Silvester-Übergriffe in Hamburg Die Retter vom Kiez

Ein Türsteher und ein Flüchtling schützten an Silvester Miriam B. vor grapschenden Männern. So verhinderten sie weitere Übergriffe, sagt die junge Frau - und fragt sich: Wer waren ihre Retter?

Große Freiheit (Archivfoto): Hunderte Anzeigen nach Übergriffen in Silvesternacht
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Große Freiheit (Archivfoto): Hunderte Anzeigen nach Übergriffen in Silvesternacht

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Die Grapschereien, die hämischen Lacher, das Gefühl, wehrlos ausgeliefert zu sein: Als Miriam B.* am Neujahrsmorgen im Hotelzimmer war, empfand sie Ekel und Wut. Ekel, weil sie und eine Freundin in der Silvesternacht auf dem Hamburger Kiez belästigt worden waren. Wut, weil die Täter so dreist gewesen waren und die jungen Frauen wie Objekte behandelt hatten.

B. empfand aber auch Dankbarkeit. Denn im Gegensatz zu Hunderten anderen Opfern waren sie schließlich geschützt worden. Nicht durch die Polizei, stundenlang hatte sie keinen Beamten gesehen. Sondern, so erzählt es die 23-Jährige, durch einen Türsteher und einen Mann, der sich als Flüchtling aus Syrien vorstellte.

"Ich schreibe es diesem Mann und dem Türsteher zu, dass wir dann in Ruhe gelassen wurden", sagt B. Es ist schwierig, ihre Aussagen im Detail nachzuprüfen - die Ermittlungen zu den Übergriffen stellen auch Ermittler vor große Probleme. Aber was B. erzählt, stimmt mit Aussagen weiterer Betroffener und Augenzeugen überein.

B. geht mit ihrer Geschichte auch an die Öffentlichkeit, weil sie und ihre Eltern sich gerne persönlich bei den Helfern bedanken würden. "Es ist eine ganz große Leistung, sich in so einer Situation für Fremde einzusetzen, das finde ich bewundernswert", sagt Vater Jörg B.*

Die Familie hofft, dass sich die beiden Helfer melden. Miriam B. sagt, in der Silvesternacht sei sie so schockiert gewesen, dass sie sich weder nach den Namen der Männer erkundigt noch bei ihnen bedankt habe. Das bereue sie sehr.

Die 23-Jährige und ihre ein Jahr jüngere Freundin waren aus Baden-Württemberg über Silvester ein paar Tage nach Hamburg gefahren, ein Vergnügungstrip.

"Am Po. Im Schritt. An den Brüsten."

In der Neujahrsnacht entschieden sie sich, zur Großen Freiheit zu gehen. "Als wir am Beatles-Platz angekommen sind, haben wir die Menschenmassen gesehen, auf den ersten Blick 80 Prozent Männer", sagt B. Sie hätten sich zu spät entschlossen, nicht weiterzugehen. "In dem Moment waren aber schon so viele Leute hinter uns, dass wir einfach mit reingezogen wurden."

Nach wenigen Metern wurde B.s Freundin zum ersten Mal begrapscht. "Ich habe ihr gesagt: 'Komm, es gibt immer ein paar Idioten. Mach dir nichts draus, wir gehen einfach weiter.' Ich hatte es kaum ausgesprochen, da hatte ich auch schon überall Hände am Körper, ich kann gar nicht sagen, wie viele gleichzeitig", sagt B. "Am Po. Im Schritt. An den Brüsten." Sie sei gottfroh gewesen, dass sie keine hohen Schuhe oder kurze Kleidung getragen habe.

Nach einer Viertelstunde der Übergriffe hörte B. ihre Freundin rufen: "Miri, wir müssen jetzt wirklich hier raus." Die jungen Frauen retteten sich an den Straßenrand in den Eingangsbereich eines Klubs, wo sie etwa zwei Stunden lang standen, ehe sie Richtung Hotel flüchten konnten. B. versuchte, ihre weinende Freundin zu beruhigen.

"Ich dachte, das sei nur uns passiert, weil wir in eine Gruppe Idioten reingeraten waren", sagt B. Ein Irrtum, merkte sie, als sie die Menschen auf der Straße beobachtete. "Alle Frauen haben geschrien oder geweint und waren total entsetzt." Bis hierhin decken sich B.s Erlebnisse mit denen anderer Frauen. Doch dort, neben dem Klub, fanden die zwei Touristinnen, was vielen Betroffenen verwehrt blieb: Hilfe.

"Er hat sich vor uns gestellt, damit wir geschützt waren"

"Der Türsteher hat einen der Männer, die uns begrapschen wollten, festgehalten, angeschrien und mitten ins Gesicht geschlagen. Ich glaube, etwas anderes hätte in dem Moment auch nicht mehr geholfen." Danach habe der Türsteher andere Männer angebrüllt und verscheucht, sobald sie stehen geblieben seien, sagt B. "Dadurch hat er uns beschützt."

Irgendwann sei ein etwa 50 Jahre alter Mann auf sie zugekommen, sagt B. Er sah aus wie die Männer, die übergriffig geworden waren, dunkle Haare, dunkle Augen, dunkler Hauttyp, "alle mit Migrationshintergrund", sagt B. Sie dachte: Da kommt der nächste Grapscher.

Heute weiß die 23-Jährige: Da kam ihr Beschützer. "Er war die ganze Zeit bei uns. Sobald irgendwelche Männer kamen, hat er sich vor uns gestellt, die Arme ausgebreitet, damit wir geschützt waren. Das rechne ich ihm hoch an."

Laut B. sagte der Mann in gebrochenem Englisch, er sei vier Wochen zuvor aus Syrien nach Deutschland gekommen. Er und die jungen Frauen beobachteten, wie Männergruppen zusammenstanden, sich besprachen und dann gezielt auf einzelne Frauen zugingen und sie überall anfassten. Das führte B. ihre Verletzlichkeit vor Augen. "In dem Moment ist mir klar geworden, wie hilflos man eigentlich ist. Es reichen schon zwei Männer. Wenn die einen anfassen und festhalten, hat man keine Chance."

Was die Tochter nach ihrer Rückkehr aus Hamburg erzählte, fand Vater Jörg B. beängstigend. "Man fragt sich: Ist die Polizei in solchen Situationen einsatzbereit?"

Miriam B. hat Anzeige erstattet, genauso wie ihre Freundin. Insgesamt sind bei der Hamburger Polizei - Stand Ende Januar - 236 Anzeigen eingegangen, 189 ausschließlich wegen sexueller Übergriffe, 44 zusätzlich wegen Diebstahls, Raubes oder Körperverletzung. Als B. zur Polizei ging, tat sie das mehr aus Prinzip. Auf ihre Frage nach den Erfolgsaussichten hatten die Beamten nur eine deprimierende Antwort. Es werde schwierig, die Täter zu fassen.

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