Ermittlungen nach Silvester Enormer Einsatz, wenig Hoffnung

Mit gewaltigem Aufwand will die Kölner Polizei die Übergriffe der Silvesternacht aufarbeiten. Die Materialschlacht ist außergewöhnlich und zeigt vor allem eines: die politische Brisanz des Verfahrens.

Polizeieinheiten vor Kölner Hauptbahnhof: "Die bisherige Arbeit bleibt erst einmal liegen"
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Polizeieinheiten vor Kölner Hauptbahnhof: "Die bisherige Arbeit bleibt erst einmal liegen"

Von , Köln


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Die vermeintlichen Brüder Farouk und Abderahemane B. haben in den vergangenen Wochen vielfach mit der Polizei zu tun gehabt. Die Asylbewerber aus Algerien gerieten seit Ende November wegen einer Schlägerei, Taschendiebstahls und eines Autoaufbruchs in den Fokus der Ermittler. Doch erst ein in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof gestohlenes Handy brachte das Duo hinter Gitter. Das Gerät soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft während eines sexuellen Übergriffs auf eine 54-Jährige erbeutet worden sein. (Sehen Sie dazu hier den Bericht aus dem SPIEGEL TV MAGAZIN.)

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Heft 4/2016
Was Angela Merkel antreibt. Und wohin das führt.

Die angeblichen Geschwister B. - die Ermittler sind eher skeptisch, was die behauptete Verwandtschaft anbelangt - sind die ersten der derzeit etwa 30 Verdächtigen, die mit den Attacken auf Frauen zumindest in einen Zusammenhang gebracht werden können. Überführt sind sie damit noch lange nicht. Aber immerhin haben die Ermittler einen Ansatz. "Wir hoffen, dass wir uns auch über die Aussagen von Verdächtigen weiter vorarbeiten können", sagt ein Beamter.

Mit einem beispiellosen Einsatz von Personal und Material versucht die Kölner Polizei derzeit, die Silvesternacht aufzuarbeiten. Selten zuvor sind in Deutschland Sexualstraftaten mit derart großem Aufwand verfolgt worden.

Die Ausputzer

In der Ermittlungskommission "Neujahr" unter Leitung der stellvertretenden Kölner Kripo-Chefin arbeiten 120 Beamte, das sind noch einmal ein Drittel mehr als nach der Love-Parade-Katastrophe 2010 mit 21 Toten und Hunderten Verletzten. Auch damals oblagen die polizeilichen Ermittlungen der Kölner Polizei.

Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende im Bund Deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler, macht die Dimension klar: "Jeder zehnte Kölner Kriminalbeamte ist jetzt mit den Taten der Neujahrsnacht befasst. Und die bisherige Arbeit der Kollegen bleibt daher erst einmal liegen." Die Fahnder seien aus sämtlichen Kommissariaten der Kripo zusammengezogen worden, so Fiedler.

Der gewaltige Einsatz auf der einen Seite und die geringen Erfolgsaussichten auf der anderen sorgen in der größten Polizeibehörde Nordrhein-Westfalens für Unmut. Viele Beamte des Kölner Präsidiums fühlen sich als Ausputzer, aus politischen Erwägungen heraus beauftragt, einer eher symbolisch wirkenden Order zu folgen.

Der politische Druck könnte tatsächlich kaum größer sein: Fast alle Verdächtigen sind Flüchtlinge. Die Vorfälle in Köln haben die Debatte extrem erhitzt - und wurden weltweit als Anlass genommen, die Politik von Angela Merkel (CDU) anzugreifen.

Die Erwartungen an die Ermittler formulierte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), als er forderte, alle Täter müssten "konsequent ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden".

Heute unkt ein Beamter: "Wir geben hier wirklich alles und am Ende werden - wenn überhaupt - ein paar Bewährungsstrafen verhängt."

Viereckige Ermittleraugen

Zunächst müssen die Ermittler erst einmal die mehr als tausend Menschen anhören, die sagen, in der Silvesternacht in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs Opfer einer Straftat geworden zu sein. Bei fast 500 von ihnen geht es um Sexualdelikte. Hinzu kommt nach Einschätzung von Fachleuten die Vernehmung vermutlich Tausender Zeugen. Dabei "sollen mehrere Bilder (Farbfotos in guter Qualität) mit der getragenen Kleidung in der Silvesternacht gefertigt werden", heißt es in einer Meldung der Ermittlungskommission. Das erleichtere dann die gesamte Videoauswertung.

Bislang liegen den Beamten 313 Filme und Bilder vor, die mithilfe besonders geschulter Beamter ausgewertet werden sollen. Dazu setzt die Kölner Polizei nach eigenen Angaben auch sogenannte Super Recognizer ein. Es handelt sich dabei um Spezialisten, die sich das Bild einer Person intensiv einprägen könnten. Das im Gedächtnis abgespeicherte Gesicht lasse sich dann mit Videoaufzeichnungen größerer Menschenmengen abgleichen, so die Polizei.

Die Ermittler sichten auf diese Weise sowohl Aufnahmen von Überwachungskameras als auch zahllose wackelige Handyvideos. "Wir kriegen hier langsam viereckige Augen", sagt ein Kriminalist. Ein Problem in der Praxis ist seiner Schilderung zufolge, dass die Zeitstempel der Filme häufig nicht übereinstimmen. Daraus entsteht eine hohe Unsicherheit, wann genau welche Aufnahmen gemacht worden sind. Wo die Bilder entstanden sind, ist ohnehin häufig nicht so leicht zu sagen.

Grenzen des Rechtsstaats

Auch die Funkzelle um den Kölner Hauptbahnhof bereitet den Ermittlern Kopfzerbrechen. Nach Angaben des NRW-Justizministeriums haben die Beamten 1,6 Millionen Datensätze erhoben, deren Auswertung ihre technischen Möglichkeiten vollkommen übersteigt. Die Kriminalisten wollen sich daher zunächst auf einige Hundert Nummern konzentrieren, deren Anschlussinhaber sie festzustellen haben.

Auch die Aussagen von Zeugen und Opfern helfen vielfach nicht weiter. "Sie haben große Probleme, Tatverdächtige zu identifizieren", sagte Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers bereits Anfang Januar. Die Straftaten seien aus Gruppen heraus begangen worden, sodass auch den Betroffenen nicht immer klar gewesen sei, wer ihnen was angetan habe. "Wahrscheinlich wollten die Opfer möglichst schnell der Situation entkommen", mutmaßte Albers. Bislang sind die Probleme kaum kleiner geworden.

Fachleute halten es tatsächlich für nicht sehr wahrscheinlich, dass der enormen Zahl von Strafanzeigen auch eine ebenso hohe Zahl von Urteilen folgen wird. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Köln sagte, es sei bislang schwierig, einzelne Taten konkreten Personen zuzuordnen. Der Rechtsstaat stoße an seine Grenzen, "was die Aufklärung angeht", so Ulrich Bremer.

Und selbst wenn es dann doch einmal gelingt, Verdächtige zu identifizieren, ist das Verfahren damit noch lange nicht vorbei. Issam D., der in der Silvesternacht einen Wisch mit anzüglichen Sprüchen bei sich trug, sagte Reportern von SPIEGEL TV: "Ich habe den Zettel auf dem Boden gefunden. Die Polizei hat mich dann kontrolliert und ihn in meiner Tasche entdeckt."

Das ist seine Geschichte. Jede andere müsste man ihm beweisen.


Zusammengefasst: Die Kölner Polizei ermittelt nach den Übergriffen in der Silvesternacht mit enormem Aufwand: Jeder zehnte Kölner Kriminalbeamte ist nach Gewerkschaftsangaben damit derzeit befasst. Dabei sind die Erfolgsaussichten bescheiden. Tatverdächtige können nur schwer identifiziert und wahrscheinlich selten überführt werden. Doch der politische Druck ist so groß, dass die Frage nach Aufwand und Ertrag derzeit keine Rolle spielt.

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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