eigenen Vermutungen. Das hindert natürlich keinen SPON-Autor andere verwegene Thesen zu vertreten und künstlich mit Aufregungspotential aufzublasen. Der Klick heiligt die Mittel - ersetzt aber eben nicht Relevanz.
MünchenerKommentar 13.01.2017
3. Vertuschungstaktik
Halten wir mal fest: Die Polizei hat letztlich Menschen nur aufgrund ihrer ethnischen Herkunft festgehalten und kontrolliert, die anscheinend noch nicht mal die gleichen waren, die am letzten Silvester auffällig geworden sind, sondern die genau zu der Gruppe von Ausländern gehören, von der man in der Kriminalitätsstatistik überhaupt nichts auffälliges mitbekommt. Und das will sie erst nach zwei Wochen rausbekommen haben? Jeder der Polizisten, die da kontrolliert haben, muss schon nach dem 10. oder 20. den er kontrolliert hat, festgestellt haben, dass das überwiegend keine Tunesier, Marokkaner, etc. sind und spätestens dann wäre auch klar gewesen dass es nicht die gleiche Klientel wie letztes Jahr ist. Die Argumentation mit der "Aggresivität" halte ich für vorgeschoben: Jeder Polizist bezeichnet jemanden, der fragt "Warum?", wenn er nur durch eine bestimmte Tür im Bahnhof gehen darf als "aggressiv", das hat nichts mit dem normalen Gebrauch dieses Wortes zu tun.
federblatt 13.01.2017
4. Natürlich
kann jeder (Journalist) sofort Syrer, Afghanen, Marokkaner oder Tunesier auseinanderhalten und zweifelsfrei identifizieren ... mitten in der Nacht und im Tumult. Ich denke, "Nafri" ist einfach ein Arbeitsbegriff für die Polizei, um den längst nicht so ein Bohei gemacht werden sollte. Ich verstehe auch immer noch nicht, was an einer geographischen Zuordnung diskriminierend dein soll.
midnightswim 13.01.2017
5. Polizeiausbildung ändern
Und zwar schnell. So lange Chorgeist wichtiger als Denken ist, so lange wird es Fehler geben. Das ist kein Bashing gegen Polizisten, ich habe Respekt vor deren Leistungen, aber wenn man aufsteigen will, was mehr als legitim ist, darf man Strukturen nicht in Frage stellen. Und was hat die Polizei aus dem letzten Jahr gelernt? Wo ist die Kommunikation über die Änderungen. Bisher ist nur der Präsident der Kölner Polizei ausgetauscht worden. Der Polizei wird in Deutschland zu recht viel Macht gegeben. Ich gebe meine Freiheit dafür gern ab. Dafür erlange ich eine ständige Hinterfragung. Macht bedeutet Verantwortung. Und das muss man doch mal sagen dürfen!
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