Somalische Piraten Stammesführer wollen in Geiseldrama vermitteln

Sie wollen hinaus zu dem Rettungsboot, in dem Seeräuber einen US-Kapitän festhalten: Somalische Stammesführer haben angeboten, in dem Geiseldrama zu vermitteln. Zuvor war eine Hilfsaktion der Piraten für ihre Komplizen gescheitert.


Nairobi - Die Stammesführer sowie Verwandte der Geiselnehmer wollten sich dafür einsetzen, dass die Entführung ohne Waffengewalt und ohne Lösegeld beendet wird. Das erklärte Andrew Mwangura vom Seefahrerhilfsprogramm am Samstag in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Die Leitung der Vermittlungsmission übernehme Abdi Ali Mohamed, ein in der Region angesehener somalischer Stammeschef.

Die Gruppe habe sich bereits auf den Weg nach Garacad gemacht, einer Piratenhochburg in der halbautonomen Provinz Puntland im Osten Somalias, teilte Mwangura weiter mit. Von dort aus wollten sich die Vermittler in einem Boot dem Rettungsboot nähern, auf dem vier Piraten den 53-jährigen US-Kapitän Richard Phillips festhalten.

Die Seeräuber hatten zuvor versucht, ihren auf hoher See in dem Rettungsboot treibenden Komplizen mit dem gekaperten deutschen Containerschiff zur Hilfe zu kommen. Doch die Mission misslang. "Wir sind wieder an der Küste. Wir haben das Rettungsboot nicht finden können", sagte einer der Piraten an Bord der "Hansa Stavanger". "Wir hätten uns fast verirrt."

Die Piraten wollten den 20.000-Tonnen-Frachter als eine Art Schutzschild zwischen das Rettungsboot, in dem sich auch ein entführter US-Kapitän befindet, und die vor Ort inzwischen eingetroffenen amerikanischen Kriegsschiffe steuern.

Der US-Frachter "Maersk Alabama" war am Mittwoch von Piraten angegriffen worden. Der Mannschaft gelang es jedoch, die Kontrolle über das Schiff zurückzugewinnen. Der Kapitän wurde als einziges Besatzungsmitglied entführt, seine Kidnapper drohen nun, ihn zu ermorden, sollten sie angegriffen werden.

US-Fregatte eingetroffen

Pentagon-Sprecher Bryan Whitman sagte am Freitagnachmittag, die Fregatte "USS Halyburton" sei inzwischen in dem betreffenden Gebiet im Indischen Ozean eingetroffen. Der Militärsprecher wollte allerdings nicht genau sagen, wie weit das neue Kriegsschiff von dem Boot mit dem entführten Kapitän entfernt ist.

Laut einem US-Regierungsvertreter, der ungenannt bleiben wollte, hat die "USS Halyburton" Hubschrauber an Bord. Etwas weiter entfernt vom Ort des Geschehens hält sich auch das Amphibienschiff "USS Boxer" auf, das nach CNN-Angaben über eine größere Krankenstation verfügt. Auch ein US-Aufklärungsflugzeug hat die Region überflogen. Am nächsten bei den Piraten ist aber noch immer die "USS Bainbridge".

Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums gelang es Phillips, kurzzeitig aus dem Rettungsboot zu fliehen. Schwimmend habe er versucht, zur "USS Bainbridge" zu gelangen, sei aber von den Piraten wieder eingefangen worden. Zu Schaden soll er dabei nicht gekommen sein.

US-Außenministerin Hillary Clinton sagte mit Blick auf die Entführung des US-Kapitäns: "Wir sind tief besorgt und verfolgen die Situation genau." Justizminister Eric Holder betonte, das Verhandlungsteam des FBI arbeite eng mit der Marine zusammen, um ein Ende der Geiselnahme ohne Blutvergießen zu gewährleisten.

"Versuch einer Geiselbefreiung"

Wie man eine Geiselnahme auf hoher See bewältigen soll, ist offenbar auch den Militärs nicht vollkommen klar. "Der Versuch einer Geiselbefreiung wäre etwas völlig anderes, als einen Akt der Piraterie zu verhindern", sagte Konteradmiral Ted Branch im Februar bei einer Anhörung des US-Kongresses. "Man erhöht mit Sicherheit das Risiko für die Besatzungsmitglieder." Deshalb habe man sich bisher nicht darum gerissen, solche Einsätze durchzuführen.

Auch Peter Chalk von der Rand Corporation rät von gewaltsamen Geiselbefreiungen ab. Stattdessen solle man besser die Piratenstützpunkte an Land angreifen. Die derzeit laufende Entsendung zusätzlicher Kriegsschiffe hält er für das falsche Vorgehen. "Damit haben wir zur Eskalation beigetragen", sagte Chalk dem "Wall Street Journal". Allerdings räumte er ein, dass die US-Regierung angesichts des öffentlichen und politischen Drucks kaum eine andere Wahl gehabt habe.

Deutscher Frachter in der Gewalt von Seeräubern

Die Piraten versuchen nach Angaben von Gewährsmännern an Land, den Kapitän auf ein anderes Schiff zu bringen. Dort versprechen sie sich eine bessere Ausgangsposition für Verhandlungen.

Die Piraten haben seit Tagen auch einen deutschen Frachter in ihrer Gewalt. An Bord der "Hansa Stavanger" befinden sich 24 Besatzungsmitglieder - fünf Deutsche, drei Russen, zwei Ukrainer, zwei Philippiner und zwölf Staatsbürger von Tuvalu. Die Bundesregierung hatte nach Informationen des SPIEGEL vor, die "Hansa Stavanger" von der GSG 9 stürmen zu lassen. Die Aktion wurde jedoch kurzfristig abgeblasen. Die Piraten konnten sich und ihre Beute zu schnell in Sicherheit bringen.

Im Golf von Aden haben französische Truppen am Freitag das gekaperte Segelschiff "Tanit" gestürmt. Nach Angaben aus dem französischen Präsidialamt kam dabei eine Geisel ums Leben. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie durch eine Kugel aus der Waffen der französischen Spezialeinheit starb, hieß es. Die vier weiteren Passagiere, darunter ein Kind, seien befreit worden. Bei der Aktion seien zwei Piraten getötet worden.

Zuvor habe es bei Verhandlungen mit den Entführern keine Erfolge gegeben. Die Seeräuber hätten jedoch am Freitag ihre Drohungen verstärkt, das Segelboot sei außerdem in Richtung Küste getrieben. Daher sei ein Militäreinsatz zur Befreiung der Geiseln beschlossen worden, teilte der Elysée-Palast mit.

Unterdessen vermeldeten die Eigentümer eines norwegischen Tankers die Freilassung des entführten Schiffes. Ein Sprecher des Unternehmens Salhus Shipping AS bestätigte Berichte darüber, dass die "MT Bow Asir" freigelassen wurde. Ein Piratensprecher erklärte, für Schiff und die 27-köpfige Besatzung seien 2,4 Millionen Dollar Lösegeld gezahlt worden.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

jdl/AP/Reuters/AFP

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