Mandy S.: Soko kannte mutmaßliche NSU-Gehilfin schon 2007

Sie waren ihr mit modernsten Ermittlungstechniken auf der Spur: Nach SPIEGEL-Informationen tauchte schon 2007 bei der bayerischen Polizei der Name Mandy S. auf. Die Beamten versäumten aber offenbar, den Namen der NSU-Sympathisant mit Verfassungsschutz-Kollegen abzugleichen.

Terror-Trio Zschäpe, Böhnhardt, Mundlos: Schon vor Jahren Kontakte zu Mandy S. Zur Großansicht
DPA/ Ostthüringer Zeitung

Terror-Trio Zschäpe, Böhnhardt, Mundlos: Schon vor Jahren Kontakte zu Mandy S.

Hamburg - Bei ihren Ermittlungen zur "Ceska"-Mordserie hatte die bayerische Polizei bereits 2007 eine Rechtsextremistin im Visier, die heute als Unterstützerin der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) beschuldigt wird. Die Verbindung der Frau zu den 1998 untergetauchten Neonazis Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe wurde von den Ermittlern der Sonderkommission (Soko) "Bosporus" damals jedoch nicht erkannt.

Auf die Spur der mutmaßlichen NSU-Unterstützerin Mandy S. waren die Fahnder nach SPIEGEL-Informationen durch eine "Operative Fallanalyse" gekommen: Sogenannte Profiler hatten der Polizei geraten, die Ermittlungen zu der Mordserie an zumeist türkischen Einwanderern auf Rechtsextremisten aus dem Großraum Nürnberg auszuweiten. Dort wurden drei der insgesamt zehn Morde des NSU begangen.

Die Soko "Bosporus" bat daraufhin das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz um Hilfe. Acht Monate später übermittelte der Nachrichtendienst eine Liste mit den Personalien von 682 Rechtsextremisten, die zum Täterprofil passten. Darunter war Mandy S., die zeitweise in der Nähe von Nürnberg gewohnt hatte und Kontakte zur militanten Neonazi-Gruppierung "Fränkischer Heimatschutz" unterhalten haben soll.

Am Ende jedoch wurden lediglich 161 der 682 Namen überprüft - ob Mandy S. darunter war, ist unklar. Zudem versäumten die Bayern offenbar, die Informationen mit den Daten anderer Sicherheitsbehörden abzugleichen: Mandy S. war 2007 zumindest dem thüringischen und dem sächsischen Landesamt für Verfassungsschutz als "Kontaktperson" der abgetauchten Neonazis Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe bekannt.

In mehreren Vernehmungen räumte die heute 36-Jährige inzwischen ein, dem rechtsextremen Trio geholfen zu haben. So besorgte sie den Angaben zufolge 1998 in Chemnitz eine konspirative Wohnung für die Flüchtigen, die seinerzeit wegen der Vorbereitung von Explosionsverbrechen gesucht wurden. Von den Morden des NSU, so S. zu den Ermittlern, habe sie jedoch nichts gewusst.

Lesen Sie die Geschichte zu dieser Meldung im neuen SPIEGEL. Hier können Sie das neue Heft direkt kaufen oder ein Abo abschließen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Zwickauer Terrorzelle
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.