Prozess um Billig-Implantate Gefängnis für den Silikon-Panscher

Claude Mas war Wurstverkäufer und Kaufmann, dann machte er in Silikon. Er verwendete billige Industriestoffe für seine Implantate - die Tausenden Frauen eingesetzt wurden. Jetzt hat ein Gericht den Franzosen verurteilt. Für die Betroffenen ist das nur ein schwacher Trost.

Von Annika Joeres


Marseille - Nach monatelangem Bangen trägt Alexandra Blachère heute ein Lächeln auf den Lippen. "Ich bin erleichtert. Immerhin wandert Jean-Claude Mas ins Gefängnis", sagt Blachère. Mit ihr dürften sich weltweit mindestens 300.000 Frauen freuen. So viele tragen oder trugen die gepanschten Brustimplantate namens PIP des Franzosen Mas. Am Dienstagmorgen wurde Mas von einem Gericht in Marseille zu vier Jahren Haft verurteilt.

"Mas hat viele Leben auf dem Gewissen und Frauen ins Unglück gestürzt. Mit dem Urteil wird endlich klar: Er ist ein eiskalter Täter, er ist schuldig." Blachère hat ihre fehlerhaften Brustimplantate in einer aufwendigen Operation entfernen lassen, nachdem sie vor drei Jahren im Fernsehen eine Reportage über eine verstorbene PIP-Trägerin sah. Damals häuften sich Berichte über gerissene PIP-Prothesen, die französische Justiz leitete Ermittlungen ein. Blachère gründete eine Opferinitiative und saß schließlich in diesem Frühjahr mit Hunderten Nebenklägerinnen im improvisierten Gerichtssaal. In Marseille hatte man kurzerhand ein riesiges Kongresszentrum am Rande der Stadt umfunktioniert.

Während draußen schon zu Prozessbeginn im März Hunderte wütende PIP-Opfer aus aller Welt Mas ausbuhten und als "Frauenfeind" und "Verbrecher" beschimpften, zeigte sich der Rentner während des Prozesses und auch der Urteilsverkündung unbeeindruckt vom Geschehen. Von seiner Anklagebank aus schaute er ins Leere, während verzweifelte Frauen unter Tränen aussagten und über ihr Leben mit den "tickenden Zeitbomben in ihrer Brust" berichteten.

"Extrem erstaunt" über das harte Urteil

Bei seinen Vernehmungen bezeichnete er die Opfer als "schwache Frauen" und "Heulsusen". Nach der gerichtlichen Entscheidung ließ er über seinen Anwalt lediglich mitteilen, er sei "extrem erstaunt" über das harte Urteil und werde dagegen vorgehen.

Mas war ein gerissener Krimineller, ein früherer Wurstverkäufer und Kaufmann, der offenbar ohne Skrupel handelte. Der Mann mit der Halbglatze, der biederen Kleidung und der zu großen Brille füllte in die Kissen einfaches Industriesilikon, das nie für den Körper von Menschen getestet und gedacht worden war. Kunden überzeugte er gerne, indem er auf seinem Firmengelände im BMW mit Vollgas über eine Palette Implantate raste und feixte, dass sie niemals rissen. Lasche Kontrollen machten es dem Südfranzosen leicht. "Medizinprodukte", zu denen Implantate zählen, werden weitaus oberflächlicher geprüft als Arzneimittel.

Ob Patientinnen künftig besser geschützt sind? Immerhin haben sich SPD und Union bei ihren Koalitionsverhandlungen auf ein Register von Implantaten geeinigt, um gehäuft auftretende Krankheiten oder Komplikationen aufdecken zu können. Und auch die EU-Gesundheitskommission rief die Mitgliedstaaten dazu auf, künftig unangemeldet die Hersteller von Implantaten zu kontrollieren.

Denn Jean-Claude Mas wusste immer zwei Monate im Voraus, wann die TÜV-Prüfer bei ihm auftauchen würden. Genug Zeit, um seine ausgefeilte Maskerade aufzubauen: Mitarbeiter schoben einen Tag vorher die falschen Silikonkissen in Containern in eine dazu angemietete Halle. Für den Besuchstag wurde das zulässige Gel namens "Nusil" in die Produktionsmaschinen geschickt. Sobald der TÜV wieder erfolgreich getäuscht abreiste, stießen die Vorgesetzten mit Champagner auf ihren Erfolg an - so berichtete es die Hygiene-Leiterin während des Prozesses.

Kaum Daten über Nebenwirkungen oder Folgen von Implantaten

Aber Trägerinnen von Implantaten, darunter auch viele Brustkrebspatientinnen, können immer noch nicht aufatmen. Die Europäische Gesundheitskommission stellte in ihrem 90-seitigen PIP-Bericht in diesem September fest, dass es kaum Daten über Nebenwirkungen oder Folgen von Implantaten jeder Art gibt. Daher sei es auch schwierig, die gesundheitlichen Folgen des PIP-Skandals mit anderen Implantaten zu vergleichen.

Ein weiterer Risikofaktor sind die plastischen Chirurgen selbst. Während des Prozesses haben viele Frauen ausgesagt, kaum über generelle Risiken der Operation aufgeklärt worden zu sein. Die Verbände französischer und deutscher plastischer Chirurgen haben zwar inzwischen strengere Kontrollen gefordert. Dass sie selbst als operierende Ärzte ihre Produkte wählen und daher auch mitverantwortlich sind, räumen die Mediziner hingegen nicht ein. Viele Frauen in Marseille wollen daher gegen ihre behandelnden Ärzte vorgehen, einige Französinnen haben schon Klage eingereicht.

Für die Opfer und auch den deutschen TÜV ist der Skandal längst nicht vorbei. Der TÜV saß in Marseille als Nebenkläger vor dem Tribunal - und in anderen Gerichten zugleich schon auf der Anklagebank. "Der Verein wäscht seine Hände in Unschuld, aber bei einer gewissenhaften Prüfung hätte er den Pfusch merken müssen", sagt Blachère.

Im November hatte ein Gericht im südfranzösischen Toulon festgestellt, der TÜV Rheinland habe seine "Pflicht zur Kontrolle" verletzt und müsse Importeure sowie Opfer entschädigen. Der TÜV legte Berufung ein, Hunderte Klagen sind noch anhängig. "Heute wurde der Betrüger Mas verurteilt", sagt Alexandra Blachère. "Jetzt muss das gesamte System aufgerollt werden."

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