Schüsse auf 16-jährigen Einbrecher Zu hoch geschossen

Ernst B. erschoss einen Jugendlichen, der ihn ausrauben wollte. Jetzt hat das Landgericht Stade den 81-Jährigen wegen Totschlags verurteilt. Sein Fall taugt zum Stoff für juristische Lehrbücher.

Von , Stade

Rentner Ernst B. im Landgericht Stade: Zu hoch gezielt
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Rentner Ernst B. im Landgericht Stade: Zu hoch gezielt


Als Ernst B. wegen seines tödlichen Schusses auf Labinot S. verurteilt wird, sind im Saal 209 des Stader Landgerichts nur drei Dinge zu hören: Die Stimme des Vorsitzenden Richters Berend Appelkamp, das Schluchzen der Mutter des Getöteten und das Flüstern der Dolmetscherin, die für die Frau übersetzt.

Vom Angeklagten: kein Ton, kaum eine Regung. Der 81-Jährige starrt nur in sich zusammengesunken auf den Boden, der Kopf auf Höhe der Tischplatte. Während der gesamten Sitzung blickt er nicht auf, stützt den Kopf auf die Handflächen oder die Fäuste, die auf dem Tisch liegen. Er versteht auch so, dass das Gericht ihn des Totschlags in einem minderschweren Fall für schuldig erachtet und zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten verurteilt, ausgesetzt zur Bewährung, zwei Jahre Bewährungsfrist.

Als er Labinot S. erschoss, war B. 77 Jahre alt. Jetzt ist er 81 und ein gebrochener Mann. Das Urteil gegen ihn markiert das vorläufige Ende eines jahrelangen juristischen Hickhacks. Schon jetzt ist das Verfahren ein Fall für juristische Lehrbücher.

Räuber hofften auf Coup

Die Kammer musste darüber befinden, ob der wohlhabende Rentner, ein erfahrener Jäger, in Notwehr handelte, als er den 16-Jährigen erschoss. Die speziellen Umstände des Todes von Labinot S., ein Kind von Flüchtlingen aus dem Kosovo, machen es sehr schwer, dem Fall mit den Mitteln des Strafrechts gerecht zu werden.

Arm versus reich, Integration, Jugendkriminalität, Selbstjustiz - der Fall berührt viele Reizthemen. Deshalb bekam er in der Öffentlichkeit so viel Aufmerksamkeit. Und deshalb klingt es wie eine vorsorgliche Absicherung gegen Kritiker, wenn Richter Appelkamp sagt, für Laien sei die juristische Würdigung vielleicht nur schwer zu verstehen. Denn das Urteil überrascht viele Beobachter, hatte doch selbst die Staatsanwaltschaft einen Freispruch gefordert.

Wer verstehen will, weshalb die Kammer anders entschied, muss zurückgehen an den Abend des 13. Dezember 2010. Es liegen gut zehn Zentimeter Schnee, als B. am Abend - nach einer Knie-OP an Krücken - auf den Hof seines großzügigen Anwesens in Sittensen geht, um seinen Hund zu füttern. Fünf junge Männer, darunter auch Labinot S., überwältigen den Rentner und zerren ihn ins Haus. Dort halten sie ihn auf einem Stuhl fest, halten ihm eine täuschend echt aussehende Pistole an die Schläfe und würgen ihn mit einem Schal.

Zwei Bewacher bleiben bei B., drei suchen im Haus nach den vermeintlichen Millionen, von denen ihnen eine Tippgeberin erzählt hatte. Die Frau war mit einer Prostituierten befreundet, der B. einen Mercedes, mehrere Schönheits-OPs und eine Wohnung spendiert hatte. Bei einem gemeinsamen Besuch hatte die Tippgeberin das Haus von innen gefilmt, während B. und die Prostituierte im Obergeschoss waren. Diese Aufnahmen dienen den Raubtätern als Grundlage für ihren Beutezug.

Allein, es wird nichts mit dem erhofften großen Coup. Die Ausbeute ist vergleichsweise mickrig. B.s Brieftasche mit gut 2000 Euro, eine Halskette, eine Uhr. Als die Täter versuchen, einen Tresor zu öffnen, lösen sie die Alarmanlage aus - der Moment, in dem sich "das Blatt wendet", wie der Richter sagt.

Schüsse in Todesangst

Die fünf Eindringlinge bekommen Panik, wollen fliehen. Weil die Haustür verschlossen ist, quetschen sie sich durch einen Schlitz in der Terrassentür, einer nach dem anderen. Auf Ernst B. achten sie nicht mehr.

Der Rentner hat inzwischen eine Pistole in der Hand. Seit er vor Jahren Opfer einer Erpressung wurde, hat er immer zwei geladene Waffen im Haus. Mit der SIG Sauer Kaliber 9 mm in der Hand glaubt er, einen Schuss zu hören und wähnt sich in höchster Gefahr. Ernst B. denkt, dass er nun selbst schießen dürfe. Labinot S., sagt der Vorsitzende Richter, "wird in diesem Moment vom Täter auch zum Opfer". Und Ernst B. vom Opfer auch zum Täter.

Zwei Schüsse gibt B. in Richtung der Flüchtenden ab, nach einer kurzen Pause zwei weitere. Kugel Nummer drei trifft Labinot S. in 125 Zentimetern Höhe in den Rücken, zerfetzt die Hauptschlagader. Der 16-Jährige fällt bäuchlings zu Boden, zwei Meter von der Terrassentür entfernt. Wenige Minuten später ist er tot. Als die Polizei B. im Haus findet, murmelt er immer wieder auf Plattdeutsch vor sich hin: "Ick hev keen Mensch watt doon." Da liegt Labinot S. noch tot auf der Terrasse. Die vier anderen Eindringlinge flüchten, stellen sich später und werden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

B. befand sich laut Gericht bei den Schüssen in einem "nicht ausschließbaren Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit". Labinot S. hatte die Brieftasche des Rentners bei sich, doch der ehemalige Bestattungsunternehmer schoss laut Gericht nicht, um sich sein Eigentum wiederzubeschaffen - er hatte Todesangst.

Aber B. gab die Schüsse eben auch bewusst ab, nahm den Tod eines Raubtäters billigend in Kauf. Schließlich kenne das deutsche Recht keine "Stand Your Ground"-Gesetze wie manche US-Bundesstaaten, sagt Richter Appelkamp. B. sah, dass die fünf Männer flüchteten. Er versuchte nicht, lebenswichtige Körperregionen zu verschonen. Schussspuren zeigen, dass alle Kugeln über Hüfthöhe einschlugen, ein Sachverständiger sprach von einem "kompakten Trefferbild".

"Wir sind im Ergebnis zufrieden"

Immer wieder betont das Gericht ein zentrales Wort: "Erforderlichkeit". War es erforderlich, so zu schießen, wie B. es tat? Oder hätte es mildere Maßnahmen gegeben? Die Kammer bejaht die zweite Frage. Der Rentner habe keine Warnung ausgesprochen, keinen Warnschuss abgegeben. Er habe nicht auf die Beine gezielt, sondern gleich zur "Ultima Ratio" gegriffen, dem lebensgefährlichen Schuss. Wer geladene Waffen im Haus habe, so Richter Appelkamp, müsse sich auch damit auseinandersetzen, wann und wie man sie benutzen dürfe.

So überschritt Ernst B. die Grenzen der Notwehr, als er in der Dezembernacht vor fast vier Jahren die Schüsse abgab. Ernst B. bedauert den Tod des 16-Jährigen; er selbst ist seit der Tat körperlich und psychisch am Ende.

Ob er es sich da zumuten will, in Revision zu gehen? Die Bewährungsauflagen - B. muss sich melden, sollte er den Wohnort wechseln - sind milde. "Ganz bewusst" habe man nur diese Maßnahme gewählt, sagt der Vorsitzende. Ernst B.s Verteidiger lassen unmittelbar nach dem Urteil wissen, dass man derzeit nichts ausschließe, also auch eine weitere Runde vor Gericht nicht. Doch erst wolle man sich mit B. beraten.

Für die Familie von Labinot S. ist das Urteil dagegen ein Erfolg. Nur wegen ihrer Beschwerden kam es überhaupt zum Prozess. Die Angehörigen legten Beschwerde gegen die Entscheidung der Staatsanwaltschaft ein, die Ermittlungen einzustellen - so war es zur Anklage gekommen. "Wir sind im Ergebnis zufrieden", sagt Christian Joachim, ein Anwalt der Familie. "Wir haben vier Jahre für eine Verurteilung gekämpft."

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