Soko Dennis Der Mann mit der Maske

Martin N. hat gestanden, drei Jungen getötet und etwa 40 sexuell missbraucht zu haben. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen beginnt nun der Prozess gegen den Hamburger. Die Vernehmungsprotokolle dokumentieren, wie der ehemalige Jugendbetreuer zum Serientäter wurde.

dapd/ Polizei

Hamburg - Den Kindern muss es wie ein Alptraum vorgekommen sein. Ein Mann, schwarz gekleidet, das Gesicht hinter einer Maske versteckt, der sich nachts an den Ort schleicht, an dem sie sich am sichersten fühlen: zu Hause. Der sich ans Bett pirscht, Angst einjagt und weh tut. Der in der Dunkelheit in Kinderzimmer, Ferienlager, Schullandheime einsteigt, seine Opfer missbraucht, entführt, tötet.

Zwei Jahrzehnte lang hat die Polizei nach Martin N. gefahndet. Im April wurde der 40-Jährige festgenommen, am Montag beginnt unter strengen Sicherheitskontrollen am Landgericht Stade der Prozess gegen ihn wegen dreifachen Mordes und sexuellen Missbrauchs. Etwa 20 Fälle sind allerdings verjährt.

Martin N. hat ein umfassendes Geständnis abgelegt. Ob er sich auch vor Gericht einlassen, alle Details schildern wird, ist unklar. Seine Verteidiger halten sich bislang bedeckt. Tut er es nicht, werden viele seiner Opfer als Zeugen aussagen müssen.

Widerstandslos hatte sich Martin N. am 13. April festnehmen lassen. Auf der Fahrt zum Revier übergab er sich aus dem offenen Fenster. Eine Nacht lang schwieg er zu den Vorwürfen. Am nächsten Tag brach er zusammen, vertraute sich Profiler Alexander Horn und Soko-Chef Martin Erftenbeck an. Das Protokoll der Vernehmung dokumentiert, wie der ehemalige Jugendbetreuer zum Serientäter wurde.

Eine stundenlange Prozedur, an deren Ende der 40-Jährige sagte, er habe jetzt "alles" aufgezählt, was er "angestellt" habe.

"Alles" heißt:

  • 1992 entführte Martin N. den 13-jährigen Stefan J. aus einem Internat in Scheeßel (Kreis Rotenburg) und tötete ihn.
  • Drei Jahre später entführte er den achtjährigen Dennis R. aus einem Ferienlager bei Schleswig.
  • 2001 entführte er aus einem Landheim nahe Bremerhaven den neunjährigen Dennis K. und tötete ihn.

Er habe dabei immer eine Sturmhaube getragen, behauptet Martin N. An zwei der Jungen habe er sich vergangen.

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Martin N.: Der Fall des "Maskenmanns"
Nachdem er Stefan missbraucht hatte, so sagt er auf der Polizeiwache, sei ihm klar geworden, dass er den Jungen nicht mehr weglassen könne, weil er sein Auto und Nummernschild gesehen habe. Dann habe er ihn "umgebracht". Martin N. weint sich durch das Geständnis, verschluckt Sätze, windet sich in Weinkrämpfen, so dokumentiert es das Vernehmungsprotokoll.

Er habe Stefan gestreichelt; ihm in die Hose gefasst und "irgendwie" sei ihm bewusst geworden, dass er "Blödsinn" gemacht habe.

Es gab Phasen, in denen er auf der Jagd war. Mal habe er "irgendwie den Drang" gehabt, dann "wieder lange Zeit" gar nicht, dann habe mal wieder eine Woche dazwischen gelegen. Aber wenn er loszog, dann in der Nacht. Dann stieg er in Wohnhäuser ein, schlich sich in die Kinderzimmer.

Als Betreuer bei Ferienfreizeiten kam er an Adresslisten. Reporter des Magazins "Stern" entdeckten in einem Schachspiel aus seinem Besitz eine Liste von Kindern, die im Sommer 1993 an einer Ferienfreizeit in der Pfalz teilnahmen. Einer der Jungen, dessen Name auf der Liste stand, soll vier Jahre später von N. überfallen und missbraucht worden sein.

Oft spielte ihm der Zufall zu. Immer sei "irgendwas offen" gewesen, sagte er in der Vernehmung. Er habe ganz oft "einfach Glück gehabt", sagte er. Schlüssel hätten im Schloss gesteckt oder unter Fußmatten gelegen. Er habe gestaunt, es selbst gar nicht fassen können, wie einfach es gewesen sei, in fremde Häuser einzudringen. Einmal habe ein Junge sein Fahrrad vor der Tür abgestellt und den Schlüssel hängen lassen, den habe er dann mitgenommen.

Warum er einige Jungen in ihren Betten missbrauchte, andere schlaftrunken aus dem Zimmer trug, konnte er nicht sagen. Er habe "nie irgendwie einen Plan" gehabt.

Vor Gericht steht ein Mann, der den Ermittlern anvertraute, er habe seiner Mutter, die ihn und seine Brüder allein großzog, immer Kummer bereitet. Ein Mann, der exakt in das Raster passt, das die Profiler im Lauf der jahrelangen Fahndung von ihm zeichneten: Einzeltäter, intelligent, sozial integriert, angepasst, im Umgang mit Kindern erfahren. Einer, der alleine lebt und keiner sozialen Kontrolle unterliegt. Einer, den Kinder einfach gern haben und dem man weder Missbrauch noch Mord zutrauen würde - und erst recht nicht, dass er bei jeder Tat ein solch enormes Risiko der Entdeckung auf sich nimmt.

Die Mutter fragte ihn, ob er homosexuell sei

Martin N., 1,96 Meter groß, schlank, geboren und aufgewachsen in Bremen, studierte Mathematik und Physik auf Lehramt, bestand mit Auszeichnung. Sein Studium finanzierte er sich mit Taxifahren. Zwei Kinder tötete er in dieser Zeit unerkannt, sagt er selbst.

1996 bekam er die Pflegschaft für einen Jungen, dessen Mutter alkoholkrank war und dessen Vater wegen Missbrauchs kleiner Mädchen im Gefängnis saß. Martin N. sei für ihn Vaterersatz gewesen, sagt der Junge den Ermittlern. Angefasst habe N. ihn nie.

Das Referendariat brach Martin N. ab, arbeitete in Kindertageseinrichtungen und als Familienbetreuer. Im Internet ersteigerte er Kinderkleidung. Vor elf Jahren zog er nach Hamburg.

2007 geriet der Pädagoge ins Visier der Fahnder - allerdings nur für kurze Zeit. Die Soko Dennis überprüfte 1000 Männer aus der Sexualstraftäterdatei - darunter war Martin N., weil er 1994 und 2004 wegen sexuellen Missbrauchs von Jungen aufgefallen war. Beide Verfahren wurden eingestellt. 2006 fanden Ermittler im Rahmen eines Erpressungsfalls zudem Tausende Bilder von unbekleideten Jungen auf seinem Computer.

In der Vernehmung 2007 ahnte niemand, dass Martin N. - wie er einräumt - bereits drei Jungen getötet, Dutzende missbraucht hat. Über seine sexuellen Präferenzen sagte er damals, er selbst würde sich als bisexuell bezeichnen. Er habe sexuelle Erfahrungen mit Frauen sowie Männern gemacht. Kinder kämen für ihn"überhaupt nicht in Frage". Die Vorwürfe aus der Vergangenheit spielte er runter, sprach von "Grabbelei", mehr sei nicht passiert. Eine Speichelprobe verweigerte er.

Sie habe ihren Sohn gefragt, ob er homosexuell sei, sagte die Mutter nach der Festnahme, weil Martin doch nie eine Freundin gehabt habe. Aber er habe verneint.

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