Skandal um Psychodoktor in Berlin Tod in der Therapiesitzung

Ein Berliner Arzt verabreichte seinen Patienten auf einer dubiosen Psychositzung Drogen - und verrechnete sich offenbar bei der Dosis. Zwei Menschen starben, einer fiel ins Koma. In seiner ersten Vernehmung durch die Polizei machte der Therapeut nun Angaben zu den Rauschmitteln.

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Berlin - Ein Mann lädt ein Dutzend Menschen in sein Haus im Berliner Stadtteil Hermsdorf ein. Es ist Wochenende, ein Samstag, die Gäste haben Zeit mitgebracht. Jede Menge Zeit, denn sie wollen gemeinsam ein Experiment starten. Der Gastgeber, ein aus Usbekistan stammender Mediziner namens Garri R., hat zu einer "psycholytischen Therapiesitzung" gebeten, einer Art Selbstfindungstrip unter Einnahme psychoaktiver Substanzen.

Vermutlich sitzen alle Teilnehmer im Kreis, trinken aus einem Kelch oder teilen sich eine Spritze, vermutlich vertut sich der Arzt mit der Dosis oder der Mischung der Drogen. Verrechnet sich womöglich so fatal, dass zwei Menschen sterben und ein weiterer ins Koma fällt, mehrere andere im Krankenhaus landen.

Zu dem Wenigen, was aus Ermittlerkreisen über den aufsehenerregenden Fall bisher bekannt ist, gehört die Einschätzung, dass Garri R. nicht vorsätzlich handelte. Man geht also von Fahrlässigkeit statt Vorsatz aus - das wird den Schmerz der Angehörigen kaum mindern. Am Montag erging Haftbefehl gegen den Kassenarzt. Er muss sich nun wegen Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen sowie gefährlicher Körperverletzung in sechs Fällen verantworten.

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Tödliche Therapie: Zwei Tote nach Behandlung mit Drogencocktail
Zwar sagte der Mediziner in seiner ersten Vernehmung, welche Drogen während der Sitzung verwendet wurden. Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, wollte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE aber nicht zur Art der verwendeten Substanzen äußern. Er erklärte lediglich, dass es sich um ein breites Spektrum an Rauschmitteln gehandelt habe. Der Tatverdächtige habe nach der ersten Vernehmung beschlossen, sich bis auf weiteres nicht mehr zu dem Sachverhalt zu äußern.

Laut Medienberichten sollen Ecstasy und Amphetamine bei der tödlichen Psychositzung im Spiel gewesen sein. Dafür würde sprechen, dass die Polizei die Patienten laut "Berliner Morgenpost" in "aufgeputschtem und sehr aggressivem" Zustand vorfanden. Die "Bild"-Zeitung berichtete, R.s Patienten hätten auch Heroin zu sich genommen.

Die Obduktion der beiden Leichen sei bereits abgeschlossen, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei SPIEGEL ONLINE. Allerdings werde die chemisch-toxikologische Untersuchung und damit die präzise Bestimmung der verabreichten Substanzen noch längere Zeit in Anspruch nehmen.

Kirschbaumblütenträume und "ehrbarer Inzest"

Ersten Erkenntnissen zufolge arbeitete Garri R. mit seiner Ehefrau Elke P. zusammen, einer Heilpraktikerin. Beide waren Referenten der "Therapeutisch-Tantrisch-Spirituellen Universität Nennigkofen-Lüsslingen" in der Schweiz. Dort hat sich eine Gemeinschaft "Kirschbaumblüte" zusammengefunden, eine Kommune, die laut eigenen Angaben aus 80 Erwachsenen und 55 Kindern besteht.

Die Gemeinde beruft sich auf die Lehren des Schweizer Psychiaters Samuel Widmer, der unter anderem behauptet, das Inzesttabu bedeute eine tiefgreifende Traumatisierung für fast jede Frau. Die Tochter werde vom Vater zurückgewiesen, Körperkontakt und Liebe blieben auf der Strecke. Auch dem Vater sei es dadurch "unmöglich, in einem liebevollen Bezogensein das Richtige herauszufinden und zu tun", zitiert eine Anhängerin Widmers zweifelhafte These im Internet. Was "das Richtige" in einer Inzestbeziehung darstellen könne, wird nicht ausgeführt.

Thilo Beck ist Chefarzt an einer Poliklinik der Arud, der Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen in Zürich. Er sagte SPIEGEL ONLINE: "Der Einsatz von halluzinogenen Substanzen wie LSD, Ecstasy oder auch Psilocybin ist eine interessante Methode bei der Traumatherapie von Schwerkranken." Die Wirksamkeit solcher Therapien für Krebskranke mit Angststörungen werde derzeit in Studien in der Schweiz untersucht - "mit vielversprechenden Ergebnissen". Auch in den USA, Großbritannien und Israel forsche man derzeit in diese Richtung. Allerdings gebe es immer klare Vorgaben, in welchen Dosen und Zeitabständen die Drogen verabreicht würden.

Über den umstrittenen in Solothurn praktizierenden Psychiater Samuel Widmer sagte Beck, er gelte unter Schweizer Kollegen als "schwarzes Schaf". Es habe mehrere Versuche gegeben, ihm die Approbation zu entziehen. Dies gestalte sich jedoch schwierig, weil viele ehemalige Anhänger sich nicht trauten, gegen ihn zu klagen.

Samuel Widmer, der sich auf seiner Website als freundlich lächelnder Herr mit Nickelbrille und Sonnenhut präsentiert, sagte der Nachrichtenagentur dpa nach dem Vorfall vom Samstag, er sei "betroffen". Der Berliner Garri R. sei vor 15 Jahren bei ihm in der Ausbildung gewesen, bestätigte der Vater von elf Kindern. Er selbst arbeite allerdings nur mit genehmigten Substanzen, betonte der Mediziner. "Ich muss also annehmen, dass er etwas anderes genommen hat, denn meine Substanzen sind ungefährlich."

Widmer sagte, er wisse, dass sich diese Therapien, weil sie verboten seien, "massiv im Untergrund ausbreiten". Deswegen fordere er immer, dass die Therapie in das medizinische System eingebunden werde.

Empörung und Entsetzen bei deutschen Psychotherapeuten

Die renommierte Berliner Psychoanalytikerin Eva Jaeggi zeigte sich am Montag empört: "Wenn ein Arzt Drogen gibt, wenn er ganz unkontrolliert offenbar auch den Leuten Drogen verschreibt und das Psychotherapie nennt, dann ist das für mich ganz klar Scharlatanerie", sagte sie im Deutschlandradio.

Jaeggi befürchtet großen Schaden für das Ansehen regulärer Therapie. Gerade sei die Akzeptanz gegenüber der Psychotherapie etwas gewachsen. Der Fall schaffe nun neues Misstrauen.

Auch der Vorsitzende der Psychotherapeutenvereinigung, Dieter Best, verwahrte sich dagegen, dass "Scharlatanerie, wie sie hier betrieben wurde, mit Psychotherapie in Verbindung gebracht wird". Psychotherapie sei ein seriöses und wissenschaftlich gestütztes Verfahren. Von den Krankenkassen erstattet werde sie nur bei Therapeuten mit einer bestimmten Ausbildung.

Die sogenannte psycholytische Therapie, bei der Drogen oder ähnliche Substanzen eingesetzt würden, sei dagegen keine Psychotherapie. Sie sei wissenschaftlich nicht anerkannt und gefährlich, so Best. "Neben strafrechtlichen Konsequenzen, die das Verhalten des Arztes haben wird, droht ihm der Entzug der Approbation", versicherte der Vorsitzende.

Mit Material von dpa



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