Kölner Silvesterkontrollen Was bitteschön ist ein "Nafri"?

In der Silvesternacht hat die Kölner Polizei Hunderte Männer kontrolliert, die "nordafrikanisch" ausgesehen haben sollen. Die Behörde nannte sie "Nafris". Nun wehrt sich die Polizei gegen Rassismusvorwürfe.

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Die meisten Kölner konnten dieses Mal offenbar unbeschwert in das neue Jahr feiern, zumindest, wenn sie in den Augen der Polizei keine verdächtige Herkunft hatten. Bilder aus der Silvesternacht zeigen Hunderte junge Männer, die von Beamten auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof eingekreist wurden - weil sie nach Angaben der Polizei zu einer bestimmten "Klientel" gehörten.

In der vergangenen Nacht hielt die Polizei am Hauptbahnhof und am Bahnhof Köln-Deutz präventiv rund 650 Männer auf, um ihre Personalien festzustellen. Männer, die für die Polizei augenscheinlich aus Nordafrika stammten - und die bei den Beamten offenbar pauschal unter einem Begriff zusammengefasst werden.

Auf Twitter hatte die Behörde in der Nacht gemeldet: "Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft. Infos folgen."

Die Kölner Polizei war sich anscheinend der besonderen Aufmerksamkeit in diesem Jahr bewusst. Im vergangenen Jahr waren besonders in der Domstadt Hunderte Frauen belästigt worden - und hatten angegeben, die Täter hätten "nordafrikanisch" ausgesehen. Nun nutzte die Kölner Polizei in den Augen von Kritikern diesen Stereotyp augenscheinlich für die Prävention möglicher Straftaten.

Gegen den Vorwurf des "racial profiling" setzte sich Kölns Polizeipräsident Jürgen Mathies bei einer Pressekonferenz zur Wehr. Gemeinsam mit seinem Kollegen Wolfgang Wurm von der Bundespolizei sagte Mathies, der Entschluss zur Überprüfung der Männer sei gefällt worden, weil größere und kleinere Gruppen von "fahndungsrelevanten Personen" auf dem Weg ins Rheinland gewesen seien.

Die Größe der Gruppe habe sich auf rund zweitausend Personen belaufen, mindestens tausend seien in Köln zu Silvester angekommen. Von diesen seien dann 650 überprüft worden, weil eine Grundaggressivität geherrscht habe, die Anlass zur Sorge gegeben habe. 98 Prozent seien demnach Menschen aus Nordafrika gewesen.

"Ich will eins betonen, weil es unter anderem in den sozialen Netzwerk kritische Stimmen zum sogenannten "racial profiling" gab", sagte Mathies. "Ich weise die negative Kritik, die damit verbunden ist, zurück. Es geht hier darum, konsequent zu verhindern, dass es noch mal zu vergleichbaren Ereignissen kommt wie im letzten Jahr."

Auf Twitter hatte sich eine hitzige Debatte über Vorverurteilung, rassistischen Sprachgebrauch und eine Überreaktion der Polizei entwickelt.

Unklarheit herrscht vor allem darüber, ob der Begriff "Nafris" die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe oder darüber hinausgehend auch eine Straffälligkeit beschreiben soll - und warum die Polizei ihn jetzt so freimütig verwendet.

"Das Wort 'Nafri' bezeichnet generell Personen, die dem nordafrikanischen Spektrum zugeordnet werden", sagte ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE. Die Bezeichnung sei schon lange vor dem 1. Januar 2016 in Gebrauch gewesen, ein polizeiinterner Begriff, der "eine spezielle Klientel" beschreibe.

"Die Kategorisierung hat sich hier in Köln im vergangenen Jahr auch in der öffentlichen Sprache eingebürgert", sagte der Sprecher. Grund dafür sei die Veröffentlichung interner Dokumente nach den Übergriffen in der Silvesternacht 2015 gewesen. Daraufhin hätten Lokal- und Boulevardmedien das Wort aufgegriffen, um mit ihm die mutmaßlichen Täter zu beschreiben.

"Menschen eines bestimmten Phänotyps"

In öffentlichen Mitteilungen, wie einer Polizeimeldung, werde man einen Begriff wie "Nafri" auch nicht finden, sagte der Sprecher. "Auf Twitter wurde er nur benutzt, um Zeichen zu sparen."

"Dieser Begriff ist frei jeder Wertung", sagte der Sprecher. Er beschreibe auch nur generell "Menschen eines bestimmten Phänotyps", wobei in der Gruppe der "Nafris" auch Intensivtäter vorkommen würden. Die Bezeichnung würde aber explizit nicht nur Straftäter, sondern generell Menschen dieser bestimmten Abstammung beschreiben.

Was genau einen Menschen zum potenziellen "Nafri" macht, ob es die Hautfarbe, Frisur oder Kleidung sei, das wollte der Sprecher nicht sagen, ergänzte jedoch: "Wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht, das weiß man."

Einen vergleichbaren Begriff für andere ethnische Gruppen gebe es seines Wissens nach nicht, von "RuBu" abgesehen. Dieser Begriff werde intern bei Fahndungen für rumänisch- oder bulgarischstämmige Menschen verwendet.

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